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Eine Lanze für „Artur Lanz“

Monika  Maron krönt mit dem neuesten Roman ihr Lebenswerk - Rezensionen der Haltungs-Medien schäumen mit Verrissen

Von Vera Lengsfeld

Eigentlich kenne ich das nur aus der DDR, dass vor einem Buch so intensiv gewarnt wird. Die allermeisten Rezensionen, die in den Haltungs-Medien erschienen, sind Verrisse. Das hat den alten Reflex bei mir ausgelöst, das Buch unbedingt lesen zu wollen. Ich habe keinen Cent der 24 Euro teuren Ausgabe bereut, denn ich habe interessante, vergnügliche, lehrreiche Stunden mit der Lektüre verbracht.

Dieser Roman ist alles andere als verunglückt, wie der Berliner „Tagesspiegel“ giftete. Seine Personen sind das Gegenteil von blass. Monika  Maron ist auf der Höhe ihrer Kunst.

Charlotte Winter, die Heldin dieser Geschichte ist so deutlich gezeichnet, dass man sie förmlich vor sich sieht, wie sie über den verlotterten Platz an einer viel befahrenen Hauptstraße geht und den für diese Gegend zu gut angezogenen Mann auf der Bank sitzen sieht. Wie Maron die erste Begegnung zeichnet oder später das zweite Zusammentreffen in einem Café ist einfach meisterhaft. Was kann Literatur mehr bewirken, als lebendige Bilder vor den Augen der Leser entstehen lassen?

Es kann nicht nur daran liegen, dass ich dem Alter der Charlotte ziemlich nahe bin, dass es ihr gelingt, mich ganz in ihre Welt zu ziehen. Nein, sie ist eine Person, die in ihrer Neugier auf das Leben keine Zeit hat, sich über ihr Alter zu grämen, sie scheint es nicht einmal zu bemerken. Ihre Neugier ist ansteckend. Ich hatte sofort das Bedürfnis, zu den Büchern zu greifen, die Charlotte liest. Oder Rinderbouillon zu kochen, die Charlotte auf ihrem Herd vergessen hat. Sie ist eine, die sich nicht mit Suppenwürfelextrakt begnügt, sondern die weiß, dass im echten Genuss Arbeit steckt.

Auch die Nebenfiguren sind höchst lebendig, ob es sich um den emeritierten Professor Adam handelt, der sein Alter mit einer 25 jüngeren arjuvedasüchtigen Frau bekämpft, die ihm im Grunde fremd ist, die notorische Kultursenatorin Penelope, die stellvertretend für den stromlinienförmigen, phrasendreschenden Politikertypus steht, der mittlerweile beherrschend ist, die denunziatorische Kollegin von Lanz, die nicht ruht, bis es ein Tribunal gegen einen Andersdenkenden gibt, oder den duckmäuserischen Institutsleiter, der kein Tribunal will, aber zu feige ist, es zu untersagen und sich stattdessen aus dem Raum stiehlt.

Nein, es nicht die literarische Qualität, sondern der Inhalt, der die Rezensenten zum schäumen bringt. Schriftsteller, die Guten, sind Seismographen der gesellschaftlichen Zustände und ihrer Veränderungen. Die anderen sind Seismographen des Zeitgeistes. Gute Schriftsteller mischen sich ein. Mit ihrer Unabhängigkeit, Einfühlsamkeit und ihrer Intuition gelingt es ihnen zu beschreiben, was mancher vielleicht spürt, aber nicht formulieren kann. Beim Lesen kommt es dann, dass es einem wie Schuppen von den Augen fällt.

Maron, die sich selbst in Interviews als „freiheitssüchtig“ bezeichnet, hat einen unverstellten Blick auf alle Entwicklungen, die Freiheit in der einen oder anderen Weise einschränken. Drei ihrer Figuren, neben Charlotte sind das ihre alte Freundin Lady und im letzten Drittel Gerald, der mit dem Fahrrad die Skipiste herunterfuhr, weil das verboten war und dabei Knochenbrüche riskierte, kommen aus der DDR. Sie haben für Genderismus oder Klimawahn wenig übrig.

