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Hans Klugmann mit 83 Jahren gestorben

Er war Spaichinger Stadtbaumeister von 1965 bis 1990

Hans Klugmann 1990.
Abschied und Rückblick
von Stadtbaurat Hans Klugmann
anläßlich der Verabschiedung am 9. April 1990 in den Ruhestand
Ich habe  hier im Jahr 1955 angefangen, und zwar war ich - das war damals noch nicht selbstverständlich— der erste evangelische Angestellte in dieser Stadtverwaltung! Ich war einziger Mitarbeiter von Herrn Stadtbaumeister Klink, und ich habe zwei seiner Standardaussprüche noch heute im Ohr:
1. “Ich und mein Gsell". (Der Geselle war ich}.
2. "Der Teufel hat die Welt gesehen." (Er wußte damals noch nicht, wie sehr die Teufels einmal zwar nicht die Welt, aber diese Stadt regieren werden).
Ein kurzer Rückblick auf die gute alte Zeit 1955 sei mir gestattet:
- damals war die Urzelle der Kläranlage im Bau, und es wurden die ersten Straßen im Stadtgebiet Grund erschlossen (wegen des unergründlichen Lehmbodens "Korea" genannt),
- damals erreichten die von uns zu bewältigenden Investitionen kaum 400.000 DM im Jahr. Heute der Betrag fur eine von vielen Maßnahmen,
— 1955 war die große Anschaffung fUr den Bauhof ein Bulldog mit Schneepflug und zwei Anhängern fur 35.000 DM. Bis dahin wurde noch mit einem Holzpflug geräumt. Zum Räumen auf den Berg mußte man noch die Rösser vom Bleicher vor den Bulldog spannen, und der Stadtbaumeister mnit seinem Gsell fuhr mit, damit die Aktion bis zum Abend - nach Einkehrbei Hummlers und bei der Johanna - zu einem guten Ende kam,
— damals war es noch üblich, grundsätzlich zu Fuß auf die Baustellen zu gehen und eilige Aufträge  an Handwerker zur Vesperzeit in der "Hoffnung" beim "Handwerkervesper"  zu übermitteln.
Ich wollte mit diesem Ruckblick nochmals verdeutlichen, welch ungeheurer Wandel sich in den vergangenen 35 Jahren vollzogen hat, und wie  rasant sich die Gegebenheiten innerhalb einer Generation geändert haben. Wir waren auch 1955 schon Baurechtsbehörde, und mein Chef hat in jenem Jahr 90 Baugesuche genehmigt. Heute sind es etwa 500. Unsere Baurechtler heute schütteln über den Verfahrensablauf nur den Kopf - es war alles so herrlich unbürokratisch, wie wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen können.
Meine erste größere Planungsaufgabe war der Bau dar Leichenhalle, damals zufriedenstellend und hoch gelobt, heute zu klein und im Sanitär- und im Heizungsbereich unbefriedigend. Auch ein  Beispiel dafur, wie rasch sich die Bedürfnisse und Ansprüche weiter entwickelt haben.
Für mich war 1961 der erste Meilenstein, als ich, abweichend von den Wünschen im Hause, die Mbglichkeiten eines Sportzentrums im Unterbach zu Papier brachte. Der Gedanke fand Zustimmung, und es tut selbstverständlich gut, wenn ich jetzt sehe, wie aus der damaligen Idee heute eine brauchbare Realität geworden ist.
Weitere Meilansteine für mich waren dia Ernennung zum Stadtbaumeister 1965 und die Verleihung der Goldplakette im Bundeswettbewerb 1971 für vorbildliche Planungen und Initiativen an die Stadt Spaichingen.  Inzwischen hatte die  Entwicklung dar Stadt eine solche Dynamik erreicht, daß ich gar keine Meilensteine mehr nennen könnte. Ein Projekt
löste das andere ab, am Tage nach der Einweihung waren schon wieder Probleme der nächsten Maßnahme zu überlegen.
Im Laufe der Zeit hat sich dadurch auch die Aufgabe des Stadtbaumeisters gewandelt. Die Aufgaben sind weit vielschichtiger geworden. Die Ermessensentscheidung nach gesundem Menschenverstand wurde bedauerlicherweise immer mehr eingeengt durch Vorschriften, Gesetze, Normen und Gerichtsurteile. Diese Entwicklung ging logischerweise zu Lasten der Individualität und der Spontanität jeder Planung.
