Springe zum Inhalt

Globalisierungskritik ist keine Demokratieverachtung

Eine Antwort auf die FAZ-Polemik gegen Alexander Gauland

Von WOLFGANG HÜBNER

In der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 17. Oktober 2018 hat der vermeintlich vorletzte konservative Leitartikler des Blattes, Jasper von Altenbockum, unter der Überschrift „Kalte Heimat“ auffallend gereizt mit der Globalisierungskritik im allgemeinen und der von Alexander Gauland im Besonderen abgerechnet. Laut Altenbockum rührt diese Globalisierungskritik aus Verachtung für die Demokratie.

Der Leitartikler entwickelt dabei eine sehr originelle Erklärung für die unbestreitbare Tatsache, dass sowohl in der ganzen Welt, in Europa und auch im Exportchampion Deutschland eine wachsende Zahl von Menschen unzufrieden und misstrauisch gegenüber einer Entwicklung ist, die zu immer größeren Unterschieden zwischen den (derzeitigen) Gewinnern und Profiteuren der Globalisierung einerseits, ihren Verlierern und von Abstieg Gefährdeten andererseits führt. Um es mit Altenbockum zu sagen: „Hier der Vielflieger-Linksliberalismus des Biobürgertums, dort der ‚kleine Mann‘ mit Schrebergarten; hier der Laptop der anywheres, dort die Lederhose der somewheres.“

Man könnte ergänzen: Hier die Freunde der offenen Grenzen für Waren, willig-billige Arbeitskräfte und Umvolkung, dort die Verteidiger von Nation, Sozialstaat und kultureller Identität. Doch damit würde die Realität des epochalen Konflikts zu konkret benannt und würde Altenbockums These, dass sich Globalisierungskritik aus Verachtung für die Demokratie speise, unbeweisbar machen. Denn dann müsste er sich mit reichlich unbequemen Tatsachen auseinandersetzen, statt „Populisten“ wie Gauland oder Wagenknecht als Schuldige an der Unzufriedenheit mit den vielfältigen Folgen der Globalisierung zu denunzieren.

Politiker wie der AfD-Fraktionsvorsitzende und seine Bundestagskollegin von der Linkspartei sind nämlich laut Altenbockum interessiert, „die Vergeblichkeit eines pluralistischen Gestaltungswillens vorzugaukeln. Daraus spricht nicht die Verehrung, sondern die Verachtung von Heimat, die von einer Demokratie geschaffen wird.“ Mal abgesehen davon, dass die Heimat von Menschen nirgendwo außerhalb der FAZ-Redaktion von einer politischen Herrschaftsform, welcher auch immer, geschaffen wird: Der FAZ-Schreiber will alle politisch tätig und denkenden Kräfte dazu verpflichten, nicht über den Tellerrand des täglichen Gewusels um Länderfinanzausgleich, Pflegenotstand, Glasfasernetz usw. hinauszuschauen.

Nichts wäre Altenbockum und seinesgleichen lieber als ein Gauland und eine AfD, die sich ebenso bedingungs- wie wirkungslos in einen „pluralistischen“ Politikbetrieb integrieren würden, der grundsätzliche Fragen nach Sinn und Zweck menschlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tuns ebenso meidet wie das das gesamte Parteienkartell schon in vorbildlicher Weise tut.

Die politischen Akteure sollen vielmehr ihre Existenz fristen als auskömmlich korrumpierte Reparateure eines nationalen und internationalen Klassenkampfs neuen Stils: des Kampfs zwischen denjenigen, die sich mit all ihren Privilegien überall auf der Welt zurechtfinden und wohlfühlen, also den anywheres, sowie denen, die ihrer Heimat in Nation, Kultur und Sozialstaat verbunden bleiben wollen und aus existenziellem Eigeninteresse auch verbunden bleiben müssen, also den somewheres.

Wer sich diesem Reparaturbetrieb jedoch verweigert, weil er durchschaut hat, welche Rolle ihm von den profitierenden „Eliten“ zugewiesen werden soll, der muss als „Populist“ identifiziert und als Demokratieverächter ausgegrenzt werden. Altenbockum bräuchte allerdings nur mal seine eigene Zeitung etwas aufmerksamer lesen, um zu erfahren, wie es tatsächlich um das Verständnis von Demokratie in seinen Kreisen bestellt ist. Denn dann könnte er feststellen, wie verächtlich zum Beispiel über eine zweifelsfrei mit großer demokratischer Mehrheit legitimierte Regierung in Italien geschrieben wird, von Ungarn oder Polen ganz zu schweigen.

Dieser italienischen Regierung wird in der FAZ fast täglich damit gedroht, die allmächtigen „Märkte“ würden Salvini und Co. schon noch beibringen, wer wirklich auf dieser Welt das Sagen habe. Nun mag man von den geplanten wirtschaftlichen Maßnahmen in Rom halten was man will: Dass die EU-frommen Vorgängerregierungen die Misere des Landes nicht gelöst, sondern für die große Mehrheit der Italiener verschärft haben, kann ernsthaft nicht bestritten werden. Und dass die aggressive deutsche Exportorientierung und das Euro-System nicht nur mit der italienischen Misere zu tun haben, wohl auch kaum.

Doch darüber will oder muss ein FAZ-Leitartikler ebenso schweigen wie der gesamte politisch-wirtschaftlich-mediale Komplex. Selbstverständlich haben bislang weder Gauland, die AfD oder Salvinis Lega ein Patentrezept, wie die Befreiung aus dem Würgegriff, aus all den realen oder behaupteten Sachzwängen der Globalisierung gelingen könnte. Aber sie haben zumindest begriffen, dass diese Befreiung notwendig ist, soll der sich bereits abzeichnende Zusammenbruch des weltwirtschaftlichen Kartenhauses nicht in Chaos und Kriegen enden.

Globalisierungskritik, so unreif und unvollkommen sie auch sein mag, ist keine Demokratieverachtung, sondern ist der Sorge um die Rettung der Demokratie und der Wohlfahrt der großen Mehrheit in allen Völkern geschuldet. Gauland hat das begriffen. Altenbockum hingegen kann das schon deshalb nicht begreifen, weil er dann keine Leitartikel im Zentralorgan der Globalisierungsgewinner in Deutschland mehr schreiben dürfte.

Das wäre allerdings eine große Enttäuschung für jene FAZ-Leser, die sich immer noch davon irreführen lassen, dass Altenbockum und sein Kumpel Berthold Kohler regelmäßig Merkels „Flüchtlings“-Politik pseudokritisch kommentieren. Wie oberflächlich diese Kritik in Wahrheit ist, ist auf der Titelseite der Zeitung vom 18. Oktober erneut dokumentiert: Denn Globalisierung und Massenmigration sind nun einmal eineiige Zwillinge.
(pi-news.net)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.