Springe zum Inhalt

Abbild uralter Denkweisen

Sieht deutsche Politik in Osteuropa wieder „Untermenschen“?

Von W. SCHMITT

Die alberne Regenbogen-Show zum Spiel Deutschland gegen Ungarn wirft auch ein Licht auf den erschreckend schlechten Zustand unserer Beziehungen zu fast allen Ländern Osteuropas. Feindesland überall, wie es scheint: Nicht nur Ungarn, sondern auch Polen, Russland, Weißrussland und Serbien stehen seit Jahren ganz oben auf der Abschussliste unserer Diplomatie. Es folgen die Visegrad-Staaten Tschechien und Slowakei als Bösewicht-Länder zweiten Grades, und mit Bulgarien steht Deutschland auch nicht auf gutem Fuß. Die einzigen osteuropäischen Länder, mit denen Deutschland heute noch wirklich gute Beziehungen unterhält, sind Rumänien, die Ukraine und das Baltikum. Erstaunlicherweise kennen wir genau diese Konstellation durchaus ähnlich bereits aus Hitlers Zeiten.

Unter Helmut Kohl hatte Deutschland mit allen Ländern Osteuropas enge und freundschaftliche Beziehungen. Heute würde sich Hitlers Außenminister von Ribbentrop auf Merkels diplomatischer Landkarte schnell wieder zurechtfinden. Wie konnte das passieren?

Zunächst einmal haben die schlechten Beziehungen mit Osteuropa nichts mit objektiven Sachlagen in diesen Ländern zu tun. Russland hat die Krim besetzt, die Türkei hat Nordzypern besetzt, aber gegen Russland verlangt Deutschland Sanktionen, die Türkei schützt man davor. Russland zündelt in der Ostukraine, die Türkei zündelte in Berg-Karabagh, aber wieder das gleiche Spiel: Sanktionen hier, keine Sanktionen dort. Die Geschehnisse auf der Krim oder in der Ostukraine erklären also nicht die neue deutsche Feindseligkeit gegenüber Russland.

Ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Ländern Osteuropas, Sachgründe allein genügen nicht zum Verständnis unseres undiplomatischen Verhaltens: Die Visegrad-Länder nehmen keine illegal eingedrungenen Ausländer ins Land, aber damit sind sie im Recht, es ist bekanntlich Deutschland, für dessen außer Rand und Band geratene „Flüchtlingspolitik“ es noch immer keine Rechtsgrundlage gibt. Weißrussland ist eine Diktatur, aber das ist Kuba, beliebtes Reiseziel deutscher Politiker, ebenfalls. Und wenn der CIA ein Verkehrsflugzeug rechtswidrig zur Landung zwingen würde, würde Deutschland garantiert keine Sanktionen gegen die USA fordern.

Letztlich der aktuelle Zwist mit Ungarn: Homosexuelle werden in Ungarn nicht verfolgt, aber in Budapest hat man eine andere Meinung als in Berlin zu der Frage, ob die zahllosen sexuellen Neigungen, die wir Menschen haben, ein Thema für den Schulunterricht sein müssen. Demgegenüber landen Homosexuelle in Katar im Gefängnis, aber bei der dortigen WM 2022 wird Manuel Neuer ganz bestimmt keine Regenbogenfahne am Arm tragen, da ist dann die Moral nicht mehr so wichtig.

Wir sehen: Die angeblichen Sachgründe, die unser schlechtes Verhältnis zu Osteuropa erklären sollen, sind offenbar nur vorgeschoben. Auch die westliche Kulturrevolution von 1968 ins Feld zu führen, die als maoistische Bewegung ja im Sowjetreich unterdrückt wurde und das Verständnis zwischen West und Ost bis heute erschwert, hilft nicht weiter: Die Kulturrevolution von 1968 fand sowieso nur in China, Kambodscha und den „westlichen“ Ländern statt, und trotzdem verstehen wir uns mit den meisten Ländern der Welt und unterhalten gute Beziehungen. Es muss also noch andere Gründe dafür geben, weshalb die deutsche Außenpolitik so auffällig gerade in Osteuropa den starken Max markiert.

