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Liberale brachten Spaichingen voran

Der Kampf um bürgerliche Freiheiten im 19. Jahrhundert

Von Jochen Kastilan

Der Kampf um bürgerliche Freiheiten hinterließ auch in Spaichingen im 19. Jahrhundert seine Spuren. Trafen sich Ende Mai 1832 beim Hambacher Schloß bei Neustadt an der Haardt etwa 30 000 Liberale und Demokraten, die einen republikanischen deutschen Einheitsstaat forderten, so hatten die Spaichinger ihr eigenes »kleines Hambacher Fest« am 7. Juli auf dem Dreifaltigkeitsberg. Nach Aufzeichnungen von Therese Winker aus dem Jahr 1878 hielten hier ihr Mann, Dr. Franz Anton Winker, Oberamtsarzt in Spaichingen, Dr. Rheinwald und der Buchhändler Wilmann aus Rottweil Reden und wurden später zu mehrmonatigen Strafen auf dem Asperg verurteilt. Verraten haben soll sie der damalige Stadtschultheiß Dietter.

"Kleines Hambacher Fest" auf dem Dreifaltigkeitsberg
Frau Winker erinnerte sich: »Mein Bräutigam war Unteramtsarzt in Rosenfeld und übersiedelte noch vor unserer Verheiratung im Jahr 1829 nach Rottweil ... Ich reichte ihm noch nicht ganz 17Jahre alt die Hand zum Bund fürs Leben. Ich widmete mich ganz und gar meinem Hauswesen ... Nun kam noch die Reaktion der 30er-Jahre, wo alles nach Freiheit schrie, die damals noch sehr verkümmert war. Mein Mann, ein Heißsporn und mit freiheitlichen Ideen beseelt, nahm lebhaften Anteil an politischen Versammlungen. Es wurde dann eine Zusammenkunft auf dem Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen veranstaltet, an der viele Leute aus der ganzen Umgebung teilnahmen.

Die Polizei bekam aber Wind von der Sache. Die Versammlung wurde durch einen Spion in der Person des damaligen Stadtschultheißen Dietter beschickt, der dann auch getreutlich alles referierte. Mein Mann, Dr. Rheinwald und Buchhändler Wilmann von Rottweil, welche Reden hielten, wurden zu mehr monatlichem Asperg verurteilt. Dies war für eine so junge Frau ein niederschlagendes Ereignis, das seine nachteiligen Folgen auf viele Jahre erstreckte. Mein Schwiegervater, ein wohlhabender Mann in Spaichingen und mir zugetan, nahm mich dann inzwischen mit nach Wien, wo zwei Brüder meines Mannes eine Bandfabrik besaßen ...«

Französische Julirevolution als Treibsatz
Zur Vorgeschichte dieser Veranstaltung und ähnlichen im Land und den Folgen: Die französische Julirevolution 1830 hatte in Württemberg einen Wahlsieg der Liberalen zur Folge. König Wilhelm I. berief aber erst 1833 verfassungsgemäß den Landtag ein, im März löste er den Landtag auf. Pressezensur, Verbot von Vereinen zur Beratung landständischer Angelegenheiten, das Ausschöpfen des Dreiklassenwahlrechts, bei dem Staats- und Gemeindebeamte zeitweise 85 Prozent erreichten, entmutigten die Liberalen im Landtag. Erst 1845 regte sich erneut politische Opposition, zahlreiche Eingaben von Gemeindekollegien und einzelnen Personen forderten politische Reformen. Die Pariser Februarrevolution von 1848 beschleunigte dann Veränderungen und machte den politisch immer regeren Bürgern Mut, Veränderungen zu verlangen.

Zwischenzeitlich war Württemberg 1834 dem Zollverein beigetreten, hatte die Regierung 1836 von beiden Kammern das Ja zu Gesetzen über die Ablösung der bäuerlichen Fronden und die Entschädigung für die aufgehobenen Leibeigenschaftsleistungen erhalten. Am 9. März beauftragte Wilhelm I. den Führer der Opposition, Friedrich Römer, mit der Regierungsbildung. Der Landtag verabschiedete die Vereidigung des Heeres auf die Verfassung und eine allgemeine Volksbewaffnung in Form von Bürgerwehren. Feudallasten wurden ganz abgeschafft.

