Springe zum Inhalt

Die Schule des Lebens

Über die Notwendigkeit des Scheiterns

Von NADINE HOFFMANN

Verzeihen Sie, wenn ich zum Ende des Jahres philosophisch werde. Auch an mir geht die vorweihnachtliche „Gefühlsduselei“ nicht vorbei. Und immerhin passt das Thema zu dieser Zeit, es geht etwas vorbei, etwas anderes beginnt und dazwischen steht das Innehalten.

Eine der ersten, mir später bewusst gewordenen Gefühle nach der Wende war das Staunen über die (vermeintliche) Erfolgssträhne des Westens. Es ging immer nach oben, man war immer erfolgreich, es gab keine Zweifel, es gab kein Scheitern. Das von Höhen und Tiefen geprägte Leben schien sich auf überirdischem Level zu bewegen und sich nirgends als Falte auf der Stirn abzuzeichnen. Zunächst war diese Täuschung faszinierend, dann folgten Desillusion und Abkehr. Denn die Aalglätte war das Fehlen von Tiefe, nicht die Spiegelung des Inneren.

Damals war ich zu jung, um zu merken, dass das, was wie der goldene Spiegel des Dorian Gray glänzte, ein mit Aufwand ausgearbeitetes Zerrbild des Menschen darstellte, der in einer Gesellschaft voller künstlicher Höhen mithalten wollte. Um den Preis der Selbstverleugnung. Oder weil das gierige Ego es so wollte.

Wenn ich mir eine Eigenschaft von damals bewahrt habe, dann die, dass mir Leute, die sich nie infrage stellen, suspekt sind. Ich rede nicht von denen, die in sich selbst gekehrt Seelenhygiene betreiben und der Welt ihre Vielschichtigkeit nur nicht offenbaren, sondern von jenen, die sich tatsächlich für unfehlbar halten und alles daran setzen, dieses Eigenbild aufrecht zu erhalten, die dabei keine Skrupel kennen und auch vor Intrigen nicht zurückschrecken und dabei Schönes zerstören. Natürlich lässt sich dies sowohl auf die Politik wie auch auf das Private beziehen. Aber in der Politik ahnt man, was auf einen zukommt, privat trifft es einen, trifft es mich immer wieder wie ein Donnerschlag.

Mit Menschen, die wenigstens einmal gewaltig „auf die Fresse“ flogen (weil das Leben ihnen übel mitspielte oder sich die mühsam antrainierten Schutzmechanismen als überflüssiges Rudiment erwiesen haben) und die daraus lernten, kann man Pferde stehlen.

Fremdverschuldet oder selbstverschuldet, egal. Und Scham über eigenes Verhalten, die Vorstufe zur Besserung, gehört dazu. Es ist das wortlose Verständnis untereinander derer, die Narben auf ihrem Herzen haben, auch wenn sie dies mitunter durch Ruppigkeit kaschieren. Es ist, wenn man so will, wie mit „dem Osten“: die Leute dort wissen, dass ein System, dass man selbst scheitern kann und man weiter lebt, weil dieses System etwas Konstruiertes war, das sich nicht auf die Menschen übertragen ließ. Die einen wissen es, die anderen wollen es gar nicht wissen. Genauso gibt es Leute, die sich lieber von den penetranten Dauererfolgsinhabern als gescheitert, weil systemuntauglich, beschimpfen lassen als Fehlerlosigkeit vorzuspielen.

Der „tiefe Westen“, die grünen Vorstädte voller pensionierter Lehrer und Irgendwasmitmedienschaffender kennen diesen für sie als Schwäche geltenden Zustand nicht und halten sich weiter für das Maß aller Dinge. Dort käme man nie auf den Gedanken, dass Scheitern keine Schande ist und zum Dasein gehört, dass Vielschichtigkeit sexy ist.

Leider hat das falsche Bild auch zunehmend den Osten ergriffen und Misstrauen beherrscht die Republik. „Mut zur Schwäche“ tut Not.

Insofern ist das Scheitern notwendig, unabhängig, von welcher Seite man es betrachtet. Man kann es ja auch anderes nennen: Die Schule des Lebens. Wichtig ist, dass man Gleichgesinnte um sich hat, für die das Leben ebenso eine Ansammlung vieler Ebenen ist und keine gerade Linie der Selbstvergessenheit. Früher suchte ich solche Wesen in Büchern, mittlerweile weiß ich, dass sie leben, auch wenn sie nicht so zahlreich sind.
(pi-news.net)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.