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Bücher, Bücher!

Sage mir, was du liest, und ich verrate dir, was du denkst

(www.conservo.wordpress.com)

Von Helmut Roewer *)

  1. Januar 2019

Tagebuchschreiben ist Kampf gegen das Vergessen. Das Vernichten von Tagebüchern geschieht in der Hoffnung auf die Gnade des Vergessens.

  1. Januar 2019

Wenn die Müdigkeit am Neujahrstag der Gradmesser für die guten Vorsätze aus den ersten Minuten des neuen Jahres ist, ist das ganze Jahr für die Katz.

  1. Dezember 2018

Das Wort vegan dünstet Ekel aus.

  1. Dezember 2018

Der unverbindliche UNO-Migrationspakt ist der coitus interruptus des Völkerrechts. (Hier ausnahmsweise zutreffend die Lügenplattform wikipedia: Er „ist eine veraltete und sehr unsichere Methode der natürlichen Empfängnisverhütung“).

  1. Dezember 2018

Früher ließ der Volksmund Emporkömmlinge an den Fleischtöpfen Platz nehmen, aber heute?

  1. Dezember 2018

Der Spiegel ist die Bildzeitung für Leute, die fast eine ganze Seite Text erfassen können (und sich deswegen für intellektuell halten).

  1. Dezember 2018

Michael Klonovsky gelingt eine Fälschung der Extraklasse:

Buchhaltung und Haltungsbücher

Kaum war Weihnachten da, kamen wie gewohnt die neuen Bücher über mich. Anbei die Auskunft, was ich in den letzten Tagen davon zu mir nahm.

Andrea Camilleri: Jagd nach einem Schatten. Roman. München, Nagel & Kimche, 2018. Es sind die drei Lebensabschnitte einer historischen Figur mit drei Namen (Samuel ben Nissim, Guglielmo Raimondo Moncara, Flavio Mitridate). Ein jüdischer Junge auf Sizilien, intim mit einem Araberjungen u.s.w. u.s.f., ein Panoptikum der italienischen Renaissance, steiler Auf-

und Abstieg und ein unklares Ende.

Ein Roman, eine Biographie, ein Krimi, eine Einführung in die Kabbala? Camilleri führt ein Spiegelgefecht mit seiner Figur, mit seinem Leser und mit sich selbst. Was der Sizilianer hier zusammengemixt hat, bietet Unterhaltung für gute zwei Stunden – und, wenn man langsamer liest, sicher auch für drei.

Ders.: Gewisse Momente.

Kindler/Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2019. Das Buch enthält eine Sammlung von kurzen autobiographischen Aufsätzen aus den Kinder-, Jugend- und Jungmannesjahren des Autors. Die beiden erstgenannten Gruppen spielen also in der Zeit des italienischen Faschismus bzw. des Zweiten Weltkriegs einschließlich der ab 1943 auf Sizilien stattfindenden Besetzungsverwaltung. Die dritte Gruppe gehört in die Studien- und Berufsanfangszeit des angehenden Theatermanns. Da Camilleri bekanntlich ein glänzender Erzähler ist, vergeht die Lektüre im Nu. Die auftauchenden Figuren wirken wie solche aus seinen Romanen, doch man ahnt es bald: Es ist genau umgekehrt. Die schrillen Typen in den bekannten Romanen sind dem wirklichen Leben entnommen.

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[Hanno Vollenweider (Hg.):] Wir sind noch mehr. Deutschland im Aufruhr. 2. Aufl., 2018. Der Titel ist missverständlich. Ich bedurfte des Interview-Hinweises der Mitautorin Vera Lengsfeld, dass das „noch“ rein zahlenmäßig gemeint sei und als Kontrapunkt zur rand- debilen Kampagne Wir-sind-mehr der staatlich subventionierten sog. Kulturschaffenden.

Ich hatte zunächst unzutreffend angenommen, das „noch“ stehe für ein: heute noch, aber wie lange noch? Wie auch immer. Das Buch versammelt Beiträge von 21 Autoren, die seit Jahr und Tag als Blogger bekannt sind, und die sich nunmehr in der Vereinigung freier Medien zusammengefunden haben, um ihre Stoßkraft zu erhöhen.

