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Der Frust innerhalb der Polizei ist so groß wie nie

Markus Gärtner im Gespräch mit dem Ex-Polizisten Norbert Zerr

Von MARKUS GÄRTNER

Norbert Zerr war zwei Jahrzehnte lang Polizist. Er hat hohe Politiker beschützt, Bankräuber gestellt, Kollegen ausgebildet und ganz normalen Streifendienst versehen. Zwischenzeitlich war er auch Bürgermeister im Donautal. Jetzt hat er alles, was er im Polizeialltag erlebt hat, aufgeschrieben.

Seit er in den 80er-Jahren in den Beruf eingetreten ist, hat sich dieser Alltag radikal verändert. Damals war Zerr respektiert, wurde von der Politik in Ruhe gelassen, konnte seinen Dienst ohne den Druck politisch korrekter Vorgesetzter versehen. Bespuckt und attackiert wurde er, wenn er ausrücken musste, selten.

Heute sieht der Polizeidienst völlig anders aus, sagt Zerr, der auch nach seinem Ausscheiden die ständigen Klagen von vielen ehemaligen Kollegen hört. Die Politik lässt uns allein, heißt es, die Medien stigmatisieren uns als Rechte, die Bürger sind verunsichert. Die Innere Sicherheit geht vor die Hunde, die Statistik ist politisch gefärbt und erntet intern nur noch Kopfschütteln, der Frust der Beamten ist so groß wie nie.

Das Buch von Norbert Zerr – „Polizei im Fadenkreuz: Innere Sicherheit auf Untergangskurs“ – kommt diese Woche in den Buchhandel. Ich habe mit ihm schon vorher exklusiv und ausgiebig über seinen bedrückenden Befund gesprochen … Für das Vorwort hat er Boris Palmer gewonnen.
(pi-news.net)

Anmerkung: Norbert Zerr arbeitet heute bei der Stadtverwaltung in Spaichingen, Bußgeldstelle und Waffenrecht.

Im Reich des "Schwarzen Guerillos"
Nach der Zeit bei der Polizei war Norbert Zerr acht Jahre hauptamtlicher Bürgermeister in Irndorf (Kreis Tuttlingen). Wie es ihm dort erging, schilderte Jochen Kastilan 2015 in dem Portrait "Der schwarze Guerillo", welches in mehreren Medien im Land erschien, über den damaligen Spitzenkandidaten der CDU, Guido Wolf, heute nach dem schlechtesten Wahlergebnis aller Zeiten der CDU in Baden-Württemberg  Justizminister mit Tourismus und Europa in einer von den Grünen geführten Landesregierung.

In dem Portrait heißt es: "Die CDU hat eine neue Lichtgestalt: Guido Wolf, 53, Blutreiter aus dem oberschwäbischen Weingarten und Landrat aus Tuttlingen. Er präsentiert sich heute schon als Oberministerpräsident, und keiner fragt, was er eigentlich vorher geleistet hat. Im Bermudadreieck von Erwin Teufel und Volker Kauder verfliegt der Zauber schnell... Nun ist der gebürtige Weingartener Jurist mit dem "Blutreiter-Gen" kein tumber Tor. Guido Wolf ist ein Käpsele, das im Bermudadreieck deutscher Politik groß geworden ist. Rund um Tuttlingen, Spaichingen und Trossingen, im Homeland von Heiner Geißler, Erwin Teufel und Volker Kauder.

Mindestens drei Bürgermeister im Kreis Tuttlingen werden nicht daran zweifeln, dass Parteifreund die Steigerung von Todfeind ist, wenn sie an Guido Wolf denken. Norbert Zerr, Ex-Bürgermeister von Irndorf, damals CDU, sprach einst, weit weg im "Mannheimer Morgen", von einer "Guido-Wolf-Diktatur" und von "Guerilla-Methoden". Kurz vor dem Wiederwahltermin habe Wolf Ende 2010 im Rathaus angerufen und ihm angekündigt: "Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Sie werden einen Gegenkandidaten bekommen." Diese Drohung habe der Amtsbote am Telefon mitgehört. Der Amtsbote will auch bestätigen, dass Wolf den Bürgermeister angefahren habe: "Ich werde Sie kleinmachen!" Es tauchte ein CDU-Mann als Gegenkandidat auf, und der Amtsinhaber verlor knapp.

Klar, dass Wolf, darauf angesprochen, sich laut Zeitungsbericht an dieses Gespräch ganz anders erinnert: "Ich hatte gehört, dass es Probleme in der Gemeinde gab, und wollte ihm helfen." Er habe "mit Sicherheit keinen Gegenkandidaten angedroht". Der zweite Schultes ist Alfred Pradel (Dürbheim), der entnervt aufgab. Erfolgreich hatte er noch die Versuche der CDU-Kreisvorsitzenden abgewehrt, ihn zum Eintritt in die Partei zu bewegen. Dann aber kam es Schlag auf Schlag: Nichtigkeitserklärung einer Bürgschaft der Gemeinde für seinen Hausbau, Kündigung des Kredits der Kreissparkasse, Verwaltungsratschef Guido Wolf, Notverkauf des Hauses.

Der dritte war der Bürgermeister von Spaichingen, Hans Georg Schuhmacher, ein nicht immer linientreuer Schwarzer, der nach einer Schlammschlacht aus der CDU ausgetreten ist. Nach seinem Wahlkampf 2012 hagelte es Anzeigen, gerne auch unter der Gürtellinie und vornehmlich aus dem christdemokratischen Lager. Wer glaubt, dass sein Gegenkandidat, der Kreisvorsitzende und örtliche CDU-Boss nicht von den Königen Kauder und Wolf unterstützt wurde, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Die Rechnung ging freilich nicht auf – Schuhmacher blieb Schultes.

Hierzu der aktuelle Hinweis: Acht Jahre später, bei der Wahl im Frühjahr 2020, schaffte die CDU den Sturz des Amtsinhabers durch den Immendinger Bürgermeister, "mit grünem Herz", der auch Vorsitzender der CDU-Fraktion im Kreistag ist. Um seine Kandidatur bemühten sich die Grünen, 3 Sitze, eine von einem CDU-Kreisrat geführte Fraktion, sowas gibt es,  und die CDU selbst, Fraktions- und Ortsverbandsvorsitzender  ist der vom Kreisverband angestellte Kreisgeschäftsführer, je 4 Sitze im Gemeinderat, nachdem in früheren Jahren die CDU mit absoluter Mehrheit den 18-köpfigen Gemeinderat dominiert hatte. Prozentual stärkste Fraktion ist die FWV mit ebenfalls 4 Sitzen,  neben FDP (2) und SPD (1).

Weiter im Text von 2015: Nun muss man wissen, dass es im pechschwarzen Kreis Tuttlingen normalerweise nicht schwer ist (war!),  Landrat zu werden. Wenn man auf dem Schild der absoluten Mehrheit der CDU-Kreistagsfraktion getragen, von Erwin Teufel und Volker Kauder gestützt wird, dann geht das 2002 ebenso wenig schief wie die Wahl zum Landtagsabgeordneten vier Jahre später. Wolf beerbte den Teufel-Intimus Franz Schuhmacher und folgte einer alten Tradition in der Region: Obrigkeit ist immer noch von Gott gegeben. Und Wolf machte, was jeder macht, wenn das Bett schon angewärmt ist – er sicherte und zementierte seine Macht.

Da stört es auch nicht, wenn er mit seinem Namen flirtet. Ihm die Schlauheit zuspricht, die dem Fuchs gehört, oder vergisst, dass ein Wolf ohne Rudel normalerweise keine Überlebenschance hat. Hauptsache, die Jubel-Tuttlinger gleichen das aus, die auf sechs CDU-Regionalkonferenzen für ihn Stimmung gemacht haben gegen Thomas Strobl, den Landesvorsitzenden, was in den Zeitungen als allgemeine Zustimmung gewertet worden ist. Keine Frage also im Kreis Tuttlingen, alle wünschen sich den Wolf als Ministerpräsidenten.

Vor dem Hintergrund der realen Welt ist das erstaunlich. In Wolfs Zeit als Landrat hat die CDU im Kreistag erstmals die absolute Mehrheit verloren. Und schlimmer noch: Nach über 50 Jahren büßte sie durch seinen Wechsel auf den Stuhl des Landtagspräsidenten auch gleich den Landratsposten ein. Zweifellos trägt Wolf hierfür Mitverantwortung, denn der von der CDU in Spaichingen angerichtete Flurschaden durch die Bürgermeisterwahl bedeutete den Verlust der Stimme des CDU-Stimmenkönigs im Kreistag, des Spaichinger Stadtoberhaupts. Erst dadurch konnten sich die anderen Fraktionen im Kreistag gegen die CDU-Dominanz mit Erfolgschancen zusammenraufen und den bisherigen FWV-Fraktionsvorsitzenden und Bürgermeister von Fridingen, Stefan Bär, als neuen Landrat mit zwei Stimmen Mehrheit durchbringen. -- Inzwischen wurde Bär  Ende Januar dieses Jahres ohne Gegenkandiat mit großer Mehrheit, auch der CDU, mit 35 von 46 Stimmen wiedergewählt.

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