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Gerechtigkeit für alle

Das Augenmerk immer auf die Tatsachen richten

(tutut) - Die Gerechtigkeit ist eine Übereinkunft, die einen Nutzen im Auge hat, nämlich einander nicht zu schädigen und voneinander nicht Schaden zu erleiden. Für alle die Lebewesen, die keine Abmachungen darüber treffen konnten, einander nicht zu schädigen und voneinander nicht geschädigt zu werden, für alle diese gibt es keine Gerechtigkeit, auch keine Ungerechtigkeit. Das gleiche gilt auch für Völker, die weder die Möglichkeit noch den Wunsch hatten, Übereinkommen zu treffen, einander nicht Schaden zuzufügen und auch nicht voneinander geschädigt zu werden. Gerechtigkeit an sich hat es auf irgendwelche Weise nie gegeben; sondern bei dem gegen­seitigen Verkehr der Menschen untereinander in verschieden großen Räumen ist sie eine Art Abmachung darüber, einander nicht zu schädigen und voneinander keinen Schaden zu erleiden.

Die Ungerechtigkeit ist nicht ein Übel an sich, sondern besteht nur in der argwöhnischen Besorgnis, man könne den Richtern nicht entgehen, die zur Bestrafung derartiger Taten bestellt sind. Wer heimlich gegen die Abmachung verstößt, einander keinen Schaden zuzufügen und voneinander nicht geschädigt zu werden, der darf nicht darauf rechnen, daß er der Strafe entgeht, selbst wenn er für den Augenblick tausendmal unentdeckt bleibt. Denn es ist durchaus ungewiß, ob seine Tat bis zu seinem Tode im verborgenen bleibt.

In einem Gemeinwesen gilt allen ein und dasselbe für gerecht; denn es bringt in der Gemeinschaft der Menschen untereinander Nutzen. Doch aus der Besonderheit eines Landes und aus allen möglichen Veranlassungen ergibt es sich, daß nicht allen Menschen ein und dasselbe für gerecht gelten kann. Was sich innerhalb einer Gemeinschaft in den wechselseitigen Bedürfnissen als nützlich er­wiesen hat und als gerecht zum Gesetz erhoben ist, das besitzt den Charakter des Gerechten, ob nun ein und dasselbe für alle gleicherweise gerecht ist oder nicht.

Erläßt aber jemand ein Ge­setz das dem wechselseitigen Nutzen innerhalb der Gemeinschaft nicht förderlich ist, dann besitzt es nicht mehr die Eigenschaft des wirklich Gerechten. Auch wenn der Nutzen, der durch das Recht geschaffen ist, ins Gegenteil umschlägt, aber eine ganze Zeit der allgemeinen Vorstellung der Menschen von Recht entsprochen hat, dann war dies trotz alledem eben für jene Zeit gerecht für alle, die sich durch leeres Gerede nicht verwirren lassen, sondern einfach ihr Augenmerk auf die Tatsachen richten.

Da, wo sich die gewordenen Verhältnisse zwar nicht geändert haben, es sich aber zeigt, daß das gesetzliche Recht der allgemeinen Vor­stellung von seinen Wirkungen nicht mehr entspricht, da war es eben nicht Recht. Wo sich aber die Verhältnisse geändert haben und das bisher bestehende Recht keinen Nutzen mehr bringt, da war es so lange Recht, als es der wechselseitigen Gemeinschaft aller Staatsbürger von Nutzen war; später aber war es nicht mehr Recht, als es nicht mehr Nutzen brachte.
(Epikur, 341 - 270 v.Chr.)

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