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Monument des Sieges über das Christentum

Erdogans Herrschaftsdemonstration: Instrumentalisiertes Beten bei der Umwidmungsfeier in der HAGIA SOFIA

(www.conservo.wordpress.com)

Von Dr. Udo Hildenbrand

Es wäre außergewöhnlich – aber nicht unmöglich –dass ein christlicher Staatspräsident in einer weltweit ausgestrahlten katholischen Gottesdienstfeier als Lektor bzw. als Vorbeter den liturgischen Teil einer Schriftlesung oder des Fürbittgebetes übernähme. Bestenfalls würde man ihn dafür mit den Worten loben: „Er steht zu seinem Glauben“, schlechtestenfalls ihm vorwerfen: „Er ist halt auf Wählerstimmen aus“. Eine Bedeutung über das Ungewöhnliche hinaus könnte man einem Vorgang dieser Art jedoch nicht beimessen.

Verschiedene symbolrelevante Vorgänge in der HAGIA SOPHIA
Anders sieht es im Islam und beim türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan aus. Er hat in einer weltweit übertragenen Handlung, nämlich beim sogenannten Freitagsgebet in der HAGIA SOPHIA am 24. Juli 2020 ein Gebet gesprochen. Dieser eigentlich nicht besonders erwähnenswerte Vorgang ist jedoch im Zusammenhang mit verschiedenen Symbolhandlungen zu sehen, von denen der Verfasser dieses Textes bereits in den beiden vorausgegangenen Artikeln über die Rückumwandlung der HAGIA SOPHIA von einem Museum in eine Moschee berichtete.Darin wurden verschiedene Handlungen und Vorgänge symbolisch gedeutet: So die verhüllten christlichen Kunstwerke – Der Imam mit dem Schwert auf der Kanzel – Die Allahu-Akbar-Rufe der muslimischen Gläubigen – Die HAGIA SOPHIA als  (Monument der islamischen Eroberungsideologie und des Sieges über das Christentum.

Verhaltensweisen bei der Umwidmungsfeier
Welche symbolische Bedeutung hat nun das von Präsident Erdogan gesprochene Gebet, und dieses besondere Freitagsgebet mit seinen verschiedenen Gestaltungselementen am 24.7.2020 insgesamt?

Den Berichten zufolge traf der Präsident zusammen mit seinem Kabinett etwa eine Stunde vor Beginn des Freitagsgebets ein, das wohl als ein Staatsakt inszeniert werden sollte. Die beiden Ministerinnen befanden sich bezeichnender Weise nicht unter den männlichen Regierungsmitgliedern. Zusammen mit der Präsidentengattin mussten sie im hinteren abgetrennten Frauenbereich der HAGIA SOPHIA ihre Plätze einnehmen.

Nur etwa 500 geladene Gäste hatten Zugang zu diesem ehemaligen christlichen Gotteshaus, das nach wie vor für Christen von außerordentlicher Bedeutung ist. Geschätzte 350.000 Anhänger des Präsidenten, die vor allem dem orthodox-islamischen, nationalistischen Spektrum zuzuordnen sind, verfolgten vor den Toren des berühmtesten Bauwerkes der Stadt auf den Plätzen und Straßen das Geschehen auch auf Videowänden.

Eine Bildaufnahme beleuchtet die Szene in der HAGIA SOPHIA: Erdogan trägt die typische islamische Häkelmütze. Mit seinen Kabinettsmitgliedern kniet er auf dem neu verlegten, von ihm selbst ausgesuchten blaugrünen, „entenkopfgrünen“ Teppich nieder, die Hände nach islamischer Tradition geöffnet.

Berichtet wird: Der Präsident griff zum Mikrofon und intonierte die erste Sure des Korans, die den Namen „die Eröffnende“ bzw. „die Eröffnung“ trägt und „ein zentraler Bestandteil muslimischer Religionspraxis“ ist – so der Islamwissenschaftler Johannes Zimmermann. Sie gilt als das wichtigste Gebet im Islam und hat dort den Stellenwert wie etwa das „Vater-unser-Gebet“ im Christentum, das Jesus seinen Jüngern gelehrt hat.

Eine problemlose Koransure
Im Hinblick auf die Eroberungssure 48, die in der vorausgegangenen Veranstaltung, nämlich am 29. Mai 2020 in der HAGIA SOPHIA vorgetragen wurde, kann man die von Präsident Erdogan rezitierte sehr kurze Koransure 1 als moderat bezeichnen. Aber auch in der Sure 1 klingt bereits das gegen Nichtmuslime gerichtete „Programm des Islams“ an.

