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Nur eine Einbahnstaße?

Das Kreuz im Islam mit der Religionsfreiheit

Von Gastautor Pfarrer Achijah Zorn

Beim Fußballspiel Istanbul gegen Borussia Mönchengladbach Oktober 2019 kam es zur Hatz auf christliche Symbole. Stein des Anstoßes war das Mönchengladbacher Stadtwappen, dass „skandalöserweise“ ein Kreuz enthält. Die türkische Polizei griff gegen diese „ketzerischen“ christlichen Symbole hart durch.

Dieser Zwischenfall deutet ausdrucksstark darauf hin, wie es um die Religionsfreiheit und Kulturfreiheit in islamischen Staaten bestellt ist.

Das 90-minütige Aufhängen des Stadtwappens von Mönchengladbach in einem Fußballstadion überschreitet selbst im vermeintlich toleranten europäischen Istanbul die Toleranzschwelle!

Wir können nur ahnen, wie es den türkischen religiösen Minderheiten ergeht, die länger als 90 Minuten in der Türkei leben. Kein Wunder, dass ihre Zahl in den letzten 100 Jahren rapide abgenommen hat. In Istanbul zählten sich 1920 noch 40% der Bevölkerung zu den Christen und gut über 20% zu den Juden. Heute liegt der Anteil beider Religionen in Istanbul unter 1%. Ihre Anhänger mussten mehr ertragen als die Fans von Borussia Mönchengladbach.

Als ich 2018 in der Türkei verschiedene christliche Kirchen besucht hatte, wurde ich streng darauf hingewiesen, dass ich in der Öffentlichkeit als Pfarrer kein „Collarhemd“ tragen dürfe. „Collarhemden“, das sind diese schmucklosen Hemden mit einem kleinen weißen Streifen am Hals, die den Träger als christlichen Geistlichen kennzeichnen. Wer so ein Hemd in der Öffentlichkeit trägt, der kann schnell Bekanntschaft mit der türkischen Polizei machen.

Ist es zuviel von den Muslimen in Deutschland erwartet, wenn ich mir da gerade von ihnen mehr Engagement für die Religionsfreiheit in muslimischen Ländern wünschen würde?

Eine deutsche Türkin, die hier in Deutschland ihren Hijab ohne Angst vor der Polizei tragen darf, sollte die nicht politisches Engagement dafür zeigen, dass Christen in der Türkei ein Collarhemd tragen dürfen?!

Warum nutzen die großen türkisch-islamischen Religionsverbände in Deutschland nicht ihren guten Draht in ihre Heimatländer, um den Segen der Religionsfreiheit stark zu machen, von dem sie in Deutschland so stark profitieren?

Oder ist Religionsfreiheit im Islam nur eine Einbahnstraße?

Dann aber wäre der der Einsatz für die Religionsfreiheit wirklich zuviel von einigen Muslimen erwartet. Etwa wenn es im Koran Stellen gibt, die dahingegend interpretiert werden können, dass der muslimische Prophet Jesus gar nicht am Kreuz gestorben sei. Die ganze Geschichte mit dem Kreuz sei also lediglich eine christliche Fälschung, die erst wieder durch den göttlichen Koran korrigiert wurde. Sure 4,158: „Sie haben ihn nicht getötet, mit Gewissheit nicht. Vielmehr hat Gott ihn hin zu sich erhoben.“

Für solche Muslime wirken selbst kleine Dinge wie ein Stadtwappen im Fußballstadion als Angriff auf die göttliche Wahrheit. Und wenn dann noch Stellen im absolut göttlichen Koran hinzukommen, die leicht in dem Sinne interpretiert werden können, dass man die göttliche Wahrheit mit aller staatlicher und nichtstaatlicher Gewalt verteidigen muss, dann hat in einem solchen Glauben die Religionsfreiheit keinen Platz. Vielmehr ist in dieser Sichtweise die Religionsfreiheit eine Gefahr, die bekämpft werden muss.

Vielleicht aber sind die Vorfälle mit dem Mönchengladbacher Stadtwappen im Lieblingsfußballstadion von Erdogan nicht nur religiös, sondern vor allem politisch zu verstehen: Gegen alle ethnischen und sozialen Differenzen in der Türkei soll die nationale Einheit des Landes in dem EINEN muslimischen Glauben gerettet werden. Abweichler und abweichende Symbole stören da nur.

In diesen Sinne betont Erdogan in seinen Reden immer wieder: „Wir sind Türken. Denn wir sind die Türkei. Denn wir sind das türkische Volk. Denn wir sind Muslime.“

Relgion als Kitt des Nationalismus. Religionsfreiheit zerstört diesen Kitt nur und muss daher auch in dieser nationalistischen Sichtweise bekämpft werden.

Wenn in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten viel über Integration nachgedacht wird, dann stelle ich mir die Frage: Wie sollen sich Menschen bei uns integrieren, die unsere Stadtwappen und unsere Kultur als Gefahr ansehen? Als eine Gefahr, vor der man sich selber und andere schützen muss.

Wie sollen sich Menschen bei uns integrieren, die aus ihrem intolerant geprägten Gewissen heraus große Vorbehalte gegenüber unserer Kultur haben?

Oder sind wir Deutschen so naiv zu meinen, die intolerante Mentalität im Fußballstadion von Istanbul hätte gar nichts mit den (deutschen) Türken in unserem Land zu tun, die in Deutschland in großer Mehrheit begeistert für Erdogan abgestimmt haben?

Wie aber kann Integration in Deutschland gelingen, wenn eine große Anzahl von Muslimen Grundwerte wie die Religionsfreiheit aus religiösen und nationalistischen Gründen als Gefahr ansehen? Als Gefahr, die sogar aktiv bekämpft werden muss!

Angesichts solcher tiefen Gräben wird mir der Begriff „Integration“ oftmals zu locker und leicht in den Mund genommen. So sagt der Papst: „Die Antwort auf die Herausforderung der gegenwärtigen Migration lässt sich in vier Verben zusammenfassen: Aufnehmen, schützen, fördern und integrieren.“ Scheint ja irgendwie alles kein Problem zu sein mit der Integration, wenn man nur will. Integration als klerikaler Kuscheltraum am herzerwärmenden Kaminfeuer.

Vielleicht würde ein Abend im Fußballstadion von Istanbul dem Papst die Augen öffnen.

Immer wieder verhalten sich Kulturen zueinander wie Fuchs und Gans. Und haben sogar ihre inneren Gründe dafür, selbst wenn diese Gründe Außenstehenden nicht einleuchten.

Manchmal ist die eine Kultur Fuchs und die andere Gans. Manchmal ist es genau umgekehrt.

Aber wie herum es auch sein mag, kann man so einfach zu Fuchs und Gans sagen: „Jetzt geht mal gemeinsam in einen Stall, integriert euch und seid ganz lieb miteinander“?!

Soll das Zusammenleben von Fuchs und Gans in einem Stall gelingen, kann das nur gelingen, wenn sie sich unbedingt auf gemeinsame friedliche Spielregeln einigen. Zu diesen unbedingten Spielregeln gehört garantiert auch die Religionsfreiheit als positive und negative Bekenntnisfreiheit.

Soviel zum Thema Religionsfreiheit in Europa – denn der Verein Basaksehir Istanbul gehört zum europäischen Teil von Istanbul.
(vera-lengsfeld.de)

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