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Sonntag, Leute!

Luther floh nicht vor der Pest in Wittenberg, sondern packte an

Laut Medizinhistoriker Vivan Nutton wurde eine Stadt zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert etwa alle zehn Jahre von einer Pestepidemie heimgesucht. Krankheiten waren natürlicher Teil des Lebensrhythmus, aber die Pest mit einer Sterblichkeitsrate von 60 bis 90 Prozent (rund 1 Prozent bei Covid-19) besonders schrecklich. Wie gehen Gläubige mit solchen Epidemien um. Jeder konnte und kann erleben, wie Kirchen sich dem Staat ergeben, und selbst ein Papst auf einen leeren Petersplatz blickt, während Jesus "viele" Menschen auf einem Berg traf, um ihnen die Schrift neu auszulegen. Im Gegensatz zu seinen heutigen Nachfahren, ob katholisch oder protestantisch, hat Martin Luther völlig anders reagiert, als die Pest in Wittenberg herrschte. Vorlesungen wurden in eine andere nicht betroffene Stadt verlegt. Luther aber blieb während der Pest in Wittenberg, sorgte für Kranke und Sterbende, verwandelte sein Zuhause in ein provisorisches Krankenhaus. Er erlebte den Tod vieler Familienmitglieder und Freunde, sogar eigener Kinder mit, ihn selbst plagten Krankheiten.

Zwei Briefe

Am 26. Oktober 1516, ein Jahr vor den Thesen, schreibt Luther an Johann
Lang(e), einen Professorenkollege an der Wittenberger Universität (Lang war später maßgeblich beteiligt an der Einführung der Reformation in Erfurt und ihren Einzug in die Universität):

Du schreibst, daß Du gestern über das zweite Buch der Sentenzen zu lesen ngefangen habest. Ich werde morgen den Brief an die Galater beginnen, obwohl ich zweifle, die Pest werde die Fortsetzung des Begonnenen erlauben. Die Pest bei uns rafft höchstens (doch noch nicht an jedem Tage) drei oder zwei hinweg. Aber der Schmied, unser Nachbar gegenüber, hat heute einen Sohn begraben, der gestern noch gesund war; der andere liegt angesteckt darnieder. Was soll ich sagen? Sie ist da und beginnt gar rauh und plötzlich, besonders bei
jüngeren Leuten. Und Du rätst mir, und mit Dir Magister Bartholomäus, zur Flucht! Wohin soll ich fliehen? Ich hoffe, daß die Welt nicht zusammenstürzen wird, wenn Bruder Martin stürzt. Die Brüder freilich werde ich bei Ausweitung der Pest in alle Lande zerstreuen. Ich bin hierher gesetzt; aus Gehorsam steht es mir nicht frei zu fliehen,…bis der Gehorsam, der da geboten hat, erneut gebietet. Nicht, daß ich den Tod nicht fürchte (denn ich bin nicht der Apostel Paulus, sondern nur jemand, der Vorlesungen über den Apostel Paulus hält). Aber ich hoffe, der Herr wird mich aus meiner Furcht herausreißen.

An Georg Spalatin schreibt er ca. 11 Jahre später (19. August 1527):
Die Pest hat hier zwar angefangen, aber sie ist recht gnädig. Die Furcht und die Flucht der Leute…davor ist jedoch erstaunlich, so daß ich eine solche Ungeheuerlichkeit des Satans vorher noch nicht gesehen habe. So sehr erschreckt (er die Leute), ja er freut sich, die Herzen so verzagt zu machen, natürlich damit er diese einzigartige Universität zerstreue und verderbe, welche er nicht ohne Ursache vor allen anderen haßt. Jedoch sind während der ganzen Zeit der Pest bis auf diesen Tag nicht mehr als 18 Todesfälle gewesen einschließlich derer, die innerhalb der Stadt waren, Mädchen und Kinder und alles mitgezählt. In der Fischervorstadt… hat sie heftiger gewütet, in unserem Stadtteil… ist noch kein Todesfall, obwohl alle Toten da begraben werden. Heute haben wir die Frau von Thilo Dhene…begraben, welche gestern fast in meinen Armen gestorben ist, und dies ist der erste Todesfall mitten in der Stadt. Jene 18 Beerdigungen haben um mich her nur am Elstertor stattgefunden. Unter ihnen war auch Barbara, die Schwester Eures Eberhard (Brisger), die schon erwachsen war. Das sage dem Magister Eberhard. Aber auch die Tochter des Johannes Grunenberg…ist gestorben. Hans Lufft…ist wieder aufgekommen und hat die Pest überwunden, und viele andere würden wieder gesund, wenn sie Arznei nähmen. Aber viele sind so beschränkt, daß sie die Arzneien verachten und ohne Ursache sterben. Der kleine Sohn des Justus Jonas, Johannes, ist auch gestorben. Er war mit seiner Familie nach Hause gefahren. Ich bleibe, und das ist wegen dieser ungeheuren Furcht unter dem Volke nötig.Daher sind Bugenhagen und ich allein hier mit den Kapellanen…Christus aber ist da, damit wir nicht allein sind. Er wird auch in uns triumphieren über die alte Schlange, den Mörder und Urheber der Sünde, wie sehr er auch immer seine Ferse stechen mag (1. Mose 3, 15). Betet für uns und gehabt Euch wohl.

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