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„Im Westen neue Christenverfolgung“

Ein slowakischer Christdemokrat schlägt Alarm

Von Stephan Baier

(ein Bericht der Tagespost v. 16. Mai 2014)

Die Grundthese des slowakischen Politikers, Mathematikers und Katholiken Vladimir Palko soll und muss polarisieren: „Im Westen beginnt eine neue Verfolgung der Christen.“ Der ehemalige Innenminister und langjährige christdemokratische Abgeordnete aus der Slowakei ist davon überzeugt, „dass im euro-amerikanischen Raum eine neue Christenverfolgung begonnen hat“. Auf mehr als 500 Seiten trägt er dazu Fallbeispiele, Geschichten und Analysen zusammen, allerdings nicht in wissenschaftlich-analytischer Manier, sondern eher journalistisch.

Das Schlüsselereignis, wenn nicht gar der traumatisierende Moment, für ihn selbst muss wohl die Art und Weise gewesen sein, wie der Philosoph und Politiker Rocco Buttiglione im Jahr 2004 als italienischer Kandidat für das Amt des EU-Justizkommissars von einer links-liberalen Allianz im Europäischen Parlament abgelehnt und von der Christdemokratie fallengelassen wurde. Immer und immer wieder kommt Palko in seinem Buch auf den „Fall Buttiglione“ zu sprechen, spricht in diesem Zusammenhang von „Wendejahr“ und „entscheidendem Ereignis“, ja von einem „Meilenstein, mit dem eine neue Ära begann“.

Palkos Begründung: „Die Linke im Westen“ habe hier „die gleiche Position“ vertreten, wie früher die Kommunisten im Ostblock: „Ein Katholik, der nicht zickzack läuft, sondern sich konsequent zu seinem Glauben bekennt, sei nicht geeignet, eine politische Funktion zu bekleiden. Der katholische Glaube, wenn er nicht geheim gehalten wird, sei eine Eigenschaft, die politisch disqualifiziert.“ Palkos Fazit: „Im Westen sind Lenins Vettern an die Macht gekommen.“

Mehr noch als den Linken und Liberalen, die Buttiglione zu Fall brachten, ist der Autor aber der Christdemokratie gram. Auf europäischer wie auf nationaler Ebene: „Es war ein historisches Versagen der christdemokratischen und konservativen europäischen Politik, ein Versagen der ganzen Europäischen Volkspartei.“ Tatsächlich wurde am „Fall Buttiglione“ viererlei schlaglichtartig sichtbar: welche neuen Tabus in Europa politisch errichtet werden, wie hartnäckig die Linken und Liberalen ihren ideologischen gesellschaftspolitischen Kurs verfechten, dass es Linke und Liberale in allen Parteien und Fraktionen (einschließlich der Christdemokratie) gibt, und dass die Christdemokratie auf europäischer Ebene weitgehend auf Konsens mit der Sozialdemokratie geeicht ist – und darum im gesellschaftspolitischen Stellungskrieg immer wieder mal Positionen räumt. Der „Fall Buttiglione“ war hier weder der erste noch der letzte Sündenfall der Christdemokraten, ja vielleicht nicht einmal der entscheidende. Das ist auch dem Autor bewusst, der christdemokratische und konservative Parteien in ganz Europa kritisch unter die Lupe nimmt.

In Sprache und Argumentation wird hier ein Enttäuschter sichtbar, ein Mann, der sich in die Niederungen der Politik begeben hat in der Überzeugung, dass der christdemokratische Politiker „den Willen Gottes durchzusetzen hat und die Menschen für diesen seinen Standpunkt gewinnen soll“. Seine Ernüchterung formuliert er so: „Sozialisten und Liberale verbünden sich aktiv mit dem Zeitgeist, um ihre Ideen gegen das Christentum durchzusetzen, und die Christdemokraten tun so, als gäbe es diesen Kampf überhaupt nicht.“ Um nur ja keine Wähler zu verlieren, um nur ja nicht aus Regierungen auszuscheiden, unterschrieben Christdemokraten „antichristliche Gesetze“. Palko belegt dies mit mehreren Beispielen aus vielen Ländern.