Keine Opposition des (Land)Volkes
Die Opposition rekrutierte sich vor allem aus Studenten, Intellektuellen, Kaufleuten und Industriellen, während Bernhard Mann in seinem Beitrag »Anfänge des Verfassungsstaates« in dem Buch »Die Geschichte Baden-Württembergs« in den breiten Massen Opposition nur sehr undeutlich sieht: »Natürlich gab es Unzufriedenheit und Gründe dafür - wo gibt es sie nicht! Aber ein Volk, von dem mehr als drei Viertel von der Landwirtschaft lebte, oft mehr schlecht als recht, dessen Arbeitstag zu Zeiten 15 bis 16 Stunden lang war, das andererseits nur notdürftig Lesen und Schreiben gelernt hatte, dem lagen andere Probleme näher als der beste Staat oder die nationale Einheit. Auch die politischen Grundrechte kümmerten es wenig. Seine Lektüre war von Regierungsmaßregeln nicht betroffen, und wenn, dann merkte es nichts davon. Versammlungs- und Redefreiheit, wie das Volk sie praktizierte, standen außer Frage. Religiöse und Bildungsrechte waren fast uninteressant.«

Der »Rottweiler Anzeiger« berichtete unter dem 12. Mai 1848 über eine Volksversammlung in Spaichingen, die statt auf dem Dreifaltigkeitsberg wegen schlechten Wetters vor dem Rathaus stattfand: »Die Redner sprachen aus den Fenstern des Rathaussaales. Es hatte sich zur Besprechung vaterländischer Angelegenheiten ein Ausschuß gebildet unter dem Vorsitz von Dr. Winker. Die Versammlung bestätigte diesen Ausschuß und vermehrte ihn durch sechs Männer vom Lande. Der erste Redner, ein Gewerbsmann aus Wellendingen, sprach von Gott als der Quelle allen Heiles; er forderte die Versammlung auf, in ihr Inneres zurückzusehnen, ob hier alles so beschaffen sei, wie es der Ernst der Zeit gebietet; im übrigen wollte der Redner entschiedenen Fortschritt, jedoch in den Schranken des Gesetzes.

Hierauf wurde eine Adresse an die Staatsregierung vorgelesen. Ihr Grundgedanke ist: Vorwärts, unaufhaltsam, bis das Ziel erreicht ist, aber keinen Schritt breit vom Gesetz abweichen! Es wird volles Vertrauen zu den volkstümlichen Elementen der Regierung ausgesprochen, aber Entfernung der zwei vom alten System übriggebliebenen Minister verlangt. Als weitere Wünsche heben wir hervor: Niedersetzung einer Kommission unter Zuziehung von Männern aus der arbeitenden Klasse, um Mittel gegen die steigende Verarmung zu beraten. Das württembergische Militär soll die deutsche Kokarde aufstecken; Absendung von Offizieren und Unteroffizieren in die Gemeinden zur baldigen Gründung der Wehrerfassung.

Für Deutschlands Einheit
Ein anderer Redner trat auf, seine hohe Gestalt, seine ernsten, durchfurchten Züge fesselten aller Augen auf ihn und ringsum im Volke flüsterte es: Das ist der Rheinwald. Vor 14 Jahren ward er in die Fremde gestoßen, weil er für Deutschlands Einheit gewirkt hatte, und als er vernahm, daß es Tag werde bei uns, daß die Zeit gekommen sei, ein ganzes, freies Deutschland zu gründen, so zog es ihn zurück ins Vaterland, mitzuhelfen an dem großen Werk. In kräftiger, begeisternder Rede wies er hin auf das erste Ziel, nach welchem wir streben müssen, Deutschlands Einheit. Indem er sodann auf die Staatsform zu sprechen kam, gab er der konstitutionellen Monarchie den Vorzug vor der Republik, zu welcher wir jetzt nur gelangen könnten über die Leichen von tausend und abertausend deutschen Brüdern, und welche uns, haben wir sie erreicht, statt Freiheit und Ruhe, ein unablässiges Parteigetriebe gewähren würde. Immer aber wies er hin auf die Reichsversammlung, die zu Frankfurt tagen wird, und deren Beschlüsse uns zu unterwerfen, unsere heilige Pflicht sei. Unter jubelndem Zuruf zog sich der Redner zurück.

Zuletzt trat Buchhändler Kapff von Tuttlingen auf. Er erklärte in kräftiger, fließender Sprache offen, daß er Republikaner sei, aber er wolle sich streng in den Grenzen des Gesetzes halten und sich der Staatsform unterwerfen, welche der Reichstag in Frankfurt beschließe. Der Redner brachte einen Gruß mit aus Baden und die Versicherung, daß auch hier die Mehrheit den Beschlüssen des deutschen Reichstages sich zu unterwerfen bereit sei.

