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„Alte Weiße Männer“

Was macht die Propaganda mit uns?

Von ROLAND

Jeden Tag wird mir das neue staatliche Feindbild eingehämmert: „Alte weiße Männer“. Und tatsächlich fange ich an, dieses Feindbild zu übernehmen – obwohl ich selbst eines Tages zu den „alten weißen Männern“ zählen werde. Ich ertappe mich dabei, wie ich beim Schauen von Kinofilmen oder auch beim Spaziergang auf der Straße pötzlich denke: „Aha, ein alter weißer Mann“. Ich denke nicht mehr nur: „Da spielt Anthony Hopkins einen Bösewicht“, sondern ich denke: „Ein alter weißer Mann, der den Bösewicht spielt, Anthony Hopkins“. Auch meine Mitmenschen fange ich an, geistig in diese eindeutig rassische Schublade einzuordnen: Der Verkäufer, der Ladenbesitzer, mein Nachbar, der Lehrer meiner Tochter, der Pfarrer, all diese Leute sind älter, sie haben weiße Haare, und sie sind Deutsche, und natürlich haben sie alle einen Namen – aber mein Gehirn ordnet all diese Menschen immer häufiger schlicht und einfach der Kategorie „alte weiße Männer“ zu.

Ich weiß nicht, ob dies anderen Lesern auch so geht, aber ich frage mich mehr und mehr: Was passiert da mit mir? Ich halte mich eigentlich für schwer beeinflussbar, ich bin als gelegentlicher PI-NEWS-Autor auch ziemlich resistent gegenüber der üblichen Staatspropaganda, die mir in jedem Tatort-Krimi ihre platte Schwarzweiß-Weltsicht aufschwatzen will – der Böse ist immer ein Deutscher, der Immigrant ist immer der Gute. Aber trotzdem frisst sich dieses Feindbild „alte weiße Männer“ auch in mein Gehirn.

Man stelle sich vor, im deutschen Fernsehen wäre regelmäßig von „alten braunen Männern“ die Rede, wenn ältere Türken gemeint sind. Oder von „alten gelben Männern“, wenn es um ältere Japaner geht. Das würde mir sofort schrill im Ohr klingen: Das ist die Sprache des Faschismus, würde ich mir denken, und ich würde mich darüber empören.

Aber bei „alten weißen Männern“ klingeln bei mir keine Alarmglocken, obwohl diese extrem abwertend gemeinte Betitelung genauso klar die Sprache des Faschismus ist wie „alte braune Männer“ oder „alte gelbe Männer“. Seltsam, oder?

Bin ich schon so abgestumpft? Bin ich nach jahrelangem Einhämmern dieses Begriffs „alte weiße Männer“ in der Presse und im Fernsehen schon so sehr an diese immergleiche Wortkombination gewöhnt, das ich es mittlerweile als „normal“ empfinde, wenn ältere indigen-europäische Menschen eben so abfällig bezeichnet werden? Haben mich die täglichen Wiederholungen dieser verächtlichen Stereoptype „alte weiße Männer“ schon so eingelullt, dass mir der faschistische Charakter dieser diffamierenden Ausdrucksweise gar nicht mehr bewusst wird?

Wir haben alle in der Schule gelernt, dass man Menschen nicht aufgrund ihrer Abstammung, ihres Geschlechts, ihres Alters oder sonstiger biologischer Eigenschaften ausgrenzen und diffamieren soll. So zu denken, ist faschistisch, haben wir gelernt – und das ist es auch. Und nun leben wir in einer Zeit, in der sich Staat und Propagandaapparat trotz aller Lehren aus der Schule genau einer solchen faschistischen Sprache wieder bedienen – und ich selbst nehme das so hin. Schlimmer noch: Ich selbst fange an, genau diesem Feindbild gemäß zu denken: Da läuft ein „alter weißer Mann“, denke auch ich immer öfter, obwohl da eigentlich der Herr Schmidt aus der Nachbarschaft spazieren geht.

Und als Allerseltsamstes erscheint mir eben, dass ich dies tue, obwohl ich die hinter dem Begriff „alte weiße Männer“ stehende rassisch-faschistische Denke durchschaue, obwohl ich mich gegen die staatliche Alltagspropaganda nach Kräften wehre und ich mich eigentlich für klug genug halte, um trotz der allgegenwärtigen Dauerberieselung mit Propaganda einen klaren Kopf zu behalten. Genau das verstört mich besonders: dass diese niederen rassischen Gedankengänge, dieses primitive, stereotyp-biologistische Abstempeln anderer Menschen zu namenlosen „alten weißen Männern“ sich eben trotz all meines inneren Widerstandswillens sogar in meinen Kopf hineinfrisst wie ein schleichendes Gift.

Und manchmal frage ich mich: Wenn ich als deutscher, bürgerlicher, freiheitlicher, rechtskonservativer, durchaus auch national gesonnener Mensch trotz all meiner inneren Gegenwehr schon so abfällig zu denken anfange – wo ist dann ein aus Arabien oder Schwarzafrika nach Deutschland eingedrungener Immigrant bereits mit seinen Gedanken, wenn er Herrn Schmidt beim Spaziergang zusieht?
(pi-news.net)

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