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Kennen Sie auch eine oder einen?

Sündenbock auf heißem Stuhl:  Sitzredakteur*in

Bitte Platz nehmen!

(tutut) - Was ist ein Redaktionsleiter bzw. eine Redaktionsleiterin? Frage die "Feuerzangenbowle", denn die Antwort weiß nur die Dampfmaschine: "Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später....". Wissen ist eine Schlaglochpiste. Aber Herr Wikipedia weiß alles. Die da stolz im Impressum einer Zeitung prunkenden angeblich hauptverantwortlichen Redaktionsleiter sind im wahrsten Wortsinn "Sitzredakteur*in", um politisch korrekt mit Stern zu sein.

Denn: "Sitzredakteur ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für den im Impressum einer Zeitung oder Zeitschrift genannten verantwortlichen Redakteur im Sinne des Presserechts. Die Nennung eines solchen Namens wurde mit dem Aufkommen der ersten Presseprodukte von der Zensur vorgeschrieben. Auch das Reichspreßgesetz von 1874, das die Zensur aufhob, sah diese Vorschrift als Mittel zur Pressekontrolle vor. Bei Gesetzesverstößen innerhalb einer Publikation, vor allem bei anonymen Beiträgen, wurde die genannte Person zur Verantwortung gezogen und gegebenenfalls inhaftiert.

Dies geschah während des Kaiserreiches häufiger, zum Beispiel aufgrund von Majestätsbeleidigungen. Betroffen davon waren alle Medien, beispielsweise katholisch-konservative Zeitungen während des Kulturkampfes, sozialistisch-revolutionäre Blätter nach der Verabschiedung der Sozialistengesetze, aber auch die monarchistisch-konservative Presse beim sogenannten Gründerkrach. Weil die Herausgeber nicht das Risiko eingehen wollten, ihren Chefredakteur oder andere Redakteure für längere Zeit zu verlieren, wurden als verantwortliche Redakteure Personen genannt, auf die die Redaktion leichter verzichten konnte.

Diese Personen erhielten daher den Namen 'Sitzredakteur', weil sie stellvertretend für andere Redakteure und Journalisten die Strafen absitzen mussten. So heißt es beispielsweise in B. Travens Roman 'Die weiße Rose': 'Die sozialistischen und kommunistischen Zeitungen haben zuweilen sogenannte Sitz-Redakteure, die alle Strafen, die den Zeitungen auferlegt werden, in irgendeiner Form abzubrummen haben, damit die wertvolleren Arbeitskräfte der Zeitung erhalten bleiben'".

Wer mal wieder einem Redaktionsleiter oder einer Redaktionsleiterin begegnet oder von diesen gar einen flehentlichen Brief erhält, er oder sie möge doch bitte eine Zeitung abonnieren, weil gerade noch eine frei ist, sonst aber die Welt untergeht, ohne dass manfrau davon erfährt, dann kann mit verständnisvollem Lächeln reagiert werden: Da sitzt noch einer oder eine und macht den Sündenbock, aber der Stuhl ist heiß. Bis der heutzutage schleudert, kann es lange dauern, denn wo es nur Abstiege gibt, haben alle Gipfel und Zipfel Ruh'.

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