Deutsche Nationalversammlung
Schließlich nahm die Versammlung folgende Erklärungen als die ihren an:
1. daß sie die Überzeugung teile, daß die Freiheit, die Einheit und die Wohlfahrt des deutschen Volkes nicht durch gewaltsame Einführung der Republik, sondern nur im Wege der konstitutionellen monarchistischen Regierungsform möglich werden;

2. daß die Versammlung ebenso von der Uberzeugung durchdrungen sei, daß die Freiheit nur auf dem Boden des Gesetzes und der Ordnung festgestellt werden könne;

3. die Versammlung beschließt die Konstituierung eines Volksvereins, welcher sich zur Aufgabe macht, die unter Ziffer 1. und 2. erklärten Grundsätze zu verwirklichen;

4. die Versammlung erklärt, daß sie mit vollem Vertrauen das Geschick des deutschen Vaterlandes in die Hände derjenigen Männer lege, welche zur konstituierenden Nationalversammlung berufen werden, und daß sie sich freudig den Beschlüssen dieser Versammlung unterwerfe.«

Rheinwald wurde in den Reichstag gewählt. Er war zu seiner Wahlzeit Professor des Deutschen Rechts in Bern, wohin er Anfang der dreißiger Jahre emigrierte. Wahlen zur deutschen Nationalversammlung in Frankfurt, erstmals nach dem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht, brachten 28 württembergische und 20 badische Abgeordnete ins Parlament.

Am 31. Dezember 1848 stimmte König Wilhelm I. der Einführung der in der Paulskirche erarbeiteten Grundrechte zu, im April 1849 bestätigte er als einziger deutscher Monarch die Reichsverfassung. Die badischen Radikalen waren vorher mit dem Versuch gescheitert, das Frankfurter Parlament für dauerhaft zu erklären und gingen unter Führung von Friedrich Hecker zum direkten Kampf mit dem Ziel einer deutschen Republik über. Die erhoffte Resonanz blieb aus, auch in Württemberg. Württembergische Truppen lösten sogar am 14. April 1848 eine bewaffnete Volksversammlung in Donaueschingen auf.

Württemberger gegen Badener
Am 21. Januar 1848 wurde im »Rößle« in Spaichingen ein Bürgerverein gegründet, der Österreich statt Preußen an der Spitze eines Deutschen Reiches sehen wollte. In Baden führte die Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König 1849 erneut zu bewaffneten Aktionen der republikanischen Bewegung. Fast die ganze badische Armee schloß sich den Aufständischen an, der Großherzog mußte nach Frankreich fliehen.
Die überlegenen preußischen Truppen schlugen den Aufstand nieder. Württembergische Truppen wurden zur »Grenzsicherung« gegen Baden eingesetzt.

Ein Spaichinger, der damals dabei war, schrieb an Eltern und Geschwister einen Brief: »Wir sind jetzt zwei Tage auf dem Marsch von Säckingen her, wo wir am ersten Tag sieben und am zweiten Tag neun Stunden zu marschieren hatten und müssen, wie es heißt, nach Freiburg, um die dort abgefallenen Soldaten auf den rechten Weg bringen, wo es wahrscheinlich zu einem Gefecht kommen wird. Aber wir werden sie nicht unterdrücken, sondern mit einem Lebehoch empfangen und ihnen freundlich die Hände reichen und sie als Brüder begrüßen, denn wir wie sie wollen die Freiheit und wollen unser Leben nicht opfern für König, sondern für die Freiheit Deutschlands ...«

Am 6. Juli 1849 berichtete der »Heuberger Bote«, eine Zeitung, die in Spaichingen 1848 entstand, nachdem ein Versuch 1838 fehlgeschlagen war, weil die Anerkennung als Amtsblatt fehlte: »Wir erlebten heute eine militärische Szene, die mit wenig Ausnahme der ganzen Bevölkerung ein ganz neues Schauspiel bot. Eine Compagnie badischer Infanterie 96 Mann mit drei Offizieren hatte sich von Donaueschingen her ins Württembergische geschlagen und kam in der gestrigen Nacht nach Trossingen, von wo aus sie durch einen Abgesandten der in Aldingen liegenden württembergischen Cavallerie erklären ließ, daß sie sich unter den Schutz des württembergischen Corps stellen wolle.

