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Die inszenierte Betroffenheit

75 Jahre Kriegsende 

oder: Das Gedenken an den 8. Mai 1945 – ein weiteres Beispiel der Umfunktionierung historischer Ereignisse zur Diffamierung des politischen Gegners

Von Gastautor Josef Hueber

Die Kraft der Liturgie – religiös und politisch
Rom, Karfreitag 2020. Papst Franziskus feiert auf dem menschenleeren Petersplatz die Karfreitagsliturgie. Wer dies am Fernsehen miterlebte, sah ein visuell und spirituell beeindruckendes Geschehen.

Die staatsoffizielle Gedenkfeier zum Kriegsende am 8. Mai in Berlin mutete an wie eine Kopie des beeindruckenden Schauspiels in Rom, aber – im Gegensatz dazu – gleichsam nur bemüht, religiöse Feierlichkeit ausstrahlend. Die Glaubwürdigkeit der Inszenierung wurde dadurch beschädigt, dass auch diese Feier nicht die erste ihrer Art war, opportun gleichzeitig den politischen Gegner in die rechte Übeltäterecke zu stellen.

Der Hintergrund: ZDF heute journal vom 8. Mai 2020
Die obersten Repräsentanten Deutschlands haben sich zum Gedenken an das Kriegsende 1945 am 8. Mai in Berlin versammelt, um des Sieges über die nationalsozialistische Herrschaft zu gedenken. Wie im neuen Rom: Ein riesiger Platz, nahezu niemand anwesend, die Zelebranten in einer übertrieben großen, nicht gebotenen Entfernung, sondern in inszeniertem Abstand. Statt Papst Franziskus der Bundespräsident. Nicht weniger feierlich, freilich nicht ganz so ehrlich. Es ging ja nicht um das Glaubensbekenntnis der Christen, sondern um das Bekenntnis der Politik anlässlich des Endes des Zweiten Weltkrieges zu Demokratie und Menschlichkeit.

Zustimmungswürdiges und Unangemessenes
Um vorab allen übel gesinnten Missverständnissen entgegenzutreten: Das Leid der Menschen, von unermesslich verbrecherischer Ideologie verursacht, war unermesslich.

Dennoch war die Rede des Bundespräsidenten nicht davon geprägt, historische Gerechtigkeit walten zu lassen. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit – wen wundert’s – den Andersdenkenden unter den Dunkeldeutschen subtil einen Stachel ins Fleisch zu treiben.

Die richtige Frage und die falsche Antwort
Steinmeier fragt zurecht nach dem Anlass der Veranstaltung. Fraglos war Hitler Rassist. Aber war der Kampf gegen die Nationalsozialisten passgenau ein Kampf gegen das, was heute die Bundesrepublik bedroht? Seiner Meinung nach offensichtlich ja.

Wie hört sich das an? O-Ton Steinmeier: „ Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien – von Hass und Hetze, von Fremdenfeindlichkeit und Demokratie – Verachtung. Denn sie sind doch nichts anderes, als die alten bösen Geister in neuem Gewand.“

Eine skandalöse Unterstellung: Wie damals sowjetische Soldaten gegen Hitler kämpften, sollen wir Deutsche heute selbst gegen einen angeblich identisch motivierten inneren Feind kämpfen! Wie heißt dieser innere Feind? Die Antwort bleibt so klar wie unausgesprochen: Es ist die politische Opposition, und damit auch deren Wähler.

Wahrheit ist immer die ganze Wahrheit – inopportune Randbemerkungen zum Kriegsende

Fraglos war das Ende von Hitlers bestialischer Herrschaft (auch) ein Verdienst der sowjetischen Armee, die Berlin unter schwersten Opfern einnahm. Den Menschen, die dafür ihr Leben gelassen haben, gebührt höchste Ehrerweisung. Der russische Botschafter, der in dem Beitrag des ZDF zu Wort kommt, nennt diesen Tag auch „ein heiliges Datum“ für Russland.

Die unterschlagene historische Gerechtigkeit
Was kommt in dem Beitrag des ZDF nicht zu Wort, was ist nicht eines einzigen Gedankens wert?

Wofür hatte Stalin, dessen Soldaten wir für die Befreiung von Hitlers Diktatur höchsten Respekt zollen, seine Armee (etwas größer als die des Papstes) eigentlich eingesetzt? Anders gefragt: Hatte Stalin, beim Angriff auf Berlin, die Absicht, Deutschland von “Hass und Hetze, von Fremdenfeindlichkeit und Demokratie-Verachtung” zu befreien?

Diese Frage hat sich der Redenschreiber des Bundespräsidenten – wohl mit Einverständnis seines Dienstherren – nicht gestellt.

Die Befreiung von Hitler ging im geteilten Deutschland und in Osteuropa unverzüglich über in eine “Zweite Welle” der Unterdrückung, der Vernichtung von politischen Gegnern im Osten Deutschlands. Ulbricht und Genossen – bis hinein in das Jahr 1989 – etablierten die Ziele der eigentlichen Motivation des Diktators Stalin nach dem siegreichen Kampf gegen Hitler: Die (Wieder-) Einsetzung einer Diktatur in Deutschland unter anderem Vorzeichen. Dass sie dabei großteils dasselbe „Personal“ einsetzten, ist der offensichtlichste Beweis des Außerachtlassens demokratischer Gesinnung.

Der symbolische Akt – politisch korrektes Vergessen
Und ganz nebenbei: Es waren auch (!) die Soldaten der USA, die nicht nur mit sehr vielen Toten und damit verbundenem Familienleid für die Beendigung der bestialischen Diktatur in Deutschland ihr Leben gelassen haben. Sie nicht ausdrücklich in dem Beitrag zum Kriegsende zu erwähnen, zeigt das Ausmaß der gegenwärtigen antiamerikanischen Stimmung bis hinein in die obersten politischen Etagen. Die Betroffenheit der präsidialen Rede sowie deren Inszenierung in den Medien verlieren auch dadurch an Glaubwürdigkeit.

Dass man sich geweigert hat, ein Denkmal für den amerikanischen Präsidenten Reagan in Berlin aufzustellen, weswegen die Amerikaner dies nur auf dem Botschaftsgelände tun konnten, ist ein Beweis: Deutschland hätte ausreichend Anlass, sich dessen zu erinnern.
(vera-lengsfeld.de)

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