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Dichter – nicht ganz dicht?

Was manchmal von einem Leben übrigbleibt


(tutut). Dichter bedeutet im deutschen Sprachgebrauch: nicht ganz dicht. Das Ziel wird immer sein: dicht zu werden und nicht nur dichter. Wenn jemand aber dicht ist, könnte es sein, dass die wachsame Obrigkeit ihn hierfür noch auf die Probe stellt, blasend oder sogar blutend. Denn dicht zu sein, ist keineswegs des Menschen Höchstes, ist er aber dichter, bleibt alles irgendwie in der Schwebe. Erst die Nachwelt entscheidet dann, ob er auch des großen D für würdig erachtet werden kann.
Die Ansprüche sind da nicht sehr hoch, manchmal liegt die Messlatte schon unter dem Boden wie der, welcher sie queren muss. "Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall..." Oder "Oh Schwarzwald, oh Heimat wie bist Du so schön..." Oder "Zum letzten Mal wird Sturmalarm geblasen..." Oder "Marmor, Stein und Eisen bricht..." - echte Dichtkunst, denn wie würde korrekt klingen "Marmor, Stein und Eisen brechen"? Oder "Einen Stern, der deinen Namen trägt...", die  meistverkaufte Single aller Zeiten in Deutschland!
Schon in der Bibel stand geschrieben: Eher kommt ein Kamel in den Himmel,als ein Präsident durch ein dichtes Nadelöhr. Es sei denn, er ist Dichter?  Erst die Nachwelt entscheidet, ob jemand dichter war, als seine Zeitgeister angenommen haben, bei denen immer die Gefahr besteht, einfach für nicht ganz dicht gehalten zu werden, wenn man meint, schon Dichter zu sein. Denn mit der Widmung im Lokalblatt ist's wie mit dem Quark: Getreten wird er breit, nicht stark, um einen zu ziteren, der als Goethe die Dichterkrone längst aufgesetzt bekommen hat und neben Vögeln und Bäumen für wert empfunden wird, Straßen einen Namen tragen zu lassen, auch wenn noch nicht Sternen.
In dem Moment, wo einer Straßendichter wird, hat er's in die Schule geschafft und wird zum Schrecken ganzer Schülergenerationen. Nur wenigen ist es vergönnt, aus dem Jugendleben herauszukommen, ohne von der Dichtkunst geplagt worden zu sein. Wer hat schon das Glück, mit zwei von 50 Balladenversen die Schule ohne Absturz zu überleben? Zu Beginn der Stunde heftig melden, zwei Verslein der Lehrerin (oder gibt's noch Lehrer?) zum Besten geben, und dann wegtauchen, während der Rest der Klasse sich durch die Ergüsse kämpft, mit denen einst jemand sein Zipperlein oder einen Kater nach der Tagesdosis von 4 Litern bleigesüßten Weins bekämpft hat?
Joahnnes Rau, ehemals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, später Bundespräsident, heute tot, als "Bruder Johannes" bekannt, war auch als Witzeerzähler beliebt. Gerne gab er einen Witz über seinen MP-Kollegen Erwin Teufel zum Besten. Der geht so: Erwin Teufel betritt eine Stuttgarter Buchhandlung und fragt: "Haben Sie Mörike?" Gegenfrage: "Welche Ausgabe?" "Da haben Sie auch wieder recht", sagt E.T. und verlässt den Laden...
Erwin Teufel hat ja das Glück oder Pech, als Mörike -Experte gehandelt zu werden, weil er offenbar einmal in einem Fragebogen Eduard Mörike genannt hatte, als nach Lieblingsdichtern gefragt wurde. Danach wurde er dann als Vortragsredner über Mörike eingeladen, u.a. auch vom Kunstmuseum am Hohenkarpfen.
Um wenigstens mal die in den obigen Fotos "geschilderten" Straßendichter etwas näher zu bringen, könnten HInweise wie die nicht schaden: Goethe war u.a. Minister, Naturwissenschaftler, als Schülerquäler wurde erst im späteren 19. Jahrhundert eingesetzt. Mörike war im Hauptberuf Pfarrer, früh pensioniert wurde er Literaturlehrer und -professor. Fossilien von der Alb hat er auch gesammelt. Schiller, u.a. auch französischer Staatsbürger,  war Mediziner und Historiker, Philosoph und mit 46 Jahren schon tot.
Um ewig zu werden, z. B. mit einer Ehrentafel, genügt es, als badischer Kirchenoberer in einem Pfarrhaus übernachtet zu haben, vorausgesetzt, man war Dichter und hieß Johann Peter Hebel. Allerdings: Wer käme heute auf die Idee, Winston Churchill für einen Dichter zu halten? Nur, weil er Literaturnobelpreisträger war?
Tröstlich für Normalsterbliche ist, dass alle Dichter auch Sünder sind. Und wenn sie sich auch nur an der Sprache versündigen.