Mit der Eroberungs-Sure 48 aber wurde damals überaus deutlich und zugleich provokativ auf das „glorreiche Eroberungsgeschehen“ unter Sultan Mehmed II., dem Eroberer, mit dem Sieg über die „Ungläubigen“ (= Christen) bei der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 verwiesen.

In Wahrheit war es jedoch ein grausames Eroberungsgeschehen, wodurch nach über 1000 Jahren das Ende des Byzantinischen Reiches besiegelt wurde. Präsident Erdogan war bei jener Veranstaltung am 29. Mai 2020, die offensichtlich staatlicherseits gezielt unter dem Leitmotiv der Eroberung konzipiert war, per Videokonferenz zugeschaltet.

Das politisch instrumentalisierte Gebet des Präsidenten
Das Problem liegt in diesem Falle insbesondere darin, dass der islamische Staatschef zu Beginn des Freitagsgebetes am 24.7.2020 die Vorbeterfunktion übernommen hat, was in früheren Zeiten allein den islamischen Herrschern vorbehalten war. In der Rückbesinnung an die osmanische Zeit, als die Türken noch eine Weltmacht waren, wollte sich der Präsident auf diese Weise möglicherweise symbolisch in die Reihe der großen osmanischen Sultane stellen, sich so als osmanischer Herrscher inszenieren. Zur Inszenierung dieser Machtdemonstration instrumentalisierte er jedenfalls das von ihm rezitierte Gebet aus dem Koran.

Die martialische Schwert-Geste des Imams
Zum symbolbelasteten Gebet des Präsidenten kommt jedoch noch ein weitere vielsagende Symbolhandlung hinzu: Die des schwerttragenden Imams.

Leiter der Zeremonie bei diesem Freitagsgebet war der Präsident der Obersten Religionsbehörde der Türkei, Imam Ali Erbas. Er trug bei dieser Zeremonie ein Schwert in der Hand, ein Symbol der Eroberung.

Es gilt zugleich als Element der Thronbesteigungszeremonien osmanischer Herrscher und ist gleicherweise als Hinweis auf ein islamisch verstandenes Herrschertum zu interpretieren. Mit diesem historischen Bezug wird der gegenwärtige Macht- und Herrschaftsanspruch dessen, der Bezüge dieser Art offensichtlich bewusst herstellt bzw. herstellen lässt, mehr als deutlich.

Der Präsident mit Gefolge an der Grablege des Eroberers
Zu den beiden hier aufgezeigten Symbolhandlungen kommt noch eine dritte hinzu. Sie ist von einer Person geprägt, die offensichtlich zu einer Leit- oder Vorbildfigur des Präsidenten geworden ist. Dementsprechend werden in der Erdogan nahestehenden Presse Parallelen und Verbindungslinien zwischen Sultan Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels, und Präsident Erdogan hergestellt, gleichsam nach dem Motto: „Erdogan steht ganz in der Tradition Mehmets, des Eroberers“. Ohne die Zustimmung des Präsidenten wären Presseveröffentlichungen dieser Art oder auch z. B. T-Shirts mit entsprechenden Bildmotiven in der Türkei wohl kaum möglich.

So ist es auch keineswegs zufällig, dass der Präsident mit seinem Gefolge nach dem Freitagsgebet am 24.7.2020 dem von Türken und auch wohl von ihm selbst hochverehrten Sultan Mehmet II. durch den Besuch an dessen Grablege in der HAGIA SOPHIA seine Referenz erwies. Es sollte zu einem weiteren symbolgeladenen Gestaltungselement der „Staatsfeier“ werden.

Welche Gedanken gingen dem Staatspräsidenten in diesem Augenblick wohl durch den Kopf? Vermutlich will er kein islamischer Weltbeherrscher werden, wie es Sultan Mehmet II. im 15.Jahrhundert sein wollte, allerdings erfolglos anstrebte. Ein gewisser Realismus dürfte Erdogan doch von einer solchen Denke bewahren. Aber trat er nicht mit der Umwidmung der HAGIA SOPHIA von einem Museum in eine Moschee auf spezielle Weise in die Fußstapfen des Eroberers Mehmet? War das nicht eine Form der Rückeroberung – allen nationalen und internationalen Protesten und Widerständen zum Trotz?

Vielleicht träumte Erdogan vor der Grablege Mehmets auch kurz davon, wenigstens als ein weltweit anerkannter Führer der Muslime einmal in die Geschichte einzugehen und zu Lebzeiten sein Land doch noch in eine glänzende islamische Zukunft zu führen?

