Springe zum Inhalt

Eine Hand wäscht die andere

Politik:  Ort von Gemauschel und Kumpanei besonderer Art

Das wohl klassischte Beispiel von Geben und Nehmen, Brot und Spiele, heute Verkehrshindernis oder Parkhausruine, aber Touristenattraktion: das Kolosseum in Rom. Heute sind Menschen schon mit einer "Landesgartenschau" oder einem Nudelgericht auf eigene Kosten glücklich zu machen. Aproos Nudeln: Aus der neuseeländischen Hauptstadt  meldet gerade ein Reisender einen "Nachtnudelmarkt". Wäre das nichts für Spaichingen?  Zu vorgeeilter Stunde als "Nacktnudelmarkt"?  Einer oder eine muss ja mal damit anfangen.

(tutut) - Es gab mal eine Fernsehserie, in der Promis mit sich selbst konfrontiert wurden: "Das ist ihr Leben!" Was ist nun aber das Leben eines Politikers, das sich fast ganz in einem Gemeinderat oder einem Parlament abgepielt hat? Sie können sich ein echtes im wahren gar nicht mehr vorstellen. Und so enden sie als Urgestein oder Kalkgeriesel, das für Denkmal gehalten wird, auf einer Geröllhalde der Geschichte, lokaler, nationaler und eventuell internationaler Art. Manche Politiker arbeiten regelrecht und in immer größerer Panik daraufhin, bleibenden Ein- und Ausdruck zu hinterlassen, von Buch über Straßennamen bis hin zu Gedenktafel und Ehrenbürgerschaft.

Jedes Mal, wenn es wieder heißt, wir suchen Kandidaten für die Kommunalwahl, für ein Parlament, beginnt der Volkslauf jener, die noch versorgt sein wollen. Selbst beim nicht gerade hoch bezahlten Ehrenamt, da stecken nur wenige Rosinen im Kuchen, und die sind teils auf  Jahrzehnte besetzt, spiegelt sich Engagement meist in Quantiät statt in Qualität wider. Je länger in der Politk das Besetztzeichen leuchtet, desto kleiner brennt die Flamme für Gehen und Kommen.  Der Nachwuchsmangel in der Politik ist extrem, Fachkenntnisse stören nur noch.  Zwar ist regelmäßig immer wieder der Ruf nach Amtszeitbegrenzung zu hören, aber wer nun mal einen Sitz ergattert hat, schraubt den Kopf ab und schaltet das Gehirn aus. Zumindest als Urgestein soll das Leben mal enden.

Je länger die Zeit als Bürger- oder Volksvertretr währt, desto weniger hat dies mit Politik zu tun, desto mehr kennt der Gemeinderat oder Abgeordnete weder Fraktionen noch Parteien, sondern richtet sich nach dem Pawlowschen Reflex. Er sabbert, sobald ein Fresschen winken könnte. Immer öfter, je mehr der scheinbare Vertreter dem Volk die Ehre seiner Anwesenheit gewährt, umso mehr wird ihm gehuldigt, vor allem dann, wenn er zufällig auf die Butterseite der Macht gefallen ist. Da lässt er so schnell nicht mehr los, komme, was wolle, aber bloß keine Gewissensentscheidung.

