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Sonntag, Leute!

Ein großer Haufe ist
ein Beweis vom Schlechtesten

So lange wir freilich überallhin herumschweifen, keinem Führer folgend, sondern dem verworrenen Gelärme und Geschrei der uns nach ganz verschiedenen Seiten hin Rufenden, wird unser so kurzes Leben unter stetem Irregehen verfließen, auch wenn wir uns Tag und Nacht um eine richtige Ansicht bemühen. Daher entscheide man sich, sowohl wohin man wolle, als auf welchem Wege, und nicht ohne einen kundigen Führer, der das, worauf wir zuschreiten, bereits erforscht hat, weil hier nicht dasselbe Verhältnis stattfindet wie bei den übrigen Reisen. Bei jenen lassen uns ein Fußpfad, den man festhält, und Bewohner der Gegend, die man befragt, nicht irren, hier aber täuscht gerade der betretenste und besuchteste Weg am meisten.

Deshalb haben wir auf nichts mehr zu achten, als dass wir nicht nach Art des Viehes der Schar der Vorangehenden folgen, fortwandernd nicht, wo man gehen soll, sondern wo von anderen gegangen wird. Und doch verwickelt uns nichts in größere Übbel, als dass wir uns nach dem Gerede der Leute richten, indem wir das für das Beste halten, was mit großer Zustimmung angenommen ist und wovon wir viele Beispiele haben, und dass wir nicht nach Vernunftgründen, sondern nach Beispielen leben: daher jene gewaltige Zusammenhäufung von Leuten, die einer über den aAnderen hinfallen. Was bei einem großen Menschengedränge der Fall ist, wo das Volk sich selbst drückt, dass niemand fällt, ohne noch einen anderen sich nachzuziehen und die Vordersten den Folgenden verderblich werden, das kannst du im ganzen Leben sich ereignen sehen: Niemand irrt nur für sich allein, sondern er ist auch Grund und Urheber fremden Irrtums.

Denn es ist schädlich, sich den Vorangehenden anzuschließen; und während ein jeder lieber glauben als nachdenken will, so wird über das Leben nie nachgedacht; immer glaubt man nur anderen, und ein von Hand zu Hand fortgepflanzter Irrtum lenkt uns und stürzt uns ins Verderben; durch fremde Beispiele gehen wir zu Grunde. Wir werden geheilt werden, sobald wir uns nur vom großen Haufen absondern; so aber steht der Volkshaufe, der Verteidiger seines eigenen Verderbens, der Vernunft feindlich gegenüber. Und so geht es denn wie in den Wahlversammlungen, wo sich dieselben Leute darüber verwundern, dass einer Prätor geworden, die ihn selbst dazu gemacht haben, wenn sich wandelbare Volksgunst gedreht hat. Eben dasselbe billigen, eben dasselbe tadeln wir: das ist der Ausgang eines jeden Gerichtes, wobei nach der Mehrzahl entschieden wird. Wenn es sich um ein glückseliges Leben handelt, darfst du mir nicht mit jener Äußerung bei Senatsabstimmungen antworten: "Dieser Teil scheint der größere zu sein". Denn eben deshalb ist er der schlimmere.

Es steht mit der Sache der Menschheit nicht so gut, dass das Bessere der Mehrzahl gefällt; ein großer Haufe ist ein Beweis vom Schlechtesten. Lass uns daher fragen, was am besten zu tun sei, nicht was am gewöhnlichsten geschehe, und was uns in den Besitz eines ewigen Glücks setze, nicht was dem großen Haufen, dem schlechtesten Dolmetscher der Wahrheit, genehm sei. Den großen Haufen aber nenne ich eben sowohl die Leute mit Kronen, als die im Flausrock. Denn ich sehe nicht auf die Farbe der Kleider, womit die Leiber geziert sind; den Augen traue ich nicht bei einem Urteil über den Menschen. Ich habe ein besseres und zuverlässigeres Licht, worin ich das Wahre vom Falschen unterscheiden kann.

Des Geistes Wert finde auch der Geist auf. Wenn dieser einmal Zeit gewinnt, sich zu erholen und in sich selbst zurückzuziehen, o wie wird er, von sich selbst gefoltert, sich die Wahrheit gestehen und fragen: "Alles, was ich bisher getan, möchte ich lieber ungeschehen wissen; wenn ich an alles zurückdenke, was ich gesprochen habe, so lache ich über Vieles; alles, was ich gewünscht habe, dünkt mir ein Fluch von Feinden, alles, was ich gefürchtet, o ihr guten Götter, wie viel leichter zu ertragen war es, als das, was ich wünschte? Mit Vielen habe ich in Feindschaft gelebt und bin aus dem Hasse, wenn es anders unter Schlechten Freundschaft gibt, wieder zur Freundschaft zurückgekehrt; mir selbst aber bin ich noch kein Freund. Ich habe mir alle Mühe gegeben, mich aus der Menge hervorzuheben und durch irgendein Talent bemerkbar zu machen; was anderes habe ich davon, als dass ich mich den Geschossen ausgesetzt und dem Übelwollen gezeigt habe, wo es mich packen könne?

Siehst du jene Leute, die deine Beredtsamkeit preisen, deinem Reichtum nachgehen, um deine Gunst buhlen, deine Macht in den Himmel erheben? Sie alle sind deine Feinde, oder, was gleich ist, können es sein. Wie groß die Schar der Bewunderer, so groß ist die der Neider".
(Lucius Annaeus Seneca, "Vom glückseligen Leben")

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