Inhaltlich geht es ihm dabei vor allem um drei Themen: um die Zulassung der Abtreibung, der gleichgeschlechtlichen Ehen und der Euthanasie. In der Tat sind damit drei zentrale Schauplätze der tektonischen Verschiebung in der Gesellschaftspolitik Europas benannt. Palko verweist auf die historische Tatsache, dass Lenins Sowjetunion als erster Staat der Welt Abtreibungen legalisierte, dass die kommunistischen Staaten bei dieser vermeintlichen Liberalisierung Amerika und West-Europa vorangingen und dass es dafür ideologische Gründe gab. Er zeigt die Durchschlagskraft der homosexuellen Bewegung, deren Agenda heute von der „postkommunistischen Linken in Osteuropa“ (und nicht nur von ihr) erfolgreich durchgesetzt werde. Die Ablehnung dieser Agenda werde systematisch pathologisiert: „Für den Homosexualismus ist jegliche Ablehnung seiner Forderungen automatisch Ausdruck einer psychischen Krankheit, nämlich der Homophobie. Es handelt sich dabei um ein Schimpfwort, das sich als Wissenschaft ausgibt.“ Die Euthanasie nennt er den neuen „Dämon, der sich noch nicht zu seiner vollen Stärke entwickelt hat“.

Man muss dem Autor, der vielfach scharf formuliert und hart urteilt, nicht in der Bewertung jedes Vorgangs, jeder Institution und jedes Politikers folgen. Und gerade weil die Lektüre seines Buches deprimierend wirkt, bedarf es des festen Vorsatzes, sich nicht fatalistischer Resignation hinzugeben. In Summe aber ist seine alarmierende Analyse wohl richtig: „Das, was einst unmoralisch war, ist inzwischen moralisch. Umgekehrt betrachtet man heutzutage die Verurteilung derartiger, nicht traditioneller Wege, Kinder zu befruchten, zu gebären und zu erziehen, als unmoralisch.“ Tatsächlich gibt es heute nicht weniger Tabus, Verbote und erhobene Zeigefinger als vor einem halben Jahrhundert, aber es sind neue und andere Tabus, Verbote und erhobene Zeigefinger. Die Umwertung der Werte ist bereits weit vorangeschritten. Und sie geht weiter – „mit atemberaubender Geschwindigkeit“, wie der Autor richtig anmerkt.

Seine eingangs geschilderte These von der „neuen Christenverfolgung“ im Westen belegt er mit vielen Fallbeispielen, nicht nur, aber vornehmlich aus der angelsächsischen Welt. Bei der Analyse der Ursachen spart der katholische Politiker aus der Slowakei auch nicht mit Kritik am „bedenklichen inneren Zustand der katholischen Kirche“ und an der „Entchristlichung ehemaliger christlicher Parteien im Westen“. Seine „zehn Gebote“, präziser gesagt zehn Appelle, am Ende des Buches zeigen, dass Vladimir Palko selbst nicht resigniert hat. Er fordert den Leser dazu auf, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, in aller persönlicher Demut tapfer die Wahrheit zu sagen, sich mit Argumenten zu wappnen, sich zu vernetzen, Allianzen mit Andersdenkenden zu suchen – und sich zugleich auf das Martyrium vorzubereiten.
Vladimir Palko: „Die Löwen kommen. Warum Europa und Amerika auf eine neue Tyrannei zusteuern“. FE-Medienverlag, Kisslegg 2014, 503 Seiten, ISBN 978-3-86357-072-9, Euro 12,80.
(Quelle: https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/Neue-Christenverfolgung-im-Westen;art310,15198)
(www.conservo.wordpress.com)

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