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Netzwerkausfall bei Facebook

Echte Krise und viel Raum für Zynismus

(www.conservo.wordpress.com)

Von Peter Helmes

Der mehrstündige Ausfall beim Facebook-Konzern (inkl. Instagram und Whatsapp) kostet den Konzern Milliarden und beschädigt sein Image. Über einen Zeitraum von etwa sieben Stunden ging nichts mehr, es gab keine neuen Bilder auf Instagram, keinen Newsfeed auf Facebook, keine Nachrichten auf WhatsApp oder dem Facebook Messenger. Direkt betroffen sollen auch die Mitarbeiter des Konzerns gewesen sein, die aufgrund der Störung nicht mehr in ihre Büros gelangten und auf Dienste der Konkurrenz ausweichen mußten, um sich überhaupt verständigen zu können, berichteten Beobachter.

Der Ausfall traf auch kleine Unternehmen auf der ganzen Welt, die auf WhatsApp, Instagram und Facebook angewiesen sind, was bedeutet, daß Geschäfte, Restaurants und Lieferdienste am Montag Geld verloren haben, berichtete die New York Times. Der Inhaber eines Essenslieferdienstes in Delhi z.B. sagte der Zeitung: “Mein ganzes Geschäft ist ausgefallen.”

Die Unterbrechung von WhatsApp war auch eine besondere Herausforderung für Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die sich auf die Plattform als ihre primäre Kommunikationsmethode mit Freunden und Familie verlassen. „Es ist wie das Äquivalent Ihres Telefons und der Telefone all Ihrer Lieben, die ohne Vorwarnung ausgeschaltet werden. Die App funktioniert im Wesentlichen als ungeregeltes Dienstprogramm“, so die Journalistin Aura Bogado (@aurabogado:

The repercussions of WhatsApp being down in The Rest Of The World are vast and devastating. It’s like the equivalent of your phone and the phones of all of your loved ones being turned off without warning. The app essentially functions as an unregulated utility.

10:16 nachm. · 4. Okt. 2021·Twitter Web App)

„Kein Facebook, kein Instagram, kein WhatsApp: Über Stunden waren die Dienste des Facebook-Konzerns nicht erreichbar. Diese Panne steht symptomatisch für ein Unternehmen in der Krise. Auch das Quasi-Monopol des Konzerns ist wieder Thema“, titelte u.a. der Sender BR24.

Der Zusammenbruch der Facebook-Dienste wurde vielfach zum Anlaß genommen, Kritik an der Monopolstellung des Konzerns und seiner damit einhergehenden Macht zu üben. So prangerte beispielsweise Edward Snowden die Marktmacht von Facebook an. Der NSA-Enthüller Snowden schrieb, der gleichzeitige Ausfall der drei Dienste mache überaus deutlich, daß sich der US-Senat mit einer Aufspaltung beschäftigen sollte.

Auch die demokratische Abgeordnete im US-Kongress, Alexandria Ocasio-Cortez, kritisierte Facebooks aggressive Marktstrategie. Sie schrieb, die monopolistische Mission des Konzerns, Konkurrenten zu kopieren, aufzukaufen oder zu zerstören, habe zerstörerische Effekte auf freie Gesellschaften und die Demokratie. Sie erinnerte daran, daß WhatsApp zunächst unabhängig gewesen sei, bevor Facebook den Dienst übernahm.

Dem Zuckerberg-Imperium droht noch mehr Ärger. Es geht um den Vorwurf der ehemaligen Mitarbeiterin Frances Haugen, Profit gehe vor Sicherheit.

Dem Facebook-Konzern sei der eigene Profit wichtiger als der Schutz seiner Nutzer vor Haßrede oder anderen gefährlichen Inhalten, sagte Haugen. Um das zu belegen, hat die Whistleblowerin Dokumente des Konzerns an das „Wall Street Journal“ weitergereicht. Aus ihnen geht hervor, Facebook wisse, daß Menschenhändler ihre „Ware“ über die Plattform anbieten und daß Instagram negative psychische Auswirkungen auf Teenager habe. Facebook werde u.a. in den Ländern des Globalen Südens dazu verwendet wird, um Menschenhandel und Organhandel zu betreiben und Auftragskiller zu engagieren. Facebook wüßte von alldem – und Facebook wär‘s egal.

„Die heutige Version von Facebook reißt unsere Gesellschaften auseinander und führt zu ethnischer Gewalt auf der ganzen Welt.“ (Frances Haugen).

Die US-amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez geht sogar noch weiter. Die Demokratin forderte bei Twitter, den Konzern wegen seines monopolistischen Verhaltens aufzubrechen. Die Mission von Facebook, systematisch Konkurrenten zu kopieren, aufzukaufen oder kaputt zu machen, habe zerstörerische Effekte auf die freie Gesellschaft und die Demokratie, so Ocasio-Cortez.