Dies muss wissen, wer hin und wieder über Abstimmungsverhalten, Einheitsblöcke, Blockflötenkonzerte rätselt. Warum etwa sollte eine gewisser Herr Seehofer nach seinem Kopf handeln? Schließlich sitzt er mit dem Hintern. So hoch von Leitersprosse zu Leitersprosse zu klettern über Jahrzehnte, ohne Spuren zu hinterlassen, das muss erst einmal jemand nachmachen. Damit ist aber noch immer nicht des Rätsels Lösung benannt: Sie heißt Prinzip der Gegenseitigkeit oder fachchinesisch Reziprozitätsregel. Der amerkanische Psychologieprofessor Robert B. Cialdini hat vor vielen Jahren schon einen US-Bestseller geschrieben, "Influence". Auf Deutsch heißt das Werk "Die Kunst des Überzeugens". Es ist "Ein Lehrbuch für alle,
die ihren Mitmenschen und sich selbstauf die Schliche kommen wollen". Der Professor sagt, die Reziprozitätsregel führe auf zweifachem Weg zu gegenseitigen Konzessionen. Der erste sei offensichtlich, indem auf den Nutznießer eines erfolgten Zugeständnisses Druck ausgeübt werde, sich zu revanchieren. Der zweite sei zwar nicht so offensichtlich, jedoch von
zentraler Bedeutung, nämlich die Tatsache, dass ein Gegenüber zur Gegenleistung verpflichtet sei, ermögliche es einer Person, als Erste ein Zugeständnis zu machen und damit den günstigen Austauschprozess in Gang zu setzen. Cialdini: "Wer würde schließlich ein solches Opfer  bringen, wenn es keine soziale Verpflichtung gäbe, auf ein Zugeständnis mit einem ebensolchen zu reagieren? Dies zu tun hieße, einen Verlust zu riskieren, ohne etwas zurückzubekommen. Solange die Regel gilt, können wir indes ganz beruhigt unserem Gegenüber das erste Opfer bringen, das dann seinerseits zum Gegenopfer verpflichtet ist".

Und so eignet sich natürlich auch Politik als Schauplatz, auf dem die Macht der Reziprozitätsregel sichtbar werde. wird. "Taktiken, die auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhen, treten auf allen möglichen Ebenen in Erscheinung: Auf oberster Ebene gehen die gewählten Volksvertreter nach dem Grundsatz 'Eine Hand wäscht die andere' und machen die Politik zu einem Ort von Gemauschel und Kumpanei der ganz besonderen Art. Das unerwartete Abstimmungsverhalten eines Abgeordneten bei einer Entscheidung über ein Gesetz oder eine Maßnahme lässt sich oft als Gegenleistung für einen Gefallen seitens des Nutznießers dieser Entscheidung  erklären".

Der Autor nennt ein Bespiel: So seien die Fachleute äußerst verwundert über den Erfolg von Präsident Lyndon Johnson bei der Durchsetzung so vieler seiner Programme im Kongress während
seiner ersten Amtszeit gewesen. Sogar Kongressabgeordnete, die den Vorschlägen vermutlich sehr ablehnend gegenüberstanden, stimmten für sie. Die genauere Betrachtung durch Politikwissenschaftler ergab schließlich, dass der Grund hierfür nicht so sehr in Johnsons politischem Geschick zu suchen war, sondern eher in den zahlreichen Gefälligkeiten, die er im Laufe seiner jahrelangen einflußreichen Stellung im Parlament anderen Politikern hatte erweisen können. Als Präsident sei er dann in
der günstigen Lage gewesen, durch die "Rückforderung" dieser Gefälligkeiten in kurzer Zeit eine große Anzahl von Gesetzen durchbringen zu können.

Interessant sei, dass hier auch die Erklärung für die Probleme liege, die Jimmy Carter am Anfang seiner Amtszeit mit der Verwirklichung von Gesetzesvorhaben hatte, trotz stabiler Mehrheiten der Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus. Carter habe seine Präsidentschaft  von außerhalb des parlamentarischen Establishments in Washington errungen. In seinem Wahlkampf warb er mit dieser Herkunft und nahm für sich in Anspruch, niemandem etwas schuldig zu sein. Ein großer Teil der Schwierigkeiten, mit denen er nach seinem Sieg zu kämpfen gehabt hätte, seien darauf zurückzuführen gewesen, dass dort niemand  ihm etwas schuldig war. Das Gleiche lasse sich auch über Bill Clintons erste Legislaturperiode in Washington sagen.