Entwaffnet in Spaichinger "Quarantäne"
Sogleich wurde eine Abteilung Cavallerie nach Trossingen abgeschickt. Die Compagnie wurde entwaffnet und nach Aldingen gebracht. Etwa nach 7 Uhr rückten drei Compagnien württembergischer Infanterie unter Oberst Brand in unsere Stadt ein, eine halbe Stunde später folgte das zweite Cavallerie-Regiment mit klingendem Spiel. Die badische Compagnie mit ihren Offizieren war von der württembergischen Reiterei in die Mitte genommen.«

Sie war ohne Waffen und wurde in die Zehntscheuer verlegt, wohin der Mannschaft von den Bürgern, denen sie zugeteilt wurde, die Nahrungsmittel geschickt werden mußten. Das schmerzliche Gefühl, das diese entwaffnete Mannschaft erregte, war ein allgemeines. Laut sprach sich die Teilnahme aus, die ihr Anblick allgemein hervorrief. Die Reichsarmee unter Peucker, bei der Preußen, Mecklenburger, Bayern, Württemberger und Hessen sind, hat sich durch das Württembergische herauf bis Rottweil gezogen. Wohin sie sich von da wenden, ist nicht bekannt, wahrscheinlich aber nach Villingen.«

Um diese Zeit zog öfter Militär durch Spaichingen, wobei in der Öffentlichkeit immer wieder Zweifel an der Notwendigkeit solcher Zusammenballungen lediglich zum Schutz der Grenzen laut wurden. Sympathien gegenüber den aufständischen Badenern wurden deutlich. Die Gesetzestreue, auf die sich die Württemberger in diesen Revolutionsjahren verließen, wurde ihnen wenig gedankt: Die überlegenen preußischen Truppen schlugen den Aufstand in Baden nieder, in Württemberg wollten die Demokraten mittels einer nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählten verfassunggebenden Landesversammlung eine freiheitliche Verfassung erringen, obwohl ringsum die alten Gewalten neu erstarkt waren. König Wilhelm I. löste dreimal die mehrheitlich demokratisch besetzte Landesversammlung auf.

Posthalter Friedrich Platz
Ein Spaichinger war mit dabei, als in den Jahren 1848/49 im Stuttgarter Parlament Veränderungen debattiert und beschlossen wurden, die dem Ruf nach mehr bürgerlichen Freiheiten entsprachen: der Postmeister und Posthalter Friedrich Platz, 1848 und 1849 von den Wahlmännern des Bezirks Spaichingen zum Abgeordneten gewählt. Friedrich Platz, am 14. Januar 1813 als Sohn eines Posthalters in Oberndorf geboren - der Vater stammte aus Eutingen bei Horb - war 1839 Postmeister in der neugegründeten Spaichinger Posthalterei geworden. Er hatte in der Primstadt den »Goldenen Ochsen« übernommen, welcher jetzt ab »Zur Post« firmierte (Später: »Alte Post« und Hotel Osswald).

Platz war ein tüchtiger Geschäftsmann und angesehener Bürger, der auch Kommandant der Bürgerwehr wurde. Als 1849 in Stuttgart die Hauptabstimmung über das Zehntablösegesetz stattfand, begrüßte er dieses Gesetz »mit wahrem, freudigem Gefühle, weil es den Bauern Lasten abwälzt, welche durch sauren Schweiß und ohne alle Beihilfe der Berechtigten auf eine Höhe sich steigerten, daß deren Erhebung nicht mehr mit der ursprünglichen rechtlichen Anspruchsbegründung im rechten Gleichgewichte stand...«

Nach Verabschiedung des Zehntablösungsgesetzes wurden alle Inhaber von Rechten, welche auf den abzulösenden Zehnten ruhten, besonders hinsichtlich der Besoldung von Geistlichen, Lehrern, Mesnern, der baulichen Unterstützung von Kirchen, Pfarr-, Schul- und Mesnerhäusern, der Bestellung von Faselvieh usw., aufgefordert, innerhalb von 90 Tagen bei den Oberämtern diese anzumelden. Bis zum 30. Juli 1849 sollten die Ortsvorsteher dem Oberamt in Spaichingen melden, daß und in welcher Weise die Zehntberechtigten und -pflichtigen sich einigten.

