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Das Glück ist ein reißender Strom

Wie viel in menschlichen Dingen das Glück vermag, und auf welche Weise man ihm begegnen könne

Von Niccolò Machiavelli

Es ist mir nicht unbekannt: Viele haben die Meinung gehegt und hegen sie noch, als würden die irdischen Dinge in der Art vom Glücke und von Gott geleitet, dass sie die Menschen mit ihrer Klugheit nicht bessern könnten, ja selbst dagegen keinerlei Art von Widerstand hätten, und hieraus abzunehmen sei: dass man über den Dingen nicht groß schwitzen, sondern vom Lose sich müsse regieren lassen. In unsern Zeiten fand diese Meinung noch mehreren Glauben, wegen des großen Wechsels der Dinge, die man erlebt hat und noch täglich erlebt, über alle Menschen-Vermutung. Und wenn ich dieses zuweilen bedachte, habe ich mich von gewisser Seite zu ihrer Meinung hingeneigt.

Demungeachtet um unseren freien Willen nicht eingehen zu lassen, meine ich, es könne mehr wahr sein, dass das Glück über die eine Hälfte unserer Handlungen zu schalten habe, aber uns immer noch die andere, oder doch nicht viel weniger, zu eigener Führung überlasse. Und ich vergleiche dies Glück mit einem jener reißenden Ströme, die, wenn sie wütend werden, die Ebenen ersäufen, Bäume und Häuser zertrümmern, das Erdreich von dieser Seite entführen, an jene anschwemmen; jedermann flüchtet vor ihnen, alles weicht ihrem Ungestüm: da ist an Widerstand nicht zu denken.

Und gleichwohl, bei aller dieser ihrer Gewaltsamkeit, hindert dies doch nicht die Menschen, dass sie in ruhigen Zeiten nicht dagegen könnten mit Dämmen und Deichen Vorkehrungen treffen, dass sie nachher, wenn sie wachsen, entweder durch einen Kanal gehen, oder doch ihre Gewalt nicht mehr so ungestüm und verderblich werde. Eben so ist es auch mit dem Glück, das seine Macht da fühlen lässt, wo keine geordnete Tugend ist, ihm zu widerstehen, und seine Stürme dahin wirft, wo es weiß daß keine Dämme noch Deiche bereitet sind, ihm Einhalt zu tun.

Und wenn ihr Italien, welches der Sitz dieser Wechsel ist, betrachtet wollt, und was dazu den Anstoß gegeben, so werdet ihr finden, dass es ein Feld ohne Dämme ist und ohne irgendeinen Schutz: da, wenn es durch die gebührende Tugend geschützt worden wäre, wie Deutschland, Spanien und Frankreich, diese Überschwemmung die großen Wechsel, die sie gewirkt hat, nicht hätte wirken können, oder gar nicht gekommen wäre.

Und dies möge vom Widerstande gegen das Glück im allgemeinen genug gefragt sein. Um aber mehr auf das Besondere mich einzuschränken, sage ich: Wir sehen einen Fürsten heute glücklich sein und morgen fallen, ohne zu sehen dass er im mindesten seine Natur noch Art geändert hätte. Dies liegt, wie ich glaube, zunächst in den Gründen, die wir bisher ausführlich besprochen: Dass nämlich der Fürst, der sich durchaus auf das Glück stützt, fällt, wenn dieses wechselt. Und ferner glaube ich, glücklich wird der sein, der seine Verfahrensweise nach der Beschaffenheit der Zeiten abwägt, und eben so, unglücklich der, zu dessen Verfahren die Zeiten nicht stimmen. (Aus "Der Fürst", 1515)

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