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Ohne Gerechtigkeit kein Frieden

Vertreibung der Deutschen ungelöste Frage des Völkerrechts

Von Prof. Dr. Dieter Blumenwitz

(Festvortrag am 28.5.1945 in der Frankfurter Paulskirche anlässlich 50 Jahre Flucht und Vertreibung, auszugsweise)

Vor 50 Jahren mussten 15 Millionen Deutsche ihre Heimat in Mittel- und Südosteuropa verlassen. Mehr als 2 Millionen Deutsche verloren dabei ihr Leben. Die Vertreibung der Deutschen war nur ein Glied in der bis in die Gegenwart reichenden Kette von Vertreibungen in aller Welt. Zu den Massenvertreibungen von Deutschen und Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen von Ungarn, Polen, Ukrainern und Weißrussen im Zuge des Zweiten Weltkrieges kamen die arabischen Flüchtlinge aus Palästina, die Hindu-Flüchtlinge aus Pakistan, die muslimischen Flüchtlinge aus Indien, kamen chinesische, japanische, koreanische und vietnamesische Flüchtlinge hinzu. 1950 wurde die Zahl der Flüchtlinge in der ganzen Welt vom Internationalen Roten Kreuz auf 60 Millionen geschätzt. Die gewaltsame Unterdrückung des ungarischen und tschechoslowakischen Freiheitskampfes, die kommunistische Machtergreifung in Kuba und Indochina, die sowjetische Intervention in Afghanistan, aber auch zahlreiche Revolutionen und Aufstände (z.B. im Iran, Äthiopien, Somalia, Ruanda, Burundi und auch auf dem Balkan) haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Massenexodus geführt.

Zwangsumsiedlungen von Volksgruppen oder ganzen Völkern waren im 19. Jahrhundert so gut wie unbekannt. Im Gegenteil: Der Wiener Kongress griff 1815 die Folgen der Teilung Polens auf und verpflichtete Preußen, Österreich und Russland in Art. 1 Abs. 2 der Schlussakte, die zur Erhaltung der polnischen Nation erforderlichen Einrichtungen zu schaffen.... In unserem Jahrhundert nahmen demgegenüber die Vertreibung und Liquidierung ganzer Volksgruppen erschreckende Ausmaße an. Die Neubestätigung und Weiterentwicklung des Rechts auf die Heimat zählen deshalb zu den dringenden Problemen der Zeit.

Die Lösung der Probleme ist nicht leicht. Autoren der Vertreibungsländer sehen bereits in der schlichten Beschäftigung mit dem Problemkreis „Heimat-Vertreibung“ das provokative Bemühen, einen Rechtsanspruch auf Rückkehr der Vertriebenen zu begründen. So wird häufig das Recht auf die Heimat als eine typische Erfindung des deutschen „Revanchismus“ abgetan. Das Recht auf die Heimat wird andererseits für die „Neubürger“, für die in den Vertreibungsgebieten neu angesiedelte Bevölkerung in Anspruch genommen. Gerade dieser Fall zeigt die Universalität und Beständigkeit des Problemkreises.

Jedenfalls irrte Winston Churchill mit dem vielzitierten Ausspruch:
„...die nach unserem Ermessen befriedigendste und dauerhafteste Methode ist die Vertreibung. Man wird reinen Tisch machen.“ Das Zeitalter der Massenwanderungen hat das Gegenteil bewiesen. Die bis in jüngster Zeit erfolgten Vertreibungen müssen vorurteilsfrei analysiert werden, damit wirksame Schranken gegen Massenzwangswanderungen sowie gerechte Wiedergutmachungsregelungen ausgearbeitet werden können.

1. Das Wort „Heimat“ ist inhaltsreich und vielschichtig, ja oft emotionsgeladen. „Heimat“ ist nicht eine Schöpfung des typisch deutschen Sprachgeistes, die in anderen Sprachen nicht zu finden wäre. Trotzdem ist es schwer, diesen Begriff einwandfrei zu definieren. Heimat ist der Lebensraum, der durch die darin lebenden Bewohner einer Volksgruppe geformt wurde, in dem der einzelne seine Familie, seine Freunde, seine wirtschaftlichen Grundlagen und sonstigen Beziehungen hat. Die Heimat ist durch drei Dimensionen gekennzeichnet: Heimat ist
a) der regionale Existenzort, der den Menschen durch seine vielfältigen Eigenheiten formt,
b) der Ort des geschichtlichen Schicksals, an dem sich schon seit langem die auf diesen Menschen bezogene Geschichte ereignet hat und an dem ständig neu die geschichtliche Verpflichtung besteht, das durch die Arbeit der Väter Geschaffene gegen Bedrohungen von innen und außen zu schützen und
c) muss die Heimat verstanden werden als Ort der Geborgenheit für den einzelnen.