Wer sich in dieser Szenerie auskennt, wird die Texte nicht erstaunlich finden: Es handelt sich um das Anprangern der Verlogenheit von Mainstream. Die Beiträge sind gruppiert um die Hauptthemen der Empörung: Klimalüge, illegale Einwanderung, Demokratielüge sowie angebliche Berichterstattung und die elende politische Korrektheit.

Was kaum verwundert, ist die Schärfe des Tons. Er ist so unmissverständlich, dass die üblichen Verdächtigen in der Medienbeeinflussungsbranche (Amazon, Facebook et. al.) das Buch bereits vor dem Erscheinen als Hass-Literatur einsortiert haben. Den Vogel schoss Facebook ab, das ein Interview mit Vera Lengsfeld wegen Obszönität sperrte. Obszönität + Vera Lengsfeld? Das ist ebenso absurd, wie es letztlich nützlich ist. Nicht nur ist kaum eine Reklame für das Buch wirkungsvoller, aber wichtiger noch: Hier kann sich jeder Idiot jetzt überzeugen, was die sog. Standards sind: Willkürliche Muster des globalen Geschwätzes der Marke Zuckerberg, Kahane und Konsorten. Die Mächtigen fürchten sich. Man lese also und staune.

Wer das alles ein paar Grade wohltemperierter haben möchte, der greife zu Erika Steinbach/Max Otte (Hg.): Nachdenken für Deutschland. Wie wir die Zukunft unseres Landes sichern können. Nachdenken für Deutschland. Lüdinghausen/Berlin, Manuscriptum, 2018. Das ist der erste Band einer Schriftenreihe der Desiderus Erasmus Stiftung. Es ist ein Sammelband, in dem Mitglieder der Stiftung zu Wort kommen. Zur Erläuterung vorweg: Die Stiftung mit dem opulenten Namen – Erasmus von Rotterdam wäre wohl zu populistisch gewesen oder so – ist der Nahesteherverein (Neudeutsch: Think Tank) der politischen Partei AfD. Das erklärt manches, aber nicht alles, was den Inhalt des Buches ausmacht. Es sind durchweg wortgewandte bis eher akademische Analysen zur Lage des Landes bis hin zu seinem seelischen Innenleben. Will man diese Beiträge halbironisch zusammenfassen, könnte man sie so beschreiben: Was soll geschehen, wenn wir dereinst an der Macht sein werden (oder muss es hier heißen: sein sollten?).

Damit ist das eigentliche Problem aus meiner Sicht benannt. Es lautet: Wie kommt das Wir aus dem Untertitel des Buches (Wie wir die Zukunft unseres Landes sichern können) dahin, also an die Macht. Drei Beiträge haben das Problem des Machterwerbs wenigstens zum Teil im Blick. Stefan Kofner behandelt künftige Koalitionen und entwirft Modelle für deren Entstehen. Zum Glück ist er Realist genug um festzustellen, dass mit der AfD ohnehin niemand spielen möchte. Damit stellt sich der weitere gesellschaftstheoretische Aufwand eigentlich nicht, denn die Frage wer-mit- wem regelt sich nach der jeweiligen Parlamentsarithmetik, und diese wird von eigensüchtigen Motiven der Abgeordneten bestimmt. Bleiben die beiden Aufsätze von Dagen und Berger. Sie handeln vom Kampf.