Falls eine gütliche Einigung nicht möglich war, mußten die Zehntpflichtigen den Zehnten noch in Naturalien bezahlen. Die Ablösungssumme wurde nach dem Durchschnittsertrag der Jahre 1830 bis 1847 errechnet. Die Gemeinden im Oberamt Spaichingen hatten die Zehntablösung bereits 1848 angemeldet. Um die Mittel für die Ablösung aufzubringen, konnte der Zehnte von den Gemeinden weiter erhoben werden. Dagegen protestierten einige Zehntpflichtigen, ihre Beschwerde wurde aber vom Oberamt abgelehnt.

Friedrich Platz, welcher Ende 1848 Postmeister in Rottweil wurde, gehörte dem Landtag bis 1855 an. In Rottweil wurde er ebenfalls sehr schnell zu einer prominenten und geschäftlich erfolgreichen Persönlichkeit. Fünf Jahre vor seinem Tod (1873) erlitt er wirtschaftlich Schiffbruch. Platz wurde als Politiker zu den Demokraten gezählt. Er, den politische Gegner einen »Umstürzler« nannten, bezeichnete sich selbst in der »deutschen Frage« als einen Linken. Ansonsten setzte er sich als Abgeordneter u.a. für eine größere Selbständigkeit des Volkes, für freie Entwicklung von Kirche, Schule, Einsparungen im Staatshaushalt und Vereinfachungen in der Verwaltung ein.

Volksversammlung in Wehingen
Am 28. Mai 1849, Pfingstmontag, verfaßte er auf einer Völksversammlung in Wehingen vor 3000 Leuten mehrere Anträge, die sofort beschlossen wurden:
1. Mit den Staaten, welche die Reichsverfassung anerkannt hatten, sollte sofort ein Schutz-und Trutzbündnis abgeschlossen werden, »zu deren Durchführung wir mit Gut und Blut einstehen.«

2. Die württembergischen Truppen sollen nicht gegen die badischen Nachbarn und gegen die Pfälzer »feindlich einschreiten«.

3. Militär, Bürgerwehr sowie die weltlichen und geistlichen Beamten müßten auf die Reichsverfassung vereidigt werden.

4. Allgemeine Volksbewaffnung durch Unterstützung entweder von Staat, Kooperationen oder Gemeinden wurde verlangt.

5. Sofortige Verkündigung und Ausführung des Wahlgesetzes und sofortige Einberufung der konstituierenden Versammlungen wurden ebenfalls gefordert. Ein an Kammer und Regierung verabschiedetes Schreiben enthielt 1200 Unterschriften.

Solche Volksversammlungen fanden Pfingsten 1849 überall in Württemberg statt Am Pfingstsonntag hatte die Generalversammlung der Volksvereine ähnliche Beschlüsse gefaßt. In Württemberg weigerte sich König Wilhelm zunächst, die Reichsverfassung anzuerkennen, Rücktrittsdrohungen des konstitutionellen Regierungschefs Friedrich Römer führten aber dazu, daß der König sich zu einer Anerkennung bequemte. Dies entschärfte die Situation, denn auf der Volksversammlung in Reutlingen war nur eine kleine Gruppe von Demokraten bereit, die Revolution voranzutreiben, die größere Gruppe um den Vorsitzenden Becher spielte nicht mit, zumal das Ministerium Römer recht populär war. Auch Platz gehörte zu den Anhängern Römers.

Gemeinderäte nicht mehr auf Lebenszeit gewählt
Nach einer neuen Gemeindeordnung fanden am 16. August 1849 erstmals Wahlen für den Gemeinderat statt, nach denen die Amtszeit der Gewählten auf sechs Jahre begrenzt war. Vorher waren Gemeinderäte auf Lebenszeit gewählt.

Aus Spaichingen wurden sieben Stadträte gewählt: Xaver Schmid, Waldmeister; Conrad Grimm, Stadtpfleger; Moriz Schuhmacher, Stiftungspfleger; Lorenz Merkt, Händler; Anton Merkt, Bäcker; Michael Braun, Bauer; Jakob Bene, Gerichtsbeisitzer; aus Hofen drei Stadträte: Johann Merkt, Obermüller; Johann Merkt, Zeugmacher; Thadä Bader, Maurer.

Im März 1851 schrieb das reaktionäre Ministerium von Linden (die Spaichinger wählten gegen seinen Willen den Regierungschef zu ihrem Abgeordneten,er nahm dann die Wahl an, in Spaichingen selbst ist er vermutlich nie gewesen) die Wahl nach vormärzlichem Wahlrecht aus, und die gewählte Kammer stimmte 1852 der Aufhebung der Grundrechte zu. Während die Badener danach einer von Preußen geführten Einigung zuneigten, betrieb der württembergische König Karl später eher eine im Volk populäre preußenfeindliche Politik, die erst nach der Niederlage Österreichs und des Deutschen Bundes 1866 umschwenkte.