Das gesamte Freitagsgebet eine einzige Machtdemonstration
Das von Präsident Erdogan rezitierte Gebet der Eröffnungssure wurde von ihm schlichtweg politisch instrumentalisiert, worauf sogar der türkische Oppositionsführer mit den Worten hingewiesen hatte, Gebete seien „für Gott da und nicht für politische Zwecke und Kameras“ – und zugleich die Einladung der Regierung zur Teilnahme an dieser Feier für alle Oppositionspolitiker ausschlug.

Aber nicht nur das Korangebet, sondern dieses besondere Freitagsgebet insgesamt, das mit der Umwandlung der HAGIA SOPHIA von einem Museum in eine Moschee verbunden war, pervertierte die verschiedenen Vorgängen unübersehbar zu einer politischen Instrumentalisierung und zu einer mehr als fragwürdigen Machtdemonstration des türkischen Präsidenten.

Die Rückumwandlung der HAGIA SOPHIA von einem Museum zu einer Moschee war ein Traum vieler Muslime, so auch ein Jugendtraum Erdogans. Er ist in Erfüllung gegangen. Andererseits war bisher die HAGIA SOPHIA für die säkularen Türken das sichtbare Symbol der säkularen Türkei schlechthin. Für sie ist nun dieses Symbol durch den Präsidenten zerstört worden.

Die Frage nach den politischen Zielen der Machtdemonstrationen
Wenn man nach den politischen Zielen fragt, die den türkischen Präsidenten Erdogan bewogen haben könnten, die Hagia Sophia (und weitere christliche Kirchen) erneut für den Islam zu okkupieren, drängen sich Gründe einer Machtdemonstration auf: Seht, ich sorge dafür, dass in der Türkei der Islam wieder ungehindert herrscht und gelebt werden kann – gleichzeitig verbunden mit der Abkehr von der laizistischen Idee des Staatsgründers Kemal Atatürk.

Erdogans Vorgehen dürfte weiter als eine Machtdemonstration hinsichtlich der bereits belasteten Beziehungen zu anderen, insbesondere zu den christlich-orthodox geprägten Völkern und Staaten sein gemäß dem Motto: „Der Islam herrscht – er wird nicht beherrscht“. Auch für den Dominanz- und Machtanspruch gegenüber der christlichen bzw. der nichtmuslimischen Welt insgesamt finden sich in diesem Kontext Hinweise.

Nicht zuletzt sind diese Machtdemonstrationen Erdogans aber auch ein innertürkisches, wahltaktisches Manöver angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise, die durch die Coronakrise noch verschärft worden ist. Ob Erdogan mit seiner Symbolpolitik und seinen Machtdemonstrationen Erfolg haben wird?

War in Istanbul lediglich der „politische Islam“ am Werk?
Die gesamte Inszenierung dieses außerordentlichen Freitagsgebetes veranschaulicht auf eigene Weise die islamische Zielsetzung bzw. Forderung nach der Einheit von Religion und Politik im Islam, wie sie bereits Mohammed vorgelebt hat und in der 1400- jährigen Geschichte des Islams durchgängig praktiziert worden ist.

Es ist also keineswegs – wie auch im Kontext der Re-Islamisierung der Hagia Sophia angeklungen ist – nur der sogenannte „politische Islam“, der in Istanbul in den zahlreichen symbolbehafteten Vorgängen erneut sein wahres Gesicht gezeigt hat. Es ist vielmehr „der Islam“, die Religion Mohammeds, wie sie sich nach islamischem Verständnis im zeitlos gültigen Koran darstellt, in einem Buch, das mit der Fülle seiner hochproblematischen Aussagen allen Muslimen, allen islamischen Denominationen gemeinsam ist.

Dabei unterscheidet der „edle Koran“, wie Muslime ihr Glaubensbuch nennen, nicht zwischen „Islam“ und „politischem Islam“, auch nicht zwischen „Islam“ und „Islamismus“. Denn die Begriffe „politischer Islam“ und „Islamismus“ sind nichts anderes als Hilfskonstruktionen, die in der nichtmuslimischen Welt erdacht worden sind angesichts der unübersehbaren Schwierigkeiten mit der islamischen Welt, die sich auch jüngst wieder in Istanbul realiter und in symbolischen Vorgängen ganz offenkundig abzeichneten. Beide Begriffe haben eher die Wirkung eines Nebelwerfers als dass sie zur Unterscheidung der Geister dienten.

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