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Das Volk ist nicht unschuldig

Einige unbequeme Gedanken zur Altenbetreuung in Deutschland

Von WOLFGANG HÜBNER

Wenn Politiker wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jetzt an die Eigen- und Mitverantwortung der Bürger im Virusgeschehen appellieren, ist das ein sicheres Zeichen von Ratlosigkeit und der Versuch, Schuld abzuwälzen. Das ist verständlich, denn der überstürzt ausgerufene sogenannte „Hammer-Lockdown“ ist eine politische Bankrotterklärung. Selbst mit massiver Hilfe von Medienpropaganda im Sinne der Regierenden kann das nicht völlig vernebelt werden. Die allerdings schon vor Corona herrschende katastrophale Situation in vielen Alten- und Pflegeheimen, den akuten Schlachthäusern des Versagens, ist zweifellos politisch zu verantworten.

Doch Politiker und Parteien werden in Deutschland immer noch vom Volk gewählt. Insofern hat das Wahlvolk eine Mitverantwortung, eine Mitschuld an bestimmten Verhältnissen und Zuständen. Wenn Millionen Deutsche nach einem langen, oft harten Arbeitsleben kaum von der Rente leben können, wenn die schwere Arbeit in der Altenbetreuung und Altenpflege nach wie vor unverhältnismäßig schlecht bezahlt und auch schlecht gewürdigt wird, dann hat das viel damit zu tun, dass dieses Problem im Volk wenig bis keine Beachtung findet. Mit dem Resultat eines Personalmangels, der in der jetzigen Situation schmerzliche Folgen hat.
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Wie auch im Krankenhauswesen gibt es erst recht in der Altenpflege in nur völlig unzureichender Zahl Deutsche, die in diesem Bereich arbeiten wollen. Deshalb sind Berliner Gesundheitsminister stets auf der Suche nach Pflegekräften in ärmeren europäischen Ländern, die dann natürlich in der eigenen Heimat fehlen. In der deutschen Öffentlichkeit wird wie selbstverständlich hingenommen, dass sich um die Kranken und Alten tausende Menschen aus Staaten jenseits der eigenen Grenzen mühen. Doch selbstverständlich ist das überhaupt nicht. Vielmehr ist es bezeichnend für eine zutiefst inhumane Entwicklung: Das Band zwischen den Generationen ist zu oft zerschnitten.

Dabei soll allerdings nicht übersehen werden, dass in vielen Familien oder von einzelnen Familienmitgliedern immer noch aufopferungsvoll alte und pflegebedürftige Menschen versorgt werden. Wäre das nicht so, würde sich die Lage noch viel schlechter darstellen. Mit der politisch und ideologisch gewollten immer weiteren Auflösung familiärer Bande, dem millionenfachen Singledasein, den unzähligen kinderlosen oder kinderarmen Partnerschaften werden sich jedoch die Probleme in Zukunft potenzieren. Parteien, denen Genderfragen, Abitur für alle oder die Frauenquote in Vorständen weit wichtiger sind als die Alten und Kranken, haben keine Lösungen für diese Probleme – weder in der Gegenwart noch in der Zukunft.

Um aber ehrlich zu sein: Wo ist das Volk, wo sind die Wähler, die von Politikern andere Rezepte fordern als die Anwerbung von ausländischem Personal? Wo ist das Volk, wo sind die Wähler, die es wichtiger finden, dass die Alten und Kranken in würdig-fürsorglicher Weise gepflegt und betreut werden als die Finanzierung von überfüllten Universitäten mit zehntausenden nicht studienfähigen jungen Menschen? Und jeder, auch der Verfasser dieses Textes, muss sich fragen: Was habe ich mit dieser Situation des Mangels an solidarischer Menschlichkeit zu tun?

Das ist kein Freispruch für all die politischen Versager, die uns jetzt mit hilflosen Appellen belästigen. Sie haben die hier angesprochenen Probleme lange genug ignoriert, kleingeredet oder vertuscht. Doch dass das Volk, also wir alle oder jedenfalls die große Mehrheit, solche Zustände zugelassen hat – wer will das mit gutem Gewissen leugnen? Ich kann es nicht.
(pi-news.net)

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