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Gestern auch sie ein Opfer

Zur Rede Angela Merkels am Tag der Deutschen Einheit

VON GASTAUTOR JOSEF HUEBER

Wie Merkel mit glatter Rhetorik plastische Chirurgie im Gedenken an die Wiedervereinigung betreibt, den historischen Widerstand der damaligen DDR-Bürger zwar als mutig beschreibt, sich selbst aber als Opfer des SED-Systems stilisiert und Kritik an den politischen Misständen damals wie heute als falsche Haltung dem Staat gegenüber verunglimpft.

Symbolik – christlich und politisch
In der Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee sieht man einen Putto, der genüsslich seinen mit Honig beklebten Finger abschleckt. Dies tut er, so sagt man, zu Ehren des Hl. Bernhard von Clairvaux, dessen Worte in seinen Predigten wie süßer Honig auf die Zuhörer wirkten. Man nennt ihn deswegen den Birnauer Honigschlecker.

Wie viele christliche Symbole, hat auch dieses eine zweite Ebene. Süßer Honig ist auch ein traditionelles Bild für die Sprache der Versuchung des Erzfeindes Gottes. Dessen Worte gelten als süße Verführung zur Täuschung der Menschen, so dass sie Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden können.

Die Rede der Bundeskanzlerin zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel ist geradezu ein Beweis für die Gültigkeit großer Symbolik in jede Zeit hinein. Ihre Gedanken sind bestbekömmlich in den Worten, aber bei genauerer Betrachtung benötigt das intendierte – und im Saal der Zuhörer offensichtlich auch bewirkte – Unisono des Denkens als Grundlage den süßen Honig der schmackhaften Aussagen, ob Wahrheit oder Scheinwahrheit. Unfreundlicher formuliert: Die Rede war Geschichtsvernebelung auf Kosten derjenigen, die – ausschließlich – wirkliches Lob für ihre historische Leistung – auch heute noch – verdient hätten.

Perfekte Rhetorik – das gelungene Täuschungsmanöver
Dem Redenschreiber darf man Kompetenz bescheinigen. Die Formulierungen sind, wie sollte es auch anders sein, glattgefeilt. Sie lassen selbst in fragwürdigen Aussagen aufgrund ihrer in der politisch korrekten Denke fest etablierten Phraseologie kein Unbehagen zu. Der häufig gezollte Beifall des andächtigen Publikums beweist das. Das Magazin Der Spiegel gibt das erwünschte Feedback, wenn man zur Rede der Kanzlerin titelt: „Merkel ehrt Opfer der DDR-Diktatur”. Und im Untertitel gleich nochmal: “Kanzlerin Angela Merkel würdigte in ihrer Rede die Leistungen der Ostdeutschen bei der Überwindung der SED-Diktatur”.

Tat sie das wirklich?
Ja, sie spricht die Opfer an. So klingt das: „ …möchte ich in dieser Stunde zunächst ganz besonders an die Opfer der SED-Diktatur denken, an die, die ihr Leben bei Fluchtversuchen verloren hatten, wie auch an die, die benachteiligt, verfolgt, inhaftiert worden waren.”

Damit ist es aber auch schon abgetan mit (nicht allzu sehr) erschreckenden, weil nicht recht griffigen Formulierungen wie benachteiligt, inhaftiert, verfolgt oder Leben verloren [ statt „ermordet wurden“]. Die Brutalität des Regimes im alltäglichen Leben der DDR, auch im Alltag, mit schonungslosen Worten zu beschreiben, das fehlt. Emotionalisierende Begriffe wie Folter, Gefängnis, Bespitzelung, IM, abhören, Staatssicherheit, Mauerschützen und v.a. finden sich nicht.

Gegen all diese Abscheulichkeiten, so der Eindruck beim Anhören der feierlichen, unanstößigen Formulierungen, haben die DDR-Bürger wohl auch nicht gekämpft. In Merkels Laudatio ist nämlich die Rede von deren “Forderungen nach Gewaltenteilung, Pressefreiheit und demokratischen Wahlen.”

Stimmt alles, lässt aber in der Blässe der abstrakten Begriffe die brutale Realität und die wahre, menschliche Sehnsucht in den Herzen der Unterdrückten außen vor. Wie die aussah, und was die wirklichen Ursachen und Ziele der Befreiungshoffnungen waren, das lässt sich u. a. nachlesen in Vera Lengsfelds Büchern wie Ich wollte frei sein oder Mein Weg zur Freiheit. Die Verfolgung der Menschen im Alltag mit Schikanen jeder erdenklichen Art – bis hin zur „Zersetzung“ von Familien- das war es, worunter die Menschen in erster Linie physisch und psychisch gelitten haben, nicht nur der Gedanke an demokratische Wahlen oder Gewaltenteilung.

Das Erleben der Kanzlerin 1989 und 1990
Die Neue Züricher Zeitung bemerkt: „Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nicht dafür bekannt, eigene Erlebnisse in ihre Reden einzustreuen“, um dann als bemerkenswert eine Ausnahme in der Ansprache zu erwähnen. „Bei ihrer Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel schilderte Merkel jedoch eine persönliche Beobachtung, um die Schwierigkeit der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland zu illustrieren.“

Was für sie auf dem Weg zur Berliner Philharmonie anlässlich der Feier zum Tag der Deutschen Einheit 1990 einen „Kulturschock“ auslöste, war die Beobachtung, wie „über Nacht die DDR-Volkspolizisten in Westberliner Uniformen gekleidet“ auftraten. Warum war das schockierend? Ihr wurde, sagt sie, bewusst, dass „jeder einzelne Mensch, nicht nur Offiziere und Volkspolizisten, sondern wir alle, die wir in der DDR gelebt hatten – sein Denken, Fühlen und Erfahren nicht einfach an der Garderobe abgeben“ konnte.