Am 25. November 1870 trat Württemberg als letzter Bundesstaat dem Deutschen Reich bei und sicherte sich einige Rechte wie innere Verwaltung, Finanzhoheit, Kulturpflege, Eisenbahnverwaltung, Verwaltung des Militärs und des Postwesens.

Bürgerwehren aufgelöst
Die Bürgerwehren wurden 1851 generell wieder aufgelöst, weil sie zum Teil an Aufständen teilgenommen hätten. Die Spaichinger Bürgerwehr traf dieser Vorwurf sicher nicht. Ihre Bekleidung und ihre Bewaffnung war vom Königlichen Oberamt am 10. Oktober 1848 einheitlich festgesetzt worden. Die Wehrmänner trugen einen dunkelgrauen Rock, hellgrauen Hut und eine Muskete. Die Schützen hatten einen dunkelgrünen Rock, einen hellgrauen Hut mit Federn, eine Kugelbüchse und einen Hirschfänger. Kleidung und Bewaffnung waren für den ganzen Oberamtsbezirk verbindlich.

Schon am 6. Juli waren die Ortsvorsteher im Oberamt aufgefordert worden, sich um die Organisation der Bürgerwehr »ernstlich zu bemühen«, so daß bald überall der Befehlshaber bestätigt und ein Verwaltungsrat, der dann das Weitere zu besorgen habe, bestellt werden könne. »Zur Vermeidung von Mißverständnissen« wurde bemerkt, daß es zwar alle Anerkennung verdiene, wenn einzelne schon vor der Organisation «ich zu »Exerzierübungen« vereinigten, daß jedoch solche freiwillig gebildeten Abteilungen die Bürgerwehr nicht vertreten könnten.

Der Spaichinger Messerschmied Fr. Hauser inserierte in einer »Empfehlung« im »Heuberger Boten« dem Aufrüstungstrend gemäß: Er bot den »Herren Offizieren und Scharfschützen der Bürgerwehren >Hirschfänger und Offizierssäbel< gut gearbeitet zu den billigsten Preisen« an.

Das Königliche Oberamt drängte am 28. August 1848 erneut die Ortsvorsteher, die »Volksbewaffnung« entsprechend dem Gesetz vom 1. April 1848 durchzusetzen: »Bei der Wichtigkeit, welche die Regierung dem Institut der Bürgerwehr, zumal in der gegenwärtigen Zeit, beilege und welche sie durch die von ihr getroffenen kostspieligen Maßregeln zur Ausrüstung und Bewaffnung der Bürgerwehrmannschaft bestätigt habe, könne das Ministerium, wenn es auch bei Durchführung des Gesetzes die möglichste Schonung der Wehrpflichtigen durch tunlichste Berücksichtigung der ökonomischen Kräfte und der Berufsverhältnisse derselben gewahrt wissen wolle, doch nicht umhin, darauf zu dringen, daß nicht nur die Organisation der Bürgerwehr im allgemeinen, insbesondere auch die taktische Einteilung der Mannschaft, durchgängig vollzogen, sondern auch die Einübung der Mannschaft, soweit dies mit Beachtung der oben ausgehobenen, nicht zu umgehenden Rücksichten geschehen könne, insbesondere nach Beendigung der Erntearbeiten ernstlich betrieben werde.«

Die Gewehre (Musketen) wurden über die Vermittlung des Oberamtes direkt beim Innenministerium bestellt. Die Spaichinger Bürgerwehr traf sich regelmäßig vor der Apotheke, und zwar ab September 1848 jeweils um 12.30 Uhr. Wer 15 Minuten später noch nicht da war, erhielt eine Strafe. Genau festgelegt waren auch die »Disziplinar-Vorschriften«, deren Verletzung ebenso Strafen nach sich zog wie Beschimpfungen, Beleidigungen von Vorgesetzten und Kameraden.