Die Buchhändlerin Susanne Dagen (Buchhaus Loschwitz) ist meines Wissens die einzige in diesem hehren Gremium, die in den letzten zwei Jahren einen strengen Überlebenskampf gegen den Vernichtungsfeldzug von Mainstream geführt hat. Hierüber berichtet ihr Beitrag, der sich zugleich wie ein Aufruf zum Mittun liest. Der andere Beitrag stammt von dem Blogger David Berger (Philosophia perennis – die tägliche Philosophie), der auch im „Wir sind noch mehr“ zu Wort kommt. Auch Berger hat einen Vernichtungsfeldzug – den der katholischen Amtskirche – hinter sich. Dass er seiner christlichen Glaubensüberzeugung treu geblieben ist, erwähne ich lediglich, um Missverständnissen vorzubeugen. Was er zu sagen hat, klingt mit meinen Worten so: Gegen die islamischen Zudringlinge ist zu kämpfen. Dass hier wirklich Kampf im Wortsinne gemeint ist, wird deutlich im Berger’schen Ansatz: Er will die Tugenden und Organisation, einschließlich des Kämpfertums, der christlichen Ordensritter wiederbeleben. Man mag verblüfft darüber lächeln. Oder auch nicht.

Beide vorgenannten Bücher nötigen zu weiteren Überlegungen. Zum Beispiel: Wer wirkt wo mit, und wer wirkt nirgendwo mit. Die Abwesenheit von etlichen Meinungsführern aus der bunten Welt der freien Medien will ich nicht weiter kommentieren, sondern lediglich mit dem Hinweis versehen, dass ich ihre Abwesenheit lästig finde, da ich mir angewöhnt habe, täglich einen Blick auf die unter http://deutschlandsfreiemedien.de/ versammelten Schlagzeilen zu werfen. Dort gewinnt man, ohne viel zu navigieren, einen brauchbaren ersten Einblick vom Tage.

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Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer. Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Berlin, Westend Verlag, 2018. Das Buch bildet den Versammlungsort einer Reihe mir bereits geläufiger Aufsätze und Interviews des emeritierten Kieler Hochschullehrers für Psychologie, die schon seit geraumer Zeit als Tipp unter Insidern galten (vor allem: Warum schweigen die Lämmer? sowie: Die Angst der Machteliten vor dem Volk). Schwerpunkt der Arbeiten von Mausfeld sind Überlegungen zur Verzerrung der Wirklichkeit durch Propaganda und die Technik beim Einsatz von Propaganda. Zu diesen immer noch unbedingt lesens- und beherzigenswerten Ausführungen ist ein längerer Vorspann hinzugetreten. Er enthält – so wie ich den Text verstehe – eine grundlegende Demokratiekritik. Es mag sein, dass der Autor das anders sieht. Zumindest lässt Mausfeld keinen Zweifel daran, dass das jetzige, auch in Deutschland vorzufindende Herrschaftsmodel mit Demokratie im ursprünglichen Sinne nichts (mehr) zu tun hat, sondern dem Beispiel und den Vorgaben der oligarchischen Hegemonialmacht USA folge. Das mag so sein, doch verblüfft nimmt man zur Kenntnis, dass es in Deutschland einmal alles anders war. Auch das mag man hinnehmen, doch dass die bösen Rechten an den noch böseren Änderungen die Schuld haben, das verblüfft dann doch. Ich dachte immer, der Globalismus mit seinen Oligarchie-Strukturen seien ein rein linkes Herzensanliegen. So kann man sich irren. Wie schon gesagt: Ansonsten sind es lesenswerte Texte.

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Dirk Maxeiner: Hilfe, mein Hund überholt mich rechts! Geständnisse eines Sonntagsfahrers. Berlin, Ach Gut Edition, 2018. Das Buch sammelt eine Reihe von Beiträgen des Autors, die auf der Plattform Achse des Guten erschienen sind. Humor, so wird der Autor zitiert, sei die Waffe des Zweifelnden. Zugegeben, das war mir bislang entgangen, doch wenn man diesen Wahlspruch beherzigt, so sind die Aufsätze des Autors amüsante Miniaturen, die sich um Kuriosa des Alltags drehen, wie Autos, Hunde und die Unterhaltungen mit seiner Ehefrau.

Immerhin ein Lichtblick in dem betrüblichen Analysen-Tsunami des deutsche So- oder Andersseins. Mein Lieblingsstück ist das von der Autobahnsemmel: Die Semmel ist von blassem Teint, so als habe sie 14 Tage Urlaub in Draculas Gruft gemacht.