Die Macht der Reziprozitätsregel werde sichtbar in dem Bestreben
von Firmen und Einzelpersonen, Vertretern der Legislative und der Justiz  Geschenke und Gefälligkeiten zukommen zu lassen, sowie in vielen gesetzlichen Einschränkungen, denen solches Tun unterworfen sei. Selbst bei legalen Spenden an Parteien und Politiker stehe hinter der vorgegebenen Absicht, einen bestimmten Kandidaten zu unterstützen, oft der Versuch, persönliche Verbindlichkeiten zu sammeln.

Diese Erkenntnis ist allgemeingültig, oder hat an diesem Prinzip schon mal jemand gezweifelt, wenn beispielsweise über Firmenspenden an Parteien berichtet wird? Cialdini berichtet in diesem Zusammenhang über ein "bemerkenswert  unverfrorenes Eingeständnis" eines Geschäftsmannes namens Roger Tamraz, der bei einer Anhörung zur Reform des Wahlkampffinanzierungsgesetzes  vor dem Kongress auf die Frage, ob er denke, dass sich seine 300.000-Dollar Spende für ihn ausgezahlt habe, sagte er: "Ich glaube, das nächste Mal gebe ich 600.000". So viel Ehrlichkeit finde man nicht häufig in der Politik. In den meisten Fällen verwahrten sich Geber und Nehmer gegen den Vorwurf, dass Gefälligkeiten wie Wahlkampfspenden,
Flugtickets und Eintrittskarten zu begehrten Sportveranstaltungen
"nüchterne und gewissenhafte" Regierungsbeamte in ihrem Verhalten beeinflussen könnten.

Glaubt noch jemand Politikern, wenn sie immer wieder erklären, sich von nichts und niemandem in ihren Entscheidungen beeinflussen zu lassen? "Verzeihen Sie, wenn ich als Vertreter der Wissenschaft darüber lache. Nüchterne und gewissenhafte Wissenschaftler wissen es besser. Ein Grund dafür ist, daß diese 'cleveren, reifen, gewieften Männer und Frauen, die an der Spitze ihres (wissenschaftlichen) Fachs stehen', die Erfahrung machen mußten, daß sie selbst so anfällig für derartige Einflüsse sind wie alle anderen auch", gesteht Cialdini.

Deshalb schmiert sich die Gesellschaft gegenseitg ganz ungeniert. Nur wer noch an Weihnachtsmann und Osterhase glaubt, hält Spiele wie beispielsweise "Landesgartenschauen" für Himmelsgeschenke und übersieht, dass das Volk sein Vergnügen und seine Anschaffungen stets mit eigenem hart erarbeiteten Brot bezahlt. Warum ist immer zu lesen, dass Land, Bund und EU so nobel waren, dem Volk wieder mal Geld zu spenden für dieses und jenes Projekt, obwohl sie in Wirklichkeit Peannuts von dem zurückgeben, was sie geraubt haben. Manche Poltiker scheuen sich nicht einmal, mit eigenen Schmierenkomödien aufzutreten und machen dabei den Briefträger der falschen frohen Botschaft. Wer fragt da noch nach der Herkunft der Nachricht? Andere umarmen als verehrte Menschenfischer jeden wie  Taschenspieler,  die unter Beifall den Geldbeutel übrreichen, welchen sie vorher stibitzt haben. Dem Volk auf seine eigenen Kosten Wohltaten anzutun, vom Lohn im Himmel, dieses Prinzp haben Kirchen und ihre Mitläufer nicht nur zur Weihnachtszeit verinnerlicht, bis hin zur Sanierung einer verlotterten Schule, einer neuen indoktrinierenden sozialistischen Kinderaufbewahrung oder einer Weltrettungsstation, das ist die hohe Kunst von "Eine Hand wäscht die andere". Wer dabei eingeseift wird? Keine Frage. Ab und mal wieder ein Buch lesen, wie "'Wir können alles'. Filz, Korrupto & Kumpanei im Musterländle".

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.