Diese Gründe sind tatsächlich schnell gefunden: Wie unter Hitler hat auch unter Merkel in Deutschland wieder ein übersteigerter Nationalismus Fuß gefasst, damals von rechts, heute von links. Ähnlich wie Hitler hat es auch Merkel verstanden, den Deutschen das Gefühl zu geben, sie seien etwas Besseres: Damals aufgrund ihrer arischen Abstammung, heute aufgrund ihrer höheren Moral. Viele Deutsche glauben heute wieder, sie seien etwas Besseres als die Osteuropäer, nur weil man dort die Ehe weiterhin in ihrem Grundverständnis als Ehe zwischen Mann und Frau definiert und Ausländer, die illegal ins Land eingedrungen sind, als solche behandelt. Dies gilt vielen Deutschen als „unmodern“, während sie ihre eigenen Ansichten als Gipfel der moralischen Evolution der Menschheit verstehen und in dieser Selbstsicht von Merkel und ihrer Bande auch fortwährend bestärkt werden. Merkel verdankt ihre Dauerherrschaft ja genau diesem gezielten Heranzüchten eines neuen deutschen Selbstwert- und Überheblichkeitsgefühls von links, das die Deutschen nach jahrzehntelang erzwungener nationaler Bescheidenheit begierig aufgreifen.

Für Osteuropa ist dieser neue linke Nationalismus in Deutschland besonders schmerzlich, weil dieses neue moralische Überlegenheitsgefühl der Ära Merkel auf ein älteres, aber ähnlich gelagertes zivilisatorisches Überlegenheitsgefühl trifft, das Jahrhunderte zurückreicht: In Deutschland fühlte man sich den Völkern Osteuropas zivilisatorisch schon immer überlegen, schon seit der mittelalterlichen Zeit der deutschen Ostsiedlung. Es bestehen in Deutschland historisch tief verwurzelte Vorurteile gegenüber den Slawen insgesamt als Gruppe eher primitiver Völkerschaften, insbesondere den angeblich rückständigen Polen, und ähnliche Vorurteile pflegt man auch gegenüber den als wild und feurig, aber kulturell eher schlicht angesehenen Ungarn. Zu Westeuropa blickt man auf, auf Osteuropa blickt man herab – so war das im Grunde schon immer in Deutschland, und so ist es auch heute wieder, nur die Inhalte haben sich geändert.

Es sind genau diese uralten deutschen Vorurteile gegenüber den Menschen in Osteuropa, keine Sachgründe, die den gegenüber Osteuropa besonders dick aufgetragenen Moralnationalismus der Merkel-Zeit erklären. Helmut Kohl hätte unter Verweis auf die unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen für Verständnis der andersartigen Meinungen in Osteuropa geworben. Merkel hingegen gibt dem alten deutschen Herabblicken auf Osteuropa wieder Raum, weil Merkel weiß, wie sehr sich die Deutschen nach diesem seit alters gewohnten Gefühl der Überlegenheit sehnen und dass er ihr politisch nützt, wenn sie dieses Gefühl hervorruft. Die Deutschen haben nicht deshalb so begeistert bei der Regenbogen-Show gegen Ungarn mitgemacht, weil sie sich generell für Homosexualunterricht an der Schule begeistern, sondern weil das wieder einmal eine gute Gelegenheit war, den Wilden dort im Osten zu zeigen, dass man zivilisierter ist als sie. Keinem westeuropäischen Land gegenüber hätten wir uns so ein Theater erlaubt.

Die diplomatische Landkarte der Merkel-Zeit ist also letztlich nichts anderes als ein Abbild uralter Denkweisen in Deutschland: Osteuropa war für die Deutschen schon immer eine Region von Hinterwäldlern, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollten, und deshalb ist das jetzt auch so. Helmut Kohls Versuch, Osteuropa anders zu sehen und anders zu denken als in den Jahrhunderten zuvor, ist gescheitert: die Vorurteile gegenüber Slawen und Ungarn sind zu fest verankert in der Denkweise der Deutschen, das hat Merkel erkannt und zum Nutzen ihrer eigenen Macht rücksichtslos ausgenutzt.

Und deshalb würde sich auch von Ribbentrop auf Merkels Landkarte glänzend zurechtfinden.
(pi-news.net)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert