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Wie anmaßend der Gedanke, Natur beherrschen zu können

Von Vera Lengsfeld

Über viele Wochen hatte ich La Gomera nur ab und zu als Silhouette am Strand von Pal Mar gesehen, wenn überhaupt, denn an vielen Tagen lag die legendäre Insel unter einer dicken Wolkenschicht verborgen. In die Europäische Geschichte ging der Vulkanbuckel im Atlantik ein, als Kolumbus ihn zur letzten Station vor seinem endgültigen Aufbruch zur Entdeckung der Westroute nach Indien erkor, die ihn nicht ans ersehnte Ziel, aber nach Amerika brachte. In San Sebastian, der „Hauptstadt“ von La Gomera, die an der einzigen Stelle liegt, wo Schiffe landen können, gibt es Kolumbus-Routen, die an wirkliche und vermutete Plätze führen, an denen der Abenteurer verweilt hat.

Wir schifften uns in Los Christianos auf die Fähre ein. Tags zuvor hatte es in Palm Mar ein Jahrzehnt-, wenn nicht gar Jahrhundert-Unwetter gegeben. Statt des üblichen tröpfelnden Schauers, regnete es anderthalb Stunden lang buchstäblich Strippen. Von den umliegenden Bergen wurde Lava und Gestein, mitgerissen von heftigen Bächen, auf die Straßen gespült. Autos gerieten unter Wasser, eine Tiefgarage lief so voll, dass die in ihr abgestellten Fahrzeuge absoffen. Der Schlamm machte manche Straßenabschnitte unpassierbar. Am Nachmittag kam die Sonne wieder und trocknete höher gelegene Stellen schnell. Aber große Wasserlachen waren auch noch am nächsten Tag zu sehen.

Laut Wetter-App sollte es am nächsten Tag eitel Sonnenschein geben, aber die Sonne war hinter einer diesigen Dunstschicht versteckt. Der Taxifahrer, der uns nach Los Christianos zum Hafen brachte, erzählte, dass nur Pal Mar so schwer getroffen worden sei. Der Rest von Teneriffa sei kaum betroffen gewesen.

Als wir uns mit der Fähre La Gomera näherten, sahen wir die Klippen und San Sebastian nur wie durch einen Schleier. Wir waren erst unsicher, ob das an den ungeputzten Fenstern des Schiffes lag, aber nach dem Ausstieg stellten wir fest, dass dem nicht so war. Einen Bus ins Hermingua-Tal, wo wir uns einquartiert hatten, weil im Valle Gran Rey nichts mehr zu haben war, gab es erst wieder am Abend, also nahmen wir ein Taxi. Die Fahrt durch die zerklüftete Vulkanlandschaft war nicht nur wegen ihres Anblicks atemberaubend, sondern wegen der Serpentinen, die unser Fahrer mit hohem Tempo bewältigte.

Wir landeten tatsächlich heil vor unserem Hotel, das direkt an der Straße lag. Allerdings sah es verschlossen aus. Dabei hatten wir unsere angekündigte Ankunftszeit exakt eingehalten. Wir entdeckten einen Nebeneingang, der durch eine dämmrigen Flur mit eingemauertem Goldfischbecken auf einen kleinen unaufgeräumten Hinterhof führte. Linkerhand sahen wir durch eine geöffnete Tür ein Zimmer mit ungemachten Betten, das außerdem schmuddelig wirkte. Im Hof stand ein Mann in einem undefinierbaren Outfit, der bei unserem Anblick etwas in eine geöffnete Tür rief. Es erschien ein weiterer Mann in ziemlich schmutzigen Arbeitsklamotten, der uns zurück auf die Straße vor das Haus dirigierte und eine Tür aufschloss, die in eine Art unaufgeräumten Abstellraum zu führen schien. Das war wohl die Rezeption, wie ich an auf dem Tisch liegenden Formularen erkannte. Daneben lagen zwei Rattenfallen.

Der Mann ließ uns vor der Tür stehen und stürmte die Straße hinunter. Meine Reisegefährtin nutzte den Moment, um ein anderes Hotel anzurufen, das glücklicherweise noch ein Zimmer frei hatte. Als der Mann zurückkam, machten wir ihm klar, dass wir die Rattenfallen gesehen hatten und nicht daran dachten, sein Hotel zu beziehen. Später schickte er uns per Whats App eine Erklärung, er hätte die Fallen bei der Renovierung gefunden, sein Hotel hätte ein Zertifikat, dass es rattenfrei sei.

Das andere Hotel lag hoch auf dem Hang, und der Zugang war nicht einfach zu finden, obwohl man es von unten gut sehen konnte. Beim Aufstieg legte sich eine Schicht auf meine Bronchien. Es fühlte sich an wie der fast vergessene Smog aus der DDR. Von der Terrasse des Gartenhauses, das wir gemietet hatten, hätte man unter normalen Umständen einen spektakulären Blick auf den Ozean haben können. Der Strand war aber unter einer Dunstschicht nur zu erahnen. Aber unser aus Naturstein gemauertes, mit Antiquitäten bestücktes Häuschen war so schön, dass es die fehlende Aussicht aufwog. Wir mussten dann noch einmal ins Tal, um zu Abend zu essen.

Hermingua ist eine seltsame Mischung aus sorgsam gewarteten Neu- und Altbauten und verfallenen Anwesen mittendrin. Manche Häuser scheinen förmlich am Hang zu kleben, man fragt sich, wie die Bewohner sich versorgen. Die Treppe, die wir benutzten, um ins Tal zu kommen, war so steil, dass man Gefahr lief, jeden Augenblick auszurutschen. Wie bewältigt man das jeden Tag?

Das Restaurant, das wir aufsuchten, war anfangs ganz leer, aber das Essen war köstlich. Als wir es verließen, waren ein paar mehr Tische besetzt, aber insgesamt betrug die Auslastung etwa ein Fünftel der Kapazität. Auf Teneriffa gab es im Jahr 2021 nur 30% der üblichen Touristenzahl, eine wirtschaftliche Katastrophe für die Insel, deren Hauptwirtschaftszweig Tourismus ist. Auf La Gomera scheint es nicht viel anders zu sein.

Am nächsten Morgen mussten wir feststellen, dass sich der Sandnebel noch verdichtet hatte. Die Wetter-App zeigte, dass die Luftqualität gefährlich für die menschliche Gesundheit sei. Das bestätigte uns ein Deutscher, der auf Teneriffa lebt und gekommen war, um den Sandsturm zu fotografieren. Wir sollten auf keinen Fall eine Wanderung unternehmen und alles vermeiden, was tiefe Atmung erfordert. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, eine FFP2-Maske wirklich zu benötigen. Aber außer uns scheinen alle Hotelgäste trotzdem zu ihren geplanten Wanderungen aufgebrochen zu sein. Ich ziehe es vor, innerhalb der schönen Natursteinmauern zu bleiben und die Insel zu einem späteren Zeitpunkt kennenzulernen.

Das Phänomen Sandsturm zeigt mir, wie mächtig die Natur ist, und wie anmaßend der Gedanke, dass man sie beherrschen könnte.
(vera-lengsfeld.de)