„Störung einer fehlerhaften Konfigurationsänderung“
Der mehrstündige Ausfall der sozialen Netzwerke und des Messengerdienstes kommt für Facebook angesichts der Whistleblower-Vorwürfe zur Unzeit. Insgesamt nutzen 3,5 Milliarden Menschen mindestens einen der betroffenen Dienste. Der Konzern erklärte die Störung mit einer fehlerhaften Konfigurationsänderung. Dadurch sei der Datenverkehr zwischen den Rechenzentren zusammengebrochen. (Gestern war eine weitere Gesamtstörung hinzugekommen, die ebenfalls mit „fehlerhaften Konfigurationsänderungen“ begründet, aber schneller als beim letzten Vorfall beseitigt werden konnten.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg entschuldigte sich inzwischen in einem kurzen Beitrag bei den Nutzern. WhatsApp-Chef Will Cathcart versprach, man werde daraus lernen. Das kam aber alles viel zu spät und wird auch nicht reichen; denn die Vorwürfe sind gravierend – ebenso wie der weltweite Einfluß, den der Facebook-Konzern „genießt“ (im doppelten Sinn des Wortes):

In vielen Ländern und Regionen, darunter in Lateinamerika, hat WhatsApp fast eine Art Monopolstellung bei Textnachrichten, und in Indien ist Facebook praktisch das Synonym für das Internet. Die Panne verursachte Schäden in Millionenhöhe. Das zeigt, wie abhängig die Weltwirtschaft und die Gesellschaft von den sozialen Netzwerken sind. Die Politik war nicht in der Lage zu verhindern, daß Facebook, Amazon, Google und Microsoft zu unkontrollierbaren Monstern geworden sind.

Auch wenn es klare Belege dafür gibt, daß Plattformen wie Instagram bei jungen Mädchen Depressionen bis hin zum Selbstmord Vorschub leisten, wird der Facebook-Konzern nach Meinung von Fachleuten weiterhin alles daran setzen, junge Nutzer an sich zu binden, da Facebook selbst von ihnen als muffig und spießig betrachtet wird. Offenkundig befindet sich das gerade mal vor 17 Jahren gegründete Unternehmen bereits jetzt in einer Midlife-Crisis.

Facebooks gefährliche Pläne für junge Kinder
Große Sorge bereiten auch die Expansionspläne des Unternehmens. Facebook betrachtet offenbar auch Kinder als Zielgruppe für seine Apps. Sogar Kleinkinder unter vier Jahren werden dabei ins Visier genommen. Dem Konzern wird vorgeworfen, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu gefährden.

Nach Ansicht von Beobachtern arbeitet der Social Media-Konzern Facebook schon seit Jahren an einer Strategie, Kinder zur Zielgruppe für Facebook zu machen. Sogar Kleinkinder unter vier Jahren werden dabei ins Visier genommen. Das zeigten interne Dokumente, die dem Wall Street Journal vorliegen und deren Echtheit von Facebook bestätigt wurde.

Beispielsweise hat das Unternehmen Strategien erforscht, wie Kinder möglichst oft und lange die Facebook-App „Messenger Kids“ benutzen können – sogar bei Treffen in der echten Welt. Zudem untersucht Facebook detailliert das Nutzerverhalten von Kindern aller Altersgruppen, inklusive das von Kindern zwischen null und drei Jahren.

Die Vorwürfe, die Kinder und Jugendliche betreffen, wiegen besonders schwer. Daß die Facebook-Tochter Instagram bei einem von drei Mädchen psychische Probleme verschlimmert, war dem Unternehmen schon lange bekannt. Trotzdem hatte man das Problem nach außen verschwiegen. Im Zuge der Enthüllungen hat Facebook allerdings sein angekündigtes Projekt, eine Instagram-App speziell für Kinder zu entwickeln, vorerst auf Eis gelegt.

Facebook kämpft um junge Menschen – mit allen Mitteln
Für das Unternehmen ist der Fokus auf Kinder und Jugendliche möglicherweise eine Überlebensfrage. Die klassische Facebook-Plattform wird von Unter-18-Jährigen kaum noch genutzt, während die Konkurrenten Snapchat und TikTok immer beliebter werden.

Bedrückend ist auch die immer wieder vernommene Warnung von Facebook-Mitarbeitern, daß die Plattform für entsetzliche Dinge verwendet werde, von Menschenhandel über die Anstachelung zu ethnischen Säuberungen, Zwangsprostitution und Organhandel bis zur Unterdrückung der politischen Opposition. Und was sagt Facebook dazu? Angeblich sei das der Preis, um in bestimmten Ländern aktiv zu sein. Der Zynismus kennt keine Grenzen.

Es bleibt also spannend zu beobachten, wie Facebook auf die Vorwürfe reagierte. So wie jetzt geht es nicht. Ignorieren ist keine Lösung.

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