Von ihren Gefühlen am Tag des Mauerfalls 1989 erfahren wir freilich nur Spärliches und Schablonenhaftes. Es waren „Momente des Glücks, der Zuversicht, der Offenheit“ – der letzte Begriff taktisch klug gesetzt, weil es im Fortgang der Rede leitmotivisch um die „Offenheit“ der Bundesrepublik für die (nicht explizit thematisierte) Einwanderungspolitik geht, die dennoch mit dem Begriff der „offenen“ Grenzen von 1989 vorausschauend parallelisiert werden soll. Dieser sprachliche Trick reiht sich ein in die bisher erfolgreiche Suche nach wirksamen, populistischen, historischen Vergleichen, die zwar faktisch nicht haltbar sind, aber stimmungspolitisch gleichschaltend rüberkommen. Beispiel? Der Zustrom von kulturell völlig anders geprägten Zuwanderern wurde nicht nur einmal mit den Flüchtlingswellen deutscher Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten verglichen.

Die Kanzlerin, die DDR- Diktatur und wir alle
Im Gegensatz zur Kanzlerin, für die die deutsche Einheit „Momente des Glücks, der Zuversicht, der Offenheit” bedeutete, gab es nach ihrer Deutung andere, die sich nicht auf das “Wagnis der Offenheit [!]“ freuten. Der Grund hierfür lag darin, dass “die DDR für sie so etwas wie ein Gerüst gewesen war, natürlich eng, aber eines, das doch irgendwie Halt zu geben schien.” Dies bedeutete zwar eine Einschränkung der “eigenen Fähigkeiten” und eine Grenze für die “individuellen Stärken”, was aber auch die Bequemlichkeit nach sich zog, „auf den Staat verweisen zu können, wenn etwas misslungen war.” Es verhinderte auf diese Weise “über eigene Fehler nachzudenken.”

Summa summarum: Der Einzelne, sich verlassend auf den Staat, erkannte nicht die Verantwortung und Folgen seines Nicht-Handelns für das Scheitern der Regierung. Aus Bequemlichkeit.

Sie selbst, sagt sie, sei auch Opfer dieser Umstände gewesen, „zu DDR-Zeiten eine Falle, in die man tappen konnte – auch ich habe mich dabei erwischt.“ Die Kanzlerin heute war gestern das Opfer.

Wenn das keine den DDR-Bürgern nachträglich verpasste Zuweisung von Schuld und eine Exkulpation der DDR-Diktatur sowie ihrer eigenen Person/Biografie ist? Indem Opfer und Täter vertauscht werden?

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ (Mark Twain)
Was liegt näher, als am Gedenktag der Einheit dieses Erklärungsmuster auf heute zu übertragen?

Ja, die Kanzlerin bemerkte missbilligend, „dass auch heute manche und zwar in ganz Deutschland, die Ursache für „Schwierigkeiten und Widrigkeiten [eine der vielen verharmlosenden Vokabeln] im jetzigen Deutschland vor allem und zuerst beim Staat und den sogenannten Eliten suchen.”

Die Schuldzuweisung ist synchronisierbar. Die von der jetzigen Regierung verursachten, teilweise katastrophalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen berechtigen den Bürger folglich nicht, den Staat und seine Repräsentanten haftbar zu machen? Der politisch instrumentalisierte Appell an alle Bürger, aufgrund der historischen Erfahrung, nicht denselben Fehler zu wiederholen, den so viele Menschen zu Zeiten der DDR-Diktatur machten, ist unüberhörbar.

Die Frage, was der Westen vom Osten lernen soll, ist damit beantwortet. Politikern kann nicht die Schuld für gescheiterte Politik zugewiesen werden. Es ist eigenes Versagen, „Verantwortung in Freiheit“ nicht übernehmen zu wollen.

Die Helden damals – heute die Verschmähten
Merkels Rede bot in Teilen nur den Anschein einer Hymne auf die Menschen im Osten vor 1989. Wenn man jedoch der stärksten, demokratisch legitimierten Oppositionspartei, besonders erfolgreich im Osten, das „offene Gespräch“ grundsätzlich verweigert sowie jegliche Art von Regierungsbeteiligung ausschließt, dagegen reine Zweckbündnisse selbst mit den Nachfolgepartei der SED (machtpolitisch motiviert) für denkbar hält, die Wähler der größten Oppositionspartei als „Pack“ bezeichnet werden (von der Kanzlerin öffentlich gemaßregelt ?) – dann steht der Festredner zum Tag der Deutschen Einheit nackt wie der Kaiser vor dem Volk. Anders als den Zuschauern im Märchen vergeht dann dabei den nach außen hin Gefeierten freilich das Lachen.

Die Helden von 1989 sind es, die sich heute gegen Ausgrenzung wehren müssen, weil ihr Wählerwille ignoriert bzw. diffamiert wird. Dabei sind sie es, die den Geist der Unfreiheit aus Zeiten der DDR wieder spüren, die riechen, dass er aus der importierten Flasche der Unfreiheit gerade entweicht. Vor 1989 nannte man die Andersdenkenden „Klassenfeinde“, heute unternimmt die Kanzlerin nichts, um die in persona meist Identischen gegen den Vorwurf, rechtsnational und reaktionär zu sein, zu verteidigen, weil sie nicht so wählen, wie es ihrem Machterhalt dient.

Hier liegt der Kern der Fragwürdigkeit ihrer Rede.
(vera-lengsfeld.de)

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