Im Bereich des Bauwesens und der Stadtplanung gilt heute doch:
— das Land bestimmt das Raumprogramm, weil es einen erheblichen Zuschuß gibt,
— der Gemeinderat wählt letztendlich das Material des Fußbodens oder der Decke,
— die Aufsichtsbehörde sagt uns, wieviel Wohn- und Industriegebiet wir auf unserer Markung ausweisen dürfen,
— die Rechtsprechung sagt uns, ob ein Altenheim neben Wohngebäuden stehen darf,
— die Bürger sagen uns, wie groß sie ihre Bauplätze haben wollen,
— der Bürger sagt uns, ob ihn ein Stadtbaum im Parkstreifen vor seinem Haus stört oder nicht.
Der Stadtbaumeister wurde zum Bauamtsleiter, der Techniker und Gestalter zum Organisator und Verwaltungsmann. Er muß heute innerhalb der vielfältigen Zwänge und Bedingungen einen akzeptablen Kompromiß suchen, das Machbare, noch Annehmbare anstreben. Er weiß, daß er bei seiner und seiner Mitarbeiter Wunschplanung  Abstriche einkalkulieren muß.
Aber auch unter diesen Bedingungen meine ich, daß Spaichingen dank guter Zusammenarbeit zwischen Stadtbauamt und einem stets aufgeschlossenen Gemeinderat zu einer durchaus vorzeigbaren Kleinstadt mit Augenmaß herangewachsen ist.
Die jeweiligen Modeerscheinungen und Stilrichtungen stören das Gesamtbild eigentlich nicht, sie tragen durch ihre Reichhaltigkeit zu einem interessanten Stadtbild bei. Wir können in unserer Stadt die verschiedenen Stiirichtungen ablesen, von der sachlichen Zweckarchitektur der 50er Jahre über die Gebiete mit braunen, schwarzen und jetzt wieder roten Dächern bis zur derzeit verspielten Architektur mit Erkern und gesuchten Dachlandschaften. Auch das wird, wie jede Modeerscheinung, wieder auf ein Normalmaß zurückgehen, wenn die Bauherren erste Erfahrungen mit den zwangsläufig hohen Unterhaltungskosten gemacht haben.
Meine Gedanken fur die Zukunftsentwicklung Spaichingens:
— die bisherigen guten Initiativen zur Vermeidung der dauernden Ausuferung unserer Siedlungsgebiete noch mehr zu verstärken. Strikte Verkaufsbeschränkungen und Bauverpflichtungen, mehr Einwohner je Hektar auch im Außenbereich, also verdichtete Bauweise, Bungalows mit Park müssen nicht unbedingt in Spaichingen, sondern können auch in Nachbargemeinden entstehen,
— Umgehungsstraße ja und rasch, aber mit Minimalquerschnitt und landschaftsgerechter Einbindung. Parallel dazu weitere einladende Rad-Wegverbindungen von allen Außenbezirken zur Stadtmitte, um auch den innerörtlichen PKW-Verkehr abzuschwächen,
— danach unseren Stadtkern fußgängerfreundlich, wohnlich und einkaufsgerecht neu zu gestalten,
— und dabei auch den Erhalt der wichtigsten alten Gebäude im Auge zu behalten. Dazu rechne ich beispielsweise das Gasthaus "Zur Traube", dessen weiteren Bestand ja umstritten ist. Denken Sie daran, wie nett das Haus Olga Honer hergerichtet werden konnte. Dasselbe werden Sie nach der Renovierung auch beim Haus Haibel erleben.
Ich möchte zum Schluß kommen und betonen, daß mir meine Arbeit in Spaichingen Freude gemacht und Befriedigung gebracht hat. Das war nur möglich durch die gute Zusammenarbeit mit dem Burgermeister, mit den Amtsleitern und last but not least mit dem Gemeinderat. Das Arbeitsklima im Gremium und in der Verwaltung war stets sachlich, angenehm und positiv. Ich habe mich bei allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Bauamtes und des Bauhofes für die gute und loyale Zusammenarbeit bedankt. Wenn von meinen Mitarbeitern nicht jeder sein Bestes für die Stadt und für die Verwaltungsgemeinschaft gegeben hätte und mit mir am gleichen Strang gezogen hätte, wäre die Arbeit für mich unerträglich und im Ergebnis unbefriedigend gewesen. Ich habe meine Mitarbeiter gebeten, ihre Loyalität auch auf meinen Nachfolger, Herrn Stadtbaumeister Stockburger, zu übertragen.