Springe zum Inhalt

Merkels Pyrrhussieg

Die Berliner Freiheitsdemo und ihre Folgen

Von WOLFGANG PRABEL

Auf den ersten Blick hat Dr. Merkels Nationale Front 2.0 mit dem Abbruch der Veranstaltung am Samstag über die anarchischen Freiheitsfreunde gesiegt. Auf den zweiten ist für die Regierung alles grottenschlecht gelaufen.

Die Demonstranten haben einen triumphalen Marsch durch Berlin hinter sich. Daß es nur 17.000 gewesen sein sollen – vergessen wir diese gefakte Zahl einfach. Die Abschlußkundgebung wurde vom Berliner Senat gesprengt. Manchmal auf Anweisung von Dr. Merkel, die die Demo rückgängig machen wollte? Viel dummes Zeugs konnte dadurch auf der vorbereiteten Bühne nicht gesagt werden, jeder Teilnehmer der Kundgebung kann nun seine eigene selbstgestrickte Sicht auf den „Tag der Freiheit“ mit nach Hause nehmen, ohne sich über den einen oder anderen Redebeitrag zu ärgern. Und man kann sich über den repressiven Staat moralisch empören. Empörung ist die Lieblingsdisziplin des südwestdeutschen Kleinbürgers. Das begann, als man sich im 18. Jahrhundert in Stuttgart über den liederlichen Lebenswandel und die Mätressenwirtschaft des Herzogs entrüstete und endete bei Demos in Wyhl, Mutlangen, am Stuttgarter Bahnhof und am Neckartor gegen die Umwelthilfsverbrecher.

Ich habe beruflich und politisch viel mit Querulanten zu tun gehabt. In der Russenzeit war jeder dritte Abweichler im Kern ein solcher, bei den Querdenkern gibt es garantiert auch einige. Sie sind für jede Regierung schwer zu bekämpfen, weil sie ohne Rücksicht auf eigene Unversehrtheit ihre Agenda verfolgen. Geschäftsleute kann die Regierung bandenmäßig erpressen, Künstler kann man schockweise kaufen, Querulanten dagegen kann man nur ins Verlies werfen oder ausbürgern, so wie das bis 1990 gehandhabt wurde. Dr. Merkel hat sich durch ihre Unbeugsamkeit und Sturheit eine Unzahl von harten Abweichlern gezüchtet. Sarrazin war nur der erste. Viele waren am Samstag in Berlin dabei. Das wird sich für das Berliner Schneeball- und Betrugssystem ungünstig auswirken.

Bis Samstag war Renitenz für Dr. Merkels tiefen Staat vorrangig ein sächsisches und ostdeutsches Problem. Man sprach von Dunkeldeutschland. Nun haben wir es mit einer Wessivariante von Abweichlertum zu tun. Individualistisch, anarchisch, renitent, wütend und selbstdarstellerisch. Das kommt für Dr. Merkels verkrustete Nationale Front aus CDU, SPD, Linken, Grünen und FDP sehr ungelegen. Wähnte man den Westen doch bisher als feste Burg des gleichgeschalteten Konformismus, der botmäßigen Kriecherei und Speichelleckerei.

Ich denke der tiefe Staat macht jetzt einen Fehler, wenn er die Demonstranten nazifiziert. Es sind aufsässige und anstrengende Kritikaster, aber keine gestandenen Nationalsozialisten. In der von extremistischen Schreiberlingen beherrschten WELT liest sich das gedankliche Einrahmen der Demonstranten von einem geifernden Ex-taz und Ex-Spiegelredakteur so:
„Es werden viele Fahnen geschwenkt, schwarz-rot-goldene, aber auch schwarz-weiß-rote, was darauf hindeutet, dass sich die Fahnenhalter vermutlich in jene deutsche Epoche zurückversetzen möchten, die etwa 80 Jahre zurückliegt.“

Ich habe zwei Stunden Livestreams angesehen, zahlreiche sehr bunte Fahnen (die ich nicht deuten kann, weil ich kein Vexillologe bin) wurden mitgeführt und eine einzige Reichskriegsflagge. Daran haben sich die Medien hochgegeilt. Die Reichskriegsflagge im Zehn-Meter-Abstand zu einer Regenbogenfahne. Wurde das Abstandsgebot eingehalten oder wächst nun zusammen, was zusammengehört?

Vor allem zwei Parteien kommen in schweres Wasser. Die Grünen waren bisher der Resonanzboden der Esoteriker, Impfgegner, Friedenskämpfer, Veganer und anderer Lebensreformer. Mit dem Virus hat der schon länger laufende Scheidungsprozeß eine neue Stufe erreicht. Zuerst wurden nur Vogel- und Naturschützer durch Windräder verunsichert und Friedensfreunde durch die zahlreihen von Obama angezettelten und von den Grünen beklatschen Kriege, nun hat sich durch das Virus die Zahl der Fahnenflüchtigen erhöht.

Zahlreiche Kleingewerbetreibende und Kleinkünstler sind wirtschaftlich unter die Räder gekommen, der skurrile vegane Kochbuchautor Hildmann ist nur die herausragende Spitze vom abgebrochenen Eisberg. Dr. Merkels abgedroschenes SED-Latein ist am Ende, wenn sie nicht mehr alle korrumpieren kann. Die Grünen haben schon lange keine Distanz zur Regierungspolitik erkennen lassen, weil sie über die Medien ohnehin die Agenda bestimmen. Das kann ihnen mittelfristig zum Verhängnis werden. Der esoterische und wutbürgerliche Saum, der die zahlreichsten Grün-Wähler brachte, geht fremd.

Auch der Liberalismus hatte in Württemberg eine lange Tradition. In Stuttgart wie in Berlin wird sich die FDP über die demonstrierenden Freiheitsfreunde die Haare raufen. Da entsteht eine Konkurrenzsituation für die Bewahrer des Rechtsstaats. Die Liberalen haben – wie schon einmal 1907 – die natürliche Wirtschaft rechts liegen lassen, und nun opfern sie die zweite Säule ihres Selbstverständnisses, die Rechtsstaatlichkeit. Wer hütet den heiligen Gral des Grundgesetzes? Der irrlichternde Lindner oder die schillernden Newcomer aus Stuttgart?

Die Organisatoren des Marsches waren Samstagabend hoch zufrieden mit sich und der Welt. Sie haben ein eindrucksvolles Spektakel bestellt und geliefert. Ich sehe da Parallelen zur Weimarer Republik. In den Zwanziger Jahren entstanden während und nach dem Inflationsbetrug eine Unzahl von neuen Parteien und reformerischen Sekten, die größten waren damals die Wirtschaftspartei und die Landbünde, die es in den Reichstag schafften. Daneben die Volksrechtspartei, der Starkbund, der Haeusser-Bund, die Junge Schar. Sie erwiesen sich als unstabil, weil sie oft von Ich-Gurus nach dem Führerprinzip auf den Egotrip geleitet wurden. 1932 waren sie alle wieder verschwunden. Sie waren aber die Vorboten des Untergangs einer sozialistischen, planwirtschaftlichen und zentralistischen Mißgeburt. Es ist durchaus möglich, daß die Querköpfe aus dem Südwesten die Vorboten eines blauen Wunders, eines Schwarzen Schwans oder des Bürgerkriegs sind.

Grüße an den V-Schutz. Mich beobachtet ihr im Unterschied zu Querdenken wenigstens, ich fühle mich sehr geehrt. (Im Original erschienen auf Prabelsblog)
(pi-news.net)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.