Im Mittelpunkt der juristischen Begriffsbestimmung der Heimat steht der Raum. Heimat im Rechtssinne ist jener ererbte und freigewählte Ort, wo der Mensch die ihm zukommenden Rechte in Anspruch nimmt, um die ihm obliegenden Pflichten erfüllen zu können. Soll der Raum Heimat (und nicht nur der Wohnsitz im Sinne von Aufenthalt) sein, müssen drei Elemente hinzukommen: die soziale, die kulturell/geistige und die naturale Umwelt. Wird die Umwelt mit dem Menschen verbunden, gewinnt das Element „Zeit“ bestimmenden Einfluss. In ihren Wechselwirkungen erweist sich die Zeit als ein tragendes geschichtliches Moment. Heimat ist kein statischer, sondern ein dynamischer Begriff. Ein Raum wird zur Heimat durch die tagtägliche Zustimmung der mit ihr verbundenen Menschen. Heimat muss gestaltet werden, zumindest muss eine reale Gestaltungschance noch empfunden werden. Heimat kann deshalb, wie andere Rechtsgüter, verloren gehen, weil sich der Raum in der Zeit so stark wandelt, dass sich der Mensch mit ihm nicht mehr zu identifizieren vermag oder weil sich die Einstellung der Menschen zur „alten Heimat“ ändert und sie so zum Bürger in einer neuen, als Heimat empfundenen Umwelt werden.

Der Faktor „Zeit“ darf allerdings nicht isoliert oder pauschal behandelt werden. Das Völkerrecht normiert weder ein verbindliches Rechtsschutzsystem, noch kennt es feste Verjährungsfristen; die Frage, ob z.B. die deutschen Heimatvertriebenen nach 50 Jahren ihr Recht auf die Rückkehr in die alte Heimat verloren oder verwirkt haben, ist kein Verjährungsproblem. Entscheidend ist das subjektive Empfinden der Betroffenen (als Einzelpersonen und als Gruppe), eine voluntative Komponente, eine geistige Befindlichkeit, die man mit sich herumträgt. Der von Menschen begründete Wechselbezug zu Raum und Zeit hat Grundrechtscharakter. Heimat wird nicht gewährt, sie ist der Verfügungsgewalt souveräner Staaten entzogen.

Jede Verletzung des Heimatrechts verstößt deshalb sowohl gegen Menschen-, als auch gegen Gruppenrechte; sie ist völkerrechtswidrig - ganz gleich, ob sie vom Aufenthaltsstaat einseitig veranlasst oder von anderen Staaten vereinbart wird. Eine Zwangsumsiedlung unter Beachtung der Menschenrechte - wie dies noch auf der Tagung des Institut de Droit International in Siena 1952, die verabscheuungswürdigen Kriegs- und Nachkriegsereignisse beschönigend, diskutiert wurde - kann es nicht geben. Sie ist ein Widerspruch in sich selbst.

2. Sowohl das Kriegs- als auch das Völkerrecht verbieten Vertreibung und zwangsweise Umsiedlung; hierauf können sich auch die 1945 vertriebenen Deutschen berufen.

a) Art. 43 Haager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907 bestimmt, dass die Besatzungsmacht keine Maßnahmen treffen darf, die darauf abzielen, ... die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben im besetzten Gebiet zu zerstören oder ihre Wiederherstellung zu verhindern. Die Besatzungsmacht handelt entgegen den Bestimmungen des Art. 43 HLKO, wenn sie die Zivilbevölkerung, die wegen drohender Kriegsgefahr evakuiert war oder fliehen musste, an der Rückkehr hindert, oder aus ihrer Heimat vertreibt. Die Art. 6b und c des Status des Nürnberger Militärtribunals erklären Deportation oder Verschleppung der Zivilbevölkerung zum Kriegsverbrechen bzw. zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die „rechtswidrige Verschleppung oder Verschickung“ der angestammten Bevölkerung ist nach Art. 147 des IV Genfer Abkommens von 1949 ein Tatbestand des Völkerstrafrechts und nunmehr auch Grundlage für die Aburteilung „ethnischer Säuberungen“ in Teilen von Ex-Jugoslawien durch das Haager Tribunal.