Der "Franzosenfreitag"
Nicht im Zusammenhang mit der Bürgerwehr steht eine Begebenheit um den »Franzosenfreitag« in Spaichingen, die noch bis zur Jahrhundertwende bezeugt worden sein soll, aber nicht belegbar ist:
An einem Freitag Ende März 1848 war in der Oberamtsstadt die Aufregung groß. Stadtschultheiß Dietter ließ im Ort ausschellen, der »Franzos'« sei im Land. Wer nur irgend abkommen könne, dem sei es strenge Pflicht, zu helfen, den Feind wieder aus dem Ländle zu treiben. Bis 11 Uhr solle man sich am Rathaus einstellen, mit geradegeklopften Sensen, Heugabeln oder sonstigem, das zur Verteidigung passe. Zusätzlich wurde der Kauf von Blechtrommeln empfohlen, denn zu einem rechten Heerhaufen gehöre auch die Musik!Schließlich versammelte sich vor dem Rathaus eine ganze Anzahl bewaffneter Mannen.

Als ein fremder, anständig gekleideter Mann in mittleren Jahren des Weges kam, der eine Brille trug, entstand Aufruhr in dem Haufen: »Das ist ein Herr, schlagt ihn z'taud!« Wie ein gehetztes Wild soll der Mann ins Rathaus und die Treppe hinauf gerannt sein und aus einem Fenster gerufen haben: »Ihr lieben Leute, laßt mich doch gehen! Ich bin nur ein armer Schuster aus Cannstatt, nicht gelehrt und nicht studiert. Die Brille muß ich haben, weil ich kurzsichtig bin. Ich bin nur auf der Suche nach Arbeit.« Daraufhin ließ man den Mann in Ruhe.

Stadtschultheiß Dietter hielt vor seinen wackeren Mannen eine zündende Rede und verlangte die Wahl eines Hauptmannes, dem jedermann zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet sei. Auf die Frage, wer freiwillig den Befehlshaber machen solle, meldete sich ein kleiner Mann, der lange Rohrstiefel mit Sporen trug, außerdem Säbel und eine Trompete. Dem übergab der Stadtschultheiß das Kommando.

So setzte sich der Zug in Bewegung. Weit soll er nicht gekommen sein, denn, so wurde erzählt, bei der Kassiermühle wollte der Hauptmann anzeigen, daß der Zug nun auf fremde Markung käme und wohl auch etwas Eindruck schinden: Er blies in seine Trompete. Hierbei stolperte er über seine Sporen und fiel in den Dreck. Seine Soldaten lachten ihn aus, was ihn beleidigt reagieren ließ: »Franzosen sieht man keine, und ich bin jetzt lang genug Soldat gewesen, ich geh* wieder heim!« Sprach's und kehrte um. »Ohne Hauptmann können wir nicht Krieg führen«, sagten sich die wackeren Krieger und gingen ebenfalls heim.

Daß die Franzosen im Land seien, war sowieso nur ein Gerücht gewesen.
Nach Sauer, »Revolution und Volksbewaffnung«, war dieses Gerücht durch einen Handwerksburschen in Offenburg verbreitet worden. Dieser hatte im Elsaß die Sammlung von deutschen Freischärlern gesehen, welche die Absicht äußerten, nach Baden zu marschieren. Tatsächlich sind später etwa 900 Mann aus Frankreich unter Herwegh nach Baden marschiert und wurden dort von württembergischem Militär geschlagen.

Liberale Demokraten dominant bis Anfang des 19.Jahrhunderts
Parteien wurden in Württemberg erst nach 1850 zugelassen. Eine einheitliche bürgerliche Opposition gab es nicht, das politisch organisierte Bürgertum spaltete sich in der Folge weiter auf. 1860 vereinigten sich Liberale und Demokraten zur Fortschrittspartei, vier Jahre später spaltete sich die Demokratische Volkspartei ab. Sie trat vor allem nach 1880 für die Beseitigung aller Privilegien und für eine Stärkung des Parlaments gegenüber der Regierung ein. Die Mehrheit der Fortschrittspartei ging in die mehr konservativ-liberale Deutsche Volkspartei über, welche bis in die 90er Jahre die bestimmende parlamentarische Kraft in Württemberg blieb. Danach machten ihr das katholische Zentrum, die Sozialdemokraten und die Demokratische Volkspartei Konkurrenz.

Anton Kupferschmid Spaichingens bedeutendste Persönlichkeit
In Spaichingen dominierte bei den Landtagswahlen Ende des letzten Jahrhunderts bis 1906 die Volkspartei. 1876 wurde beispielsweise für den Bezirk Redakteur Anton Kupferschmied (Heuberger Bote) in den Landtag gewählt, der später sogar Stadtschultheiß wurde. Er unterlag 1882 in einer Stichwahl dann dem Eisenbahnhauptkassenbuchhalter Bühler, Stuttgart.