Das ist es, was die Rezensenten aufregt. Die vierte Figur, Artur Lanz, nach dem der Roman benannt ist, stammt aus der süddeutschen Provinz und hat sein Leben bis zum 50. Jahr als angepasstes role model für das postheroische Zeitalter verbracht. Dabei hatte ihm seine Mutter den Namen Artur verpasst, weil sie mit der Verbindung von Artur und Lanz die Geschichte vom Heiligen Gral beschwören wollte. Mit 50 Jahren stellt sich Lanz die Frage, warum er so wenig heldisches an sich hat, obwohl es offenbar gut tut, wie er feststellte, als er seinen Hund aus einer lebensgefährlichen Situation rettete.

Über Heldentum nachzudenken ist im postheroischen Zeitalter offenbar ein Sakrileg, obwohl wir alle uns noch daran erinnern können sollten, wie sehr wir Helden in unserer Kindheit mochten und brauchten. Kinder wissen instinktiv, dass man Mut zum Leben haben muss, Erwachsene sind allzu oft bereit, diesen Mut für vermeintliche Sicherheit aufzugeben. Es gibt, wie Maron feststellt, sogar ein Ersatzwort für Mut: Zivilcourage. Zivilcourage ist, wenn man, wie eine BVG-Werbung suggeriert, auf einen roten Knopf drückt, sobald einem etwas auf dem Bahnsteig spanisch vorkommt. Oder wenn man als hochbezahlte Fernsehmoderatorin eine flammende Rede gegen rechts hält. Mut ist, wenn man einem Schläger in die Arme fällt, der dabei ist, auf einen am Boden Liegenden einzutreten. Es kommt vor, dass Mut mit der Gesundheit oder gar dem Leben bezahlt wird.

Artur Lanz möchte so gern Mut haben. Er meldet sich sogar für einen Kurs in israelischer Kampfsportart an, besorgt sich aber dann lieber Pfefferspray, um für den Mut-Fall gewappnet zu sein. Der kommt dann viel unspektakulärer, als Lanz es sich vorgestellt hat. Sein Kollege Gerald wird wegen eines Facebook-Posts erst von seinem Institutsleiter ermahnt, als er keine Einsicht zeigt und seinen Post wiederholt, diesmal sogar mit englischer Übersetzung, vor ein Kollegen-Tribunal gestellt.

Wer einmal ein SED-Parteiausschlussverfahren mitgemacht hat, fühlt sich an dieser Stelle an überwunden geglaubte Zeiten erinnert, wem diese Erfahrung erspart geblieben ist, der kann bei Maron nachlesen, dass sich die Choreografie solcher Veranstaltungen kaum geändert hat.

Monika Maron hält der aktuellen Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht und denen, die dafür gesorgt haben, wie dieses Antlitz beschaffen ist, gefällt die Deutlichkeit der Zeichnung nicht. Dabei verurteilen Marons Figuren gar nicht. Besonders Charlotte Winter ist sich bewusst, dass sie Teil dieses Prozesses war und ist, der ihr immer mehr missfällt.

Artur Lanz jedenfalls findet mitten im Tribunal den Mut, der versammelten Kollegenschaft vor Augen zu führen, was sie da veranstalten und empfindet Befreiung. Statt das Urteil der Versammlung abzuwarten, schmeißen der Angeklagte und sein Verteidiger die Brocken hin, gemäß dem Motto des sächsischen Königs: Macht doch euren Dreck alleine. Es gibt so etwas wie ein Happy-End. Lanz und sein Kollege Gerald gehen in die Schweiz und heuern im Kernforschungszentrum CERN an. Charlotte wird aufgefordert, sie zu besuchen, wenn sie will. Ob sie es tut, bleibt offen.

Alle Rezensenten, auch Thomas Schmid von der „Welt“, der keinen glatten Verriss geschrieben hat, bescheinigen Maron mehr oder weniger deutlich ein „eingetrübtes Gemüt“, weil der bundesdeutsche Staat wider Erwarten kein idealer Staat sei. Deshalb habe sie sich, wie Schmid noch einigermaßen elegant formuliert, „die phrygische Mütze des Widerstands überziehen“ lassen.

Dabei gehört Maron ganz sicher zu den Personen, die sich nie Illusionen gemacht haben, dass es so etwas wie einen idealen Staat gebe oder anzustreben sei. Sie weiß, wie viele Diktatur-Erfahrene, dass die Demokratie nur so gut ist, wie die Demokraten, die bereit sind, sie jeden Tag zu verteidigen. Maron ist weder Jacobinerin, noch gallisch, sondern herzerfrischend realistisch. Was ihren neuesten Roman betrifft, so ist der ganz sicher in jeder Hinsicht die Krönung ihres Lebenswerkes.
(vera-lengsfeld.de)

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