b) Im Friedensvölkerrecht vermitteln heute das Recht auf Aufenthalt, der Minderheitenschutz und das Selbstbestimmungsrecht der angestammten Bevölkerung ein Recht auf die Heimat.

(1) Das allgemeine Völkerrecht geht stillschweigend davon aus, dass jeder Staat verpflichtet ist, seine Staatsangehörigen auf seinem eigenen Staatsgebiet wohnen zu lassen. Es geht weiterhin davon aus, dass jeder Staatsangehörige das Recht hat, sich in seinem Staat aufzuhalten, und dass jeder Staat die Pflicht hat, seine Staatsangehörigen aufzunehmen. Die Rechtslage wird in einer Reihe internationaler Konventionen vertieft, so z.B. in Art. 12 der UN-Konvention über bürgerliche und politische Rechte vom 16.12.1966 und in den Art. 3 und 4 des Vierten Zusatzprotokolls zur Europäischen Menschenrechtskonvention vom 16.09.1963.

Unter den zahlreichen internationalen Dokumenten, die sich in (noch) nicht rechtsverbindlicher Weise zur Freizügigkeit im Sinne des Rechts auf die Heimat äußern, nimmt die am 26.08.1994 in Genf ohne Gegenstimme akzeptierte Resolution der UN-Sub-Commission on Prevention of Discrimination of and Protection of Minorities eine Sonderstellung ein. Sie bestätigt und bekräftigt sowohl das Grundrecht in der Heimat zu verbleiben, als auch ein solches auf sichere Rückkehr zur Heimstätte und beschreibt damit gleichzeitig die wesentlichen Elemente des Rechts auf die Heimat.  (Die Minderheitenschutzkommission ist besorgt, dass es weltweit mehr als 20 Millionen Flüchtlinge und eine wachsende Anzahl von innerstaatlich deportierten Personen gibt und bestätigt
1. jedermann das Recht, in Frieden in seiner Heimstätte, seinem Land und seinem Staat zu verbleiben,
2. das Recht der Flüchtlinge und Verschleppten, in Sicherheit und Würde zu ihrem Herkunftsland und zu ihrem Herkunftsort oder Ort freier Wahl zurückzukehren.)
(2) Die völkerrechtliche Entwicklung des Minderheitenschutzes beeinflusst auch das Recht auf die Heimat. Der nähere Zusammenhang zeigt sich in folgender Überlegung: Wenn die Völkerrechtsordnung Minderheitenschutz gewährt, geht sie davon aus, dass Volksgruppen ihren angestammten Siedlungsraum behalten sollen ohne Rücksicht darauf, wie sich infolge von Grenzverschiebungen, Staatengründungen oder Staatenuntergang ihre staatsangehörigkeitsrechtliche Lage und die Gebietshoheit über ihr Siedlungsgebiet ändert.
(3) Schließlich ist auch das Selbstbestimmungsrecht für die Weiterentwicklung des Rechtes auf die Heimat von Bedeutung. Das Selbstbestimmungsrecht ist der Anspruch einer nach bestimmten Merkmalen gekennzeichneten Gruppe von Menschen, das eigene Schicksal grundsätzlich unabhängig von Einflüssen eines Staates oder einer Staatengruppe zu gestalten. Selbstbestimmung bedeutet, das Recht eines Volkes. bzw. einer Volksgruppe in seiner bzw. ihrer angestammten Heimat in Einheit sowie in innerer und äußerer Freiheit zu leben“ (Der niederländische Völkerrechtler du Buy). Wenn Völker und Volksgruppen das Recht haben, über sich selbst zu bestimmen, hat kein Staat das Recht, sie aus ihrer Heimat zu entfernen, sei es durch einseitige Maßnahmen, sei es aufgrund von Vereinbarungen zwischen den Staaten. Die Grundlage für das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes oder einer Volksgruppe ist deshalb deren Verbleib in ihrer Heimat. ...

