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Falsche Prioritäten für Afrika

Corona-Aufarbeitung: Ein Minister nutzt die Krise, um sich weiter zu profilieren

Von  Volker Seitz

„Corona besiegen wir nur gemeinsam in der Welt – oder nicht. Ich möchte die Gefahr nicht an die Wand malen, aber Chaos bis hin zum Bürgerkrieg und Flüchtlingswellen, auch nach Europa, wären die Folge“, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller im Spiegel am 4. April 2020 und fordert in seinen regelmäßigen Interviews mehr Milliarden für sein Ministerium.

Warum Müller das behauptet, darüber kann man nur spekulieren, denn nachgefragt wurde nicht. Es scheint unter deutschen Journalistinnen und Journalisten kaum mehr üblich zu sein, erhaltene Antworten auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen oder gar zu hinterfragen. In einer Akt kollektiven Vorausgehorsams werden die Wortspenden des Ministers dankend in Empfang genommen und abgedruckt. Und tatsächlich sind im „Wumms-Paket“ der Bundesregierung drei Milliarden Euro für sein Ministerium enthalten. Bisher stehen für die Entwicklungspolitik im laufenden Haushaltsjahr 10,88 Milliarden Euro bereit – 630 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

Müller nutzt die Corona-Krise, um sich weiter zu profilieren. Olaf in der Beek, Entwicklungsexperte der Bundestagsfraktion der FDP, kritisiert die ständigen Forderungen von Müller. „Anstatt einfach immer nur mehr Geld zu fordern, muss der Minister glasklar darlegen, welche Mittel in seinem Etat umgeschichtet werden können und wo er kürzen will“, und pauschal neue Organe wie einen „Weltkrisenrat“ zu fordern, sei verfrüht angesichts der Debatte über den Einfluss Chinas auf internationale Organisationen, die uns noch beschäftigen wird.

Über das Ausmaß der Covid-19-Pandemie lassen sich in Afrika immer noch keine zuverlässigen Aussagen machen. Wie bei uns sind Ursachen, Wirkungen und Abhilfemöglichkeiten noch unzureichend erforscht. Dennoch werden, wie so oft, aus dem vordergründigen Motiv, das eigene Budget aufzustocken, Horrorszenarien ausgemalt. Der Kontinent brauche mehr Hilfe, mehr Finanzmittel müssten fließen, damit der Kontinent die Corona-Krise in den Griff bekomme. „Wir“ sollten mehr Verantwortung und Solidarität zeigen, denn der Kontinent sei nicht in der Lage, von sich aus der Ausbreitung des Virus Herr zu werden. Dabei weiß jeder, der Afrika kennt, dass die Zahl der an Malaria erkrankten Menschen und der daraus resultierenden Todesfälle bei weitem höher ist als bei Covid-19. Malaria ist nach wie vor die größte medizinische und gesundheitliche Herausforderung für den Kontinent.

Gefühltes weit wichtiger als Fakten
Hauptursache für die weite Verbreitung sind schlechte hygienische Bedingungen, vor allem in ländlichen Regionen. Die Anophelesmücke („anophelos“ ist das griechische Wort für „schädlich“) sticht meist in der Dämmerung zu. Die Überträger der Malariaparasiten sind tagsüber weniger aktiv. Aus medizinischen und epidemiologischen Gründen lohnt es sich, immer wieder moskitofreundliche Pfützen und andere Stellen mit stehendem Wasser trockenzulegen. In Seen, Pfützen und Sümpfen legen die Anophelesmücken ihre Eier ab, die sich innerhalb von wenigen Tagen zu neuen Mücken entwickeln. Brackwasser, mit Müll vermischt, bildet den besten Nährboden auch für Aedesmücken, die Gelbfieber, Dengue oder Zika übertragen. Deshalb hat auch die Wasserver- und Abwasserentsorgung in den KfW-Hilfen immer eine große Rolle gespielt. Warum diese Hilfe in dem Reformkonzept „BMZ 2030“ nicht mehr im Fokus stehen wird (F.A.Z. 26. Mai 2020), ist für mich unverständlich.

Mit dem Virus liegt eine unberechenbare Gefahr über dem Kontinent. Aber niemand weiß wirklich, warum die in der westlichen Welt ausgemalten düsteren Szenarien bisher nicht eingetreten sind. Von der vergleichsweise geringen Anbindung an den internationalen Reiseverkehr und von der schlechten Infrastruktur ist die Rede – Nachteile, die sich in einer Pandemie zum Vorteil umkehren können. Aber auch die junge Bevölkerung könnte eine Rolle spielen. Offensichtlich ist hingegen, dass viele afrikanische Staaten – bei weitgehender Ungewissheit – früh Vorkehrungen gegen Corona ergriffen haben – zu einem Zeitpunkt, als die Krankheit noch nicht weit verbreitet war.

Angélique Kidjo hat den Welthit von Miriam Makeba neu aufgenommen, um über die Verbreibung des Covid-19-Virus zu informieren und auf die Hygiene- und Abstandsregeln hinzuweisen. Da in Afrika ein Teil der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann, werden wichtige Botschaften oft mit Musik vermittelt. Pata Pata aus der Xhosa-Sprache Südafrikas bedeutet „Berühren Berühren“. Die Botschaft Kidjos lautet: „Wir müssen unsere Hände sauber halten – deshalb kein ‚Pata Pata‘ und berührt Euer Gesicht nicht. Das Lied wurde Ende April 2020 über 15 Radiostationen in Afrika ausgestrahlt und ist bei Youtube unter „No Pata Pata“ zu finden.

Jedenfalls waren die meisten Staaten – soweit bekannt – offenbar rasch in der Lage, Verantwortung für ihre Bürger zu übernehmen. Die Kommentare bei uns haben mir lebhaft vor Augen geführt, dass Gefühltes in der öffentlichen Wahrnehmung weit wichtiger werden kann als Fakten.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Drei Nachauflagen folgten 2019 und 2020. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

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