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Man mag es ja merkwürdig finden, doch die Bücher, die ich hier versammelt habe, sind ihrerseits alles Sammelbände, Werke also, die man selten oder nie in einem Rutsch liest. Da lobe ich mir das jetzt noch zu behandelnde Buch: Es ist von einem einzigen Autor und zudem aus einem Guss. Zu seiner Entschuldigung mag man vorbringen, dass es schon ein paar Jahre alt, aber dennoch ab Verlag lieferbar und nahezu zeitlos aktuell ist. Es handelt sich um Konrad Kustos: Chaos mit System. Die sieben Säulen des Niedergangs. Hamburg, Copo Verlagsdienste, 2011. Dieses Buch ordnet die an sich bekannte deutsche Chaoslandschaft in ungewohnter Form. Es beschreibt Ursache und Wirkung des deutschen Absturzes in vielgliedriger Form, bekämpft das Monokausale und tut zudem etwas, dem man ständig widersprechen möchte, indem es die Talfahrt als unumkehrbar schildert, und den Beteiligten, die sich wehren wollen, eigentlich keine Chance mehr einräumt. In seiner Argumentationsweise besticht das Buch durch zweierlei: es wirkt gnadenlos und ist zudem streckenweise erheiternd – kaum zu glauben, aber wahr. Weil es so ist, wie es ist, und ich in meiner Absicht, mich zu wehren, grundsätzlich anderer Meinung bin als der Autor, halte ich dieses Buch für absolut lesenswert, denn es schärft den Kampfgeist.

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In meinem letzten Bücherrundschlag hatte ich erwähnt, dass ich fünf ungenannte Bücher als nicht besprechbar beiseitegelegt habe (nein, ich bin aus grundsätzlichen Erwägungen gegen Bücherverbrennungen). Ich wusste nicht, dass mir dies die meiste Kritik meiner nun schon Jahrzehnte andauernden Schriftstellerei eintragen würde. Ich habe die auflaufenden Proteste nicht gesondert beantwortet, schon um den Schleier des Vergessens nicht zu stören. Dabei bleibt es. Oder doch nicht ganz, eine Ausnahme sei gemacht: Frank-Walter Steinmeier (Hg.): Roter Adler. Ein Liederbuch. Hier ist versammelt, was unser geliebter Präsident dem dankbaren Volk zum Sange rät. Das reicht von den Sieben Brücken (die zu übergehen jedem Sozialdemokraten ein Herzensanliegen ist) über den Commandante Ché Guevara (der soviel Gutes auf der Welt bewirkt hat) bis zu Freude schöner Götterfunken (immerhin Friedrich Schiller). Doch seien wir fair, das präsidiale Liederbuch beginnt mit „Die Gedanken sind frei“ (das wird bei den jährlich Sommerfesten der Jungen Freiheit gesungen – wenn das der Führer wüsste!!). Dazu ist mir – nicht dem geliebten Präsidenten – neulich bei passender Gelegenheit eingefallen:

Die Gedanken sind frei, man kann es kaum glauben, sie kommen herbei

in Bozener Lauben. Bei südlichen Weinen bin mit mir im Reinen, und singe dabei,

die Gedanken sind frei.

In diesem Sinne: einen guten Start ins neue Jahr.

©Helmut Roewer, Januar 2019
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*) Dr. Helmut Roewer wurde nach dem Abitur Panzeroffizier, zuletzt Oberleutnant. Sodann Studium der Rechtswissenschaften, Volkswirtschaft und Geschichte. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen Rechtsanwalt und Promotion zum Dr.iur. über ein rechtsgeschichtliches Thema. Später Beamter im Sicherheitsbereich des Bundesinnenministerium in Bonn und Berlin, zuletzt Ministerialrat. Frühjahr 1994 bis Herbst 2000 Präsident einer Verfassungsschutzbehörde. Nach der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand freiberuflicher Schriftsteller und Autor bei conservo. Er lebt und arbeitet in Weimar und Italien.

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