Anton Kupferschmid ist die bedeutendste und wichtigste Persönlichkeit in Spaichingens Geschichte. Der Liberale war nicht nur Landtagsabgeordneter, Stadtschultheiß, Zeitungsverleger und -redakteur, sondern auch der Mann, der die Wirtschaft entscheidend vorantrieb mit Gewerbeverein und Handwerkerbank. Bis heute hat die Stadt versäumt, ihm ein Denkmal zu setzen, sieht man einmal von seinem Portrait an der Decke des Festsaals im Gewerbemuseum ab auf Augenhöhe mit demKönigspaar und Ferdinand Steinbeis.

1895 rückte wieder ein Spaichinger, der Kaufmann Josef Schumacher, in den Landtag ein, der vor »Waldhorn«-Wirt Ernst Hagen (Zentrum) lag. 1900 konnte er seinen Wahlerfolg wiederholen. 1906 schließlich eroberte erstmals das Zentrum die meisten Stimmen und damit den Wahlkreis, was sich in den folgenden Jahrzehnten bis zum Dritten Reich fortsetzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg rückte die CDU an die Stelle des Zentrums.

Der Wahlkampf wurde damals verbal hart geführt, nicht nur in Versammlungen, sondern auch über Zeitungsanzeigen. Josef Schumacher zog seine Kandidatur 1906 zunächst aus gesundheitlichen Gründen zurück, trat dann doch an, gewählt wurde mit dem Wehinger Schultheiß Franz Xaver Neßler aber ein Zentrumsabgeordneter. Wie verbissen Wahlkämpfe ausgetragen wurden, dokumentierte der »Heuberger Bote«, der sich bitter darüber beklagte, aß die Zeitung nicht ganz fertiggestellt werden konnte - weiße Flecken bewiesen es -, weil der *Volksparteiler« Fabrikant Haller den Strom abgedreht hatte! Schon vor den Reichstagswahlen 1903 habe er es so getrieben!

Heute stehen die Spaichinger kommunalpolitischen Verhältnisse wieder vor einer Zäsur, welche sich seit Jahren abzeichnet und nun in der Unübersichtlichkeit von sechs Fraktionen gipfelt.  Die seit dem Krieg lange die Stadt beherrschende CDU, oft mit absoluter Mehrheit im Gemeinderat, scheinbar rechtskonservativ, wirklich aber immer nur der Macht als Wert an sich verpflichtet,  und sei es wie jetzt unter sozialistischer Bettdecke oder selbst unter rotgrüner Fahne, hat sich mangels politischen Nachwuchses eine stetig tiefere Grube gegraben und ist nun darin führungslos verschwunden. Es sei denn, eine ichbezogene Ein-Mann-Fraktion mit vier Sitzen, welcher die CDU noch als Aberwitz einen Sitz  im Kreistag zugeschustert hat, wird als Deckel auf diesem Loch der Schwarzen zur eigenen Bühne umgemünzt.

Neben solcher persönlicher cäsarer Ideologie gibt es noch die sozialistische Linksgrüne, welche mit Sonne, Mond und Sternen und nicht durch Spaichingen ihre Horizontlinie markiert.  Klein, aber laut, das monopole Medienmegaphon und die von allen heiligen Geistern verlassenen Kirchen auf ihrer Seite. Da haben es alle anderen schwer,  zwischen Resignation und  Aufbruch, der Stadt Bestes zu wollen und zu bekommen. Die Bürgerschaft in ihrer Mehrheit macht es ihren Vertretern nicht gerade leichter, straft Demokratie und Rechtsstaat überwiegend durch Desinteresse.

"Schlechte Bürger" nannte Perikles  sogenannte "stille Bürger".  Ob Demokratur oder Diktatur, noch scheint es der Bevölkerung nicht nur in Spaichingen egal  zu sein wie ihrer Kanzlerin, welche viele offenbar noch immer beim "C" und nicht beim "K" vermuten und gar nicht wahrhaben wollen, dass drei C-Ehrenbürger  in Spaichingen sich schon lange nicht mehr zur Partei allgemein und ihrem Standort speziell geäußert haben. Der Kampf um bürgerliche Freiheiten allerdings muss ganz von vorne beginnen. Das ist kein spezifisch Spaichinger Problem.

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