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Die Helden vom Hindukusch

Nach dem Iran steht nun das zweite mächtige Mullah-Regime in den Startlöchern

(www.conservo.wordpress.com)

Von DR. PHIL.MEHRENS

Der Westen staunt über die rasche Rückeroberung Afghanistans durch die Taliban. Eine Reihe von Fehlern machte die Katastrophe unvermeidlich.

Das Ende kam schnell: Eine Stadt nach der anderen fiel den unaufhaltsam wie ein Wirbelsturm heranrückenden Taliban in die Hände. Wäre die Menschheit in der Lage, aus der Geschichte zu lernen, dann hätte sie wissen können, dass das Afghanistan-Experiment scheitern musste. Vor allem den USA hätte klar sein müssen, dass man zwar einzelne Schlachten, nicht aber einen ganzen Krieg gegen ideologisch verblendete Guerillas gewinnen kann, denen oft die Sache wichtiger ist als ihr Leben.

Nicht nur die Bilder – der ikonische Hubschrauber über Botschaftsgelände – gleichen sich, auch die Gründe für das Scheitern sind denen bei der Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Vietnam vergleichbar. Den westlichen Truppen ist es nie gelungen, der Mehrheit der Afghanen als der Heilsbringer zu erscheinen, als den sie sich selbst sahen. Sie blieben vor allem für die größte Bevölkerungsgruppe der Paschtunen Wölfe im Schafskostüm, deren Geschenke man willig annahm, ohne je den Verdacht einer trojanischen Hinterlist abstreifen zu können. Die Männer aus dem Westen blieben kulturfremde Usurpatoren. Für Deutschland sind zahlreiche bittere Lehren zu ziehen.

1. Deutsche Impotenz
Die schmerzhafteste ist wohl, dass man auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung ein weltpolitischer Zwerg ist, sobald es um mehr als kostenneutrale Rhetorik geht. Wenn es gestimmt hätte, dass am Hindukusch (auch) deutsche Interessen verteidigt werden sollen, dann hätte man auch unabhängig von den USA politisch-militärischen Gestaltungswillen an den Tag legen müssen. Jetzt zeigt sich, dass Deutschland nie mehr war als Amerikas visionsloser Wasserträger. Das Totalversagen von Kanzlerin, Außenminister und Verteidigungsministerin bei der Einschätzung der Lage ist beschämend.

2. Gefährliche Halbheit
Die Mission der westlichen Verbündeten in Afghanistan litt von Anfang an unter einem Legitimationsdefizit und lähmenden moralischen Skrupeln, unter Problemen also, die ihre Gegner nie hatten. Was als „Krieg gegen den Terror“ begann und damit verbal bereits die Rechtfertigung für einen Eroberungsfeldzug in sich trug, der keine Rücksicht auf das Völkerrecht nehmen wollte, sollte nachträglich, mit Rücksicht auf kritische Stimmen aus Presse und Politik, zu einer humanitären Mission umdeklariert werden.

Verteidigungstrainings für die unterbelichteten einheimischen Truppen, Entwicklungs- und Aufbauhilfe, Bildungsprogramme, Demokratisierung: Bei einem Militäreinsatz, der das alles umfasste, konnte das moralische Gewissen der durch Weltrettungshalluzinationen in ihrem Klarblick getrübten westlichen Zivilisationen schön im Schaukelstuhl sitzen bleiben und musste sich nicht erheben, um einer skeptischen Opposition Stimmen zuzuführen.

Die Akzeptanz des Afghanistan-Einsatzes hierzulande war vor allem ein Propagandaerfolg. Dankbar griffen Medien Geschichten auf von Mädchen, die Schulunterricht bekommen, und Soldaten, die Fußballfelder einweihen, während der deutsche Frontkämpfer eine ferne Wüstensilhouette blieb. Noch dankbarer waren die im Hauptstrom eines humanitären Pazifismus paddelnden Journalisten für traumatisierte Kriegsrückkehrer und von der Bestie für immer Gezeichnete. Sie waren das willkommene Feigenblatt, um die Scham zu bedecken, die nach dem Verständnis der deutschen Mehrheitsgesellschaft jeder mit Blick auf deutsche Kampftruppen empfinden muss.

Die Wahrheit, dass nämlich laut einer an Soldaten des 22. ISAF-Kontingents durchgeführten Studie zwei Drittel gestärkt aus Kampfeinsätzen hervorgingen und nur einer von sieben Soldaten, die Feindberührung hatten, in Therapie musste, blieb in den Fluren der Kasernen. Sie passte nicht zu der vorgefertigten öffentlichen Meinung, die wissen will, dass es immer Unheil bedeutet, wenn deutsche Armeeangehörige zur Waffe greifen, insbesondere für die Soldaten selbst. Das gebietet schließlich die Erinnerung an Angriffskrieg und NS-Verbrechen.

