Springe zum Inhalt

Gegen Russland und China?

Wie nützlich ist die NATO für Deutschland?

Von WOLFGANG HÜBNER

Der in den richtungsweisenden deutschen Kreisen von Politik und Medien sehr angesehene Historiker Michael Stürmer hat sich vor zwei Tagen zu den Ereignissen in Afghanistan zu Wort gemeldet: „Diese welthistorische Tragödie wird den Westen, wenn er das Abenteuer als politische Einheit übersteht, noch lange und außerordentlich schmerzhaft beschäftigen müssen. Dass die Bundesrepublik in der Rehabilitation der Nato eine aktive, treibende Schlüsselrolle spielen muss, muss der Politik in Berlin klar sein. Davon hängt mehr ab als die Zufriedenheit pazifistischer Aktivisten. Es geht um Fortbestand und Erneuerungsfähigkeit des nordatlantischen Bündnisses.“

Da macht sich ein einflussreicher Mann offensichtlich große Sorgen. Das tut er alles andere als grundlos. Denn das westliche Desaster in Afghanistan betrifft nicht nur die USA und ihren deutschen Vasall, sondern die gesamte NATO. Schließlich wurde nach den terroristischen Attacken vom 11. September 2001 von den Amerikanern der Bündnisfall beansprucht, dem die NATO folgte. Es ist also auch und nicht zuletzt dieses Militärbündnis, das in Afghanistan nun eine Niederlage erlitten hat.

Für Stürmer Grund genug, nun ausgerechnet vom außen- und militärpolitisch so miserabel geführten Deutschland eine „Schlüsselrolle“ bei der „Rehabilitation“ der NATO zu fordern. Abgesehen von den enormen Kosten, die diese „Schlüsselrolle“ den Deutschen abverlangen würde: Wie nützlich und wie notwendig wäre das überhaupt für den Staat in der Mitte des Kontinents?

Das fehlende Feindbild und das deutsche Interesse
Zweifellos war die NATO für die alte Bundesrepublik ein zwingender Grund, dort Mitglied zu sein. Denn es galt, sich gegen den kommunistischen Block um die Sowjetunion zu behaupten. Nebenbei war die NATO allerdings auch gegründet worden, um einen neuen deutschen Großmachtanspruch zu verhindern. Doch seit der Implosion des kommunistischen Blocks fehlt der NATO etwas ganz Wichtiges, nämlich ein wirklich glaubwürdiger Feind. Alle Versuche, das Russland unter Putin zu diesem Feind hochzustilisieren, wirken auf die Völker in den NATO-Mitgliedsstaaten nicht überzeugend.

Das trifft auch auf Deutschland zu, wenngleich Transatlantiker wie Norbert Röttgen (CDU), die Grünen und meinungsbildende Medien nichts unversucht lassen, Russland als Feindbild in die Köpfe zu klopfen. So verlogen wie unsinnig diese Versuche auch sind, sind sie nicht so gefährlich wie der sich deutlich abzeichnende Versuch der USA als dominierende Macht in der NATO, diese gegen die kommende Weltmacht China zu instrumentalisieren. Da die vom Westen brüsk abgelehnten, militärisch aber starken Russen sich an die Seite Chinas gedrängt sehen, ist eine Konfrontation von China/Russland mit den USA in jeder Weise besonders schädlich und brandgefährlich für Deutschland.

Verlangt in dieser spürbar eskalierenden Konfrontation die USA in der Zukunft vom NATO-Verbündeten Deutschland Gefolgschaft, dann steht nämlich nicht weniger als dessen Existenz auf dem Spiel. Denn ein möglicher Krieg der Großmächte wird mit Sicherheit zuerst einmal nicht auf deren Territorien ausgetragen. Da Deutschland weder Interesse noch Notwendigkeit zu Feindschaft gegenüber Russland oder China haben kann, muss möglichst bald in Berlin entschieden werden, wie nützlich und notwendig oder auch wie gefährlich und schädlich die NATO für Deutschland ist.
(pi-news.net)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert