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Gemeinderat in SA-Uniform

Machtwechsel vor 80 Jahren in Spaichingenmit zwie neuen Ehrenbürgern

Im Dezember 1933 unter den Bildern von Hindenburg und Hitler im Sitzungssaal des Spaichinger Rathauses: der NSDAP-Gemeinderat in Uniform, auch die früheren Zentrumsleute gehörten jetzt der  Hitler-Partei an.
(tutut). Den Esel zu meinen, aber den Sack zu schlagen, das war jüngst dank nicht einmal rudimentärer geschichtlicher Kenntnisse in einer Lokalblattredaktion ein Schuss  in den Ofen, als auf Hindenburg und die nach ihm in Spaichingen benannte Straße gezielt worden ist.  Wenn jetzt in Mühlheim und Immendingen Übereifrige sich deutscher Geschichte  entledigen wollen, offenbaren sie nur kulturelles Banausentum und absolute Ahnungslosigkeit.
Wer sich als Greenhorn deutscher Vergangenheit widmet, sollte sich wenigstens die Mühe der Recherche machen. Geht es um lokale Vergangenheit, muss diese für eine Lokalredaktion, die diesen Namen beansprucht, Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber nicht. Deshalb kann es vielleicht nicht schaden, jetzt, 80 Jahre danach, an das zu erinnern, was beispielsweise der Machtwechsel in Spaichingen bewirkte.
"Alles Alte ist in Auflösung begriffen, Neues bricht sich Bahn", tönte der katholische Heuberger Bote, der es trotz aller Anpassung an die neuen Verhältnisse "auf dem Boden der nationalen Regierung stehend" nur bis 1935 schaffte, nicht verboten zu werden. Ende 1933 hatte die NSDAP das bisher im Kreis Spaichingen herrschende katholische Zentrum abgelöst. Dieses half dabei kräftig mit, indem im Dezember die Zentrumsräte im Gemeinderat bereits der NSDAP angehörten und in SA-Uniform zur Sitzung sich einfanden. Bürgermeister Dr. Winker, ebenfalls ein Zentrumsmann, ließ sich von der "nationalen Revolution" auch hin- und mitreißen, was einem Überleben im Amt aber nicht half. Selbst Stadtpfarrer Hepp stieg in den Zug der neuen Zeit, obwohl er noch 1932 richtigerweise vorhergesagt hatte, dass nur die dümmsten Kälber ihre Metzger selber wählen. Später war es ihm egal, welcher Partei ein Kapitän angehörte, wenn er ein Schiff durch schwere See manövrieren müsse.
Von Feiern, Aufmärschen, Ansprachen fast täglich auf Trab gehalten und in allerlei Uniformen gesteckt, blieb den Menschen kaum eine Pause zum Nachdenken. Die Stadtkapelle stellte im Dezember 1933 den Antrag, zur SA-Kapelle mutieren zu dürfen. Wer das Neue in Spaichingen abfällig kommentierte, und sei es im Suff, machte für Tage Bekanntschaft mit dem ersten KZ  Württembergs, dem sogenannten Schutzhaftlager bei Stetten a.k.M. Dort landeten ebenfalls politisch missliebige Zeitgenossen auch aus dem Spaichinger Raum. Nicht mehr der "schwarze Mann" war es, mit dem Menschen zu erschrecken waren, sondern der "Heuberg".  Das ging sogar den neuen Machthabern zu weit. Der NSDAP-Kreisleiter von Hechingen drohte deshalb mit Strafe, falls jemand wegen persönlicher Streitigkeiten einem anderen mit demn Heuberg drohe.
Aufrufen zum Boykott jüdischer Geschäfte im April musste in Spaichingen nicht gefolgt werden, da es keine jüdischen Geschäfte gab. Das neue Kultusministerium verlegte seine Aktivität vorwiegend auf die Proklamation immer neuer Feste und schulfreier Tage. Am 1. Mai versank Spaichingen in einem vorher nie gesehenen Fahnenmeer. Public Hearing fand auf dem Marktplatz statt beim gemeinsamen Anhören von Hitlers Rede. Private Radios waren in den Dienst der Öffentlichkeit für die Übertragung von Wahlreden zu stellen.
Der inzwischen auch in Trossingen entdeckte Reichtstagsabgeordnete Fritz Kiehn wurde damals politischer Sonderkommissar für den Kreis Spaichingen. Die Gemeinderäte wurden überall entsprechend den Ergebnissen der Wahl im März, der letzten freien Wahl bis 1945, umbesetzt. Bürgermeister wurden auf Lebenszeit ernannt. Am 22. Juni erhielt die SPD ein Betätigungsverbot, bisher hatte sie einen der zehn Spaichinger Gemeinderatssitze inne gehabt. Am 3. Juli löste sich das Zentrum auf und empfehl den Mitgliedern, sich den neuen Machthabern zur Verfügung zu stellen. Bürgermeister Dr. Winker wurde am 14. Juli seines Amtes enthoben.
Neuer Spaichinger Bürgermeister wurde der NSDAP-Karrierist Dietrich Thurner aus Gingen/Fils, zuvor Führer der Deutschen Arbeitsfront in Tuttlingen. Bürgermeisterstellvertreter wurde Ortsgruppenleiter Walter Maurer, der aus Hausen o.V. stammte. Im Mai nahm der Gemeinderat einstimmig den Antrag der NS-Fraktion an, Staatspräsident Mergenthaler und Reichsstatthalter Murr zu Ehrenbürgern zu ernennen. Nach dem Krieg wurde ihnen diese Ehrung wieder aberkannt. Im Sitzungssaal wurden Bilder von Hindenburg und Hitler aufgehängt, Sitzungsgelder dagegen gestrichen.
Schon im Mai bot der Turnverein, Neuem stets aufgeschlossen,  Wehrturnen an. Kriegerverein und SA bekamen Bauholz für eine Schießanlage. Segelfliegergelände wurden auf dem Klippeneck und bei Wehingen angelegt. Anfang Oktober gab es in Spaichingen keine Arbeitslosen mehr, viele Menschen wurden zum Bau der Kanalisation eingesetzt, bei 52 Pfennigen Stundenlohn (im Winter 55 Pfennige). Zum 1. Advent wurden die Eintopfgerichts-Sonntage eingeführt, als Opfer für hungernde und frierende Menschen im Reich.
Was Straßenumbennungen betrifft, so hatte dies noch Bürgermeister Dr. Winker am 20. April zu Hitlers Geburtstag selbst beschlossen, indem aus Gartenstraße Adolf-Hitler-Straße wurde, aus Schreinerstraße Bismarckstraße, aus Hasengasse und Bergstraße Hindenburgstraße und aus Unterer Bergstraße Andreas-Hofer-Straße.