Die Öffentlichkeit kennt beim Thema Militär, so brachte es „Der Spiegel“ vor einigen Wochen in einer Reportage über den Afghanistan-Einsatz auf den Punkt, nur „Extremisten und Versehrte“. Als Margot Käßmann (die einstige EKD-Ratsvorsitzende, die angetrunken am Steuer erwischt und danach wegen ihrer tätigen Reue zur Heldin des Feuilletons wurde) den Afghanistan-Einsatz kritisierte, verlieh sie dem ihre Stimme, was Deutschland denken soll: Eigentlich haben deutsche Soldaten auf fremdem Territorium nichts verloren.

So blieb der Afghanistan-Einsatz ein bizarres Zwitterwesen. Zwar sollte auch Deutschlands Sicherheit verteidigt werden, doch das Lechzen nach moralischer Legitimation verhinderte, dass man mit klarem Blick und kompromisslosen Entscheidungen zu Werke ging. Hätte man es sehen wollen, hätte man gesehen, dass der Versuch, mit einer kleptokratischen Elite Demokratie zu bauen, nicht aussichtsreicher war als der, ganz Kabul per Hamsterrad mit Strom zu versorgen. Selbst das Zepter in die Hand zu nehmen, wirklich dauerhaft demokratische und rechtsstaatliche Strukturen zu schaffen, dazu fehlte den westlichen Besatzern der Mut. Es wäre neokolonialistischem Denken gleichgekommen und damit einem Sakrileg. Der Preis für diese Halbheit ist der Erdrutschsieg der Taliban. Jetzt zeigt sich, dass man die ganze Zeit nur an Symptomen herumgedoktert und das Geschwür nicht herausoperiert bekommen hat.

3. Unbezwingbare Korruption
Die Korruption, die nepotistischen Clan-Strukturen, die sowohl die Amtszeit von Präsident Hamid Karzai als auch die von Präsident Ashraf Ghani prägten, sorgten dafür, dass der Rückhalt, den die oppositionellen Taliban in der Zivilbevölkerung genossen, stark blieb. Wie total nichtswürdig das Regime des jetzt geflohenen Präsidenten war, belegt die Lügenpropaganda, die seine Flucht begleitete und die gleichermaßen an die letzten Atemzüge des Hitlerreiches erinnert wie an Saddam Husseins letzte Tage vor dem Sturz: Während bereits nichts mehr zu retten ist, wird noch kräftig mobilisiert, wird auf die Propagandapauke gehauen, dass es nur so scheppert, nur um den eigenen Gesichtsverlust möglichst lange hinauszuzögern.

Als sich Anfang Juli in der Provinzhauptstadt Faizabad wie ein Vorschatten künftigen Unheils bereits die gleichen Szenen abspielten wie jetzt in Kabul, ließ das Verteidigungsministerium via Twitter verbreiten: „Weite Teile der Vororte Faizabads sind von Taliban-Terroristen gesäubert worden. Die Menschen setzen ihr Leben furchtlos fort.“ Sand-in-die-Augen-Rhetorik aus dem Grenzbereich zwischen Realitätsverlust und Selbsthypnose.

In Wahrheit gingen Soldaten einfach nach Hause, flohen über die Grenze nach Tadschikistan oder schlossen sich direkt den Taliban an. Militärfahrzeuge und Waffen fallen dem Gegner kampflos in die Hände, manchmal zahlt er noch eine Prämie – so einfach kann Krieg sein. Was ist auch von einer Regierung zu halten, die ihre verdientesten Männer in eine Schlacht schickt, aber zu unfähig und unorganisiert ist, um die nötige Luftunterstützung zu liefern? Zwanzig der besten Elitekämpfer des Landes starben Mitte Juni im umkämpften Faryab einen sinnlosen Heldentod, weil die logistische Unterstützung ausblieb. Wer kann da loyal bleiben?

Offenbar hat im Westen kaum jemand die Landesmentalität begriffen, die geprägt ist von den Clans und Warlords, die Afghanistan seit Generationen beherrschen. Da von den Regierenden nie etwas zu erwarten war, herrscht im Land eine Stimmung des „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“, eine gnadenlose Ellenbogenmentalität. Man konnte sich 2009 ein Bild davon machen, als Einheimische über zwei von den Taliban entführte Tanklaster herfielen, um sich mit Gratis-Benzin zu versorgen. Am Ende waren 142 Zivilisten tot. Der von Oberst Georg Klein befohlene Luftschlag füllte wochenlang die Gazetten. Nachdem vor wenigen Wochen die US-Truppen ihre Basis Bagram im Norden der Hauptstadt geräumt hatten, waren wilde Plünderer noch vor dem afghanischen Militär zur Stelle.

4. Demokratie lässt sich nicht exportieren
Der im linken Milieu so gern gegen den Imperialismus erhobene Ethnozentrismus-Vorwurf hat bisher gern die Frage ausgeklammert, ob das westliche Demokratiemodell sich für den Export eignet. Die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre offenbaren, mit wie viel Illusionismus und fehlendem Verständnis für fremde Kulturen manche Politiker im Westen an die Allheilkraft eines Systems glauben, das in ihrem Kulturkreis entwickelt und zur Blüte gebracht wurde.

Wie wenig eine zutiefst vom islamischen Glauben durchtränkte Kultur sich für die Demokratie westlicher Prägung eignet, verdeutlichte schon der Politologe Samuel Huntington in Kampf der Kulturen. Das Buch erschien noch vor den Ereignissen, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten im vorderen Orient zugetragen haben.

Ist es nicht an der Zeit, sich einzugestehen, dass die Demokratie kein universeller Exportschlager ist?

Könnte es vielleicht ratsam sein, sich von humanistischem Missionseifer loszusagen, vor allem dann, wenn er den eigenen Steuerzahler solche Unsummen kostet, wie in den letzten zwanzig Jahren in Afghanistan wirkungslos verpulvert wurden? Schwerer wiegt noch, dass ihr Hauptertrag die nächste große Flüchtlingswelle sein dürfte, weil man am Hindukusch ja immerhin eines gelernt hat: wie viele Millionen das Wohl der Afghanen dem Westen wert ist. Wenn die Demokratie nicht zu ihnen kommt, kommen sie eben zur Demokratie.

5. Die Unwägbarkeiten von Guerillas
Die Taliban sind immer geblieben, was – dem Wesen nach – auch der Vietcong war: eine stolze, verschworene, immens effizient agierende Guerillatruppe, vom Ausland alimentiert, mithin bestens ausgerüstet und von einer festen ideologischen Grundüberzeugung zusammengehalten.

Im Land der Frauenversteher und Sitzpinkler tut man sich schwer damit, sich solch einen viril-vitalen Haufen von Abenteurern, einen zu allem entschlossenen militärischen Männerbund vorzustellen, schlicht deshalb, weil derlei hierzulande ausgestorben ist. Der säkularisierte, areligiöse und sittliche Beliebigkeit verschreibende Westen hat intellektuelle Schwierigkeiten, sich vor Augen zu führen, was es bedeutet, so total von einer metaphysischen Lehre durchdrungen zu sein, dass sie wichtiger wird als die eigene Existenz.

Der Bürger des Westens demonstriert seine radikale Diesseitssucht, sein Kleben am Physischen, gerade eindrucksvoll dadurch, dass er elementare ideelle Werte, Freiheits- und Autonomierechte, für die seine Vorfahren vor 170 Jahren ihr Leben hingaben, einem fortwährend gebrochenen staatlichen Sicherheitsversprechen aufopfert. Das paschtunische Wort „Taliban“, das man mit „Jünger“übersetzen könnte, zeigt, worin die Mobilisierungskraft der Freischärler liegt: in einem Weltbild mit klarem Jenseitsbezug, das einen religiösen Eifer generiert, wie ihn Deutsche früher einmal kannten – in der Zeit der Kreuzzüge.

Ihre Religion ist diesen Jüngern heilig, jedes Opfer wert. Einer solchen von einer gemeinsamen Vision getragenen Truppe von Glaubenskriegern haben unterversorgte Streitkräfte, deren Loyalität gegenüber dem Regime mit jedem ausgebliebenen Monatssold abnimmt, nichts entgegenzusetzen.

Und was nun?
In geheimen Verhandlungen mit den USA zeigten sich die Taliban stets dermaßen selbstbewusst und kompromisslos, wie es nur jemand kann, der weiß, dass die Zeit für ihn spielt. Die zerstrittenen Eliten von Kabul haben die Zeit der Besatzung schamlos genutzt, um sich selbst und die mit ihnen verbundenen Clans zu bereichern, während der Westen – die haben’s ja – sich mit seinen üppigen Aufbau- und Fördermitteln um den Rest des Landes kümmern konnte. So läuft Entwicklungshilfe ja meistens.

Jeder Afghane wusste, dass nach dem Abzug der westlichen Truppen dieser Geldfluss jäh versiegen und alle noch weniger zum Leben haben würden. Das Vertrauen in die korrupte Kabuler Regierung ist gleich null. Da fällt es nicht schwer, sich den Taliban anzuschließen, vor allem wenn man wie sie Paschtune ist. Niemand hält es mit dem Sheriff von Nottingham, solange Robin Hood und seine Helden von Sherwood Triumphe feiern und die Mächtigen düpieren.

Das Überlaufen vollzieht sich geräuschlos: In dem Bewusstsein, dass Provinzbehörden seitens der Hauptstadt mit keinerlei Unterstützung rechnen können, macht ein Taliban-Gesandter ein Angebot, das der örtliche Militärführer, der Dorfälteste oder Amtsvorsteher nicht ablehnen kann: freies Geleit und ein Monatslohn als kleine Aufbauhilfe und Dankeschön dafür, dass die Ortschaft oder Garnison den Taliban kampflos überlassen wird, oder ein Kampf, den die gut ausgerüsteten Rebellen sowieso gewinnen werden.

Neuerdings inszenieren sich die paschtunischen Aufständischen auch geschickt als – durch den verbindenden muslimischen Glauben legitimierte – Vertretung aller Afghanen, wirken geradezu samtpfötig. Auch die Taliban haben dazugelernt. Es spricht einiges dafür, dass das Regime des Schreckens, das sie jetzt zu errichten im Begriff sind, ein wenig weniger schrecklich ausfallen wird als vor 25 Jahren. Nach dem Iran steht nun das zweite mächtige Mullah-Regime in den Startlöchern.

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