c) Die Vertreibung der Deutschen ist weiterhin eine ungelöste Frage des Völkerrechts!
(1) Zur Rechtfertigung der Vertreibung der Deutschen werden im Wesentlichen vier Argumente vorgetragen:
1. die „debellatio“ also der völlige Untergang Deutschlands durch die Kriegsereignisse im Jahre 1945 und damit die - angebliche - völlige Freizeichnung der Siegermächte von der Einhaltung des Völkerrechts,
2. die Deutung des Potsdamer Abkommens als Umsiedlungsvertrag,
3. die Deutung der Vertreibung als Repressalie für die deutscherseits vorgenommenen Vertreibungs- und Deportationsmaßnahmen,
4. die Kollektivhaftung und Bestrafung des deutschen Volkes.
Keines der genannten Argumente ist stichhaltig:
Zum 1. Aus der Berliner Erklärung vom 05.06.1945 ergibt sich eindeutig, dass Deutschland nach dem Willen der Siegermächte als Völkerrechtssubjekt nicht untergehen sollte.

Eine „debellatio“ wäre ihrerseits ein Völkerrechtsdelikt gewesen, das der Besatzungsmacht keine weitergehenden Rechte vermittelt hätte. Auf alle Fälle wäre der Bevölkerung gegenüber ein menschenrechtlicher Minimumstandard einzuhalten gewesen, der das Vertreibungsverbot miteinschließt.

Zum 2. Das Potsdamer Abkommen ist kein Umsiedlungsvertrag. Es fehlt nicht nur die Einwilligung des betroffenen Staates, sondern auch die Zustimmung der umzusiedelnden Bevölkerungsteile. Seinem Wortlaut nach nimmt Art. XIII des „Abschlussberichts der Drei-Mächte-Konferenz“ von der Tatsache der Massenausweisung nur Kenntnis und fordert deren humane Durchführung.

Zum 3. Die Kriegsrepressalie darf nicht mit Rache an Unschuldigen verwechselt werden. Auch im Kriegsvölkerrecht ist der menschenrechtliche Minimumstandard (und damit das Vertreibungsverbot) der Repressalie entzogen. Im Übrigen war mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht jeder Rechtsgrund für die Durchführung einer Kriegsrepressalie entfallen.

Zum 4. Auch wenn Deutschland die alleinige Schuld am Zweiten Weltkrieg trifft, lässt sich damit nicht die Kollektivhaftung aller Deutschen im In- und Ausland begründen. Schuld ist stets individuell und persönlich. Bis zum gerichtlichen Nachweis seiner Schuld wird vermutet, dass der wegen einer strafbaren Handlung Angeklagte unschuldig ist (Art. 6 Abs. 2 EMRK). Gegen diese Grundsätze der Menschenrechte und der Verfahrenskultur verstieß am 08.03.1995 das tschechische Verfassungsgericht in Brünn, als es im Beneš-Dekret 108 „nicht nur einen legalen, sondern auch einen legitimen Akt“ sah, weil die verjagte Bevölkerung „der Demokratie und ihrer Wertordnung feindlich gegenüberstand und in der Folge einen Angriffskrieg unterstützte“. Dieses Verdikt ist schmerzlich für alle Vertriebenen, weniger weil es den Verlust der Heimat sowie von Hab und Gut bestätigt, sondern weil es - völlig unnötig - alle Heimatvertriebenen als Friedensbrecher abstempelt. Ein Trost, dass der kürzlich verstorbene österreichische Menschenrechtsexperte Felix Ermacora die Vertreibung der Sudetendeutschen in einem umfangreichen Rechtsgutachten als Völkermord bezeichnet hat. Das Urteil jedenfalls macht viele Deutsche, die Tschechien den Weg nach Europa ebnen wollen ratlos: War die Vertreibung „großes Unrecht“ (Vaclav Havel), gab es „bedauernswerte Verbrechen bei der Vertreibung“ (Vaclav Klaus) oder war alles „legal“ und „legitim“ (das Verfassungsgericht)? Die Brünner Begründung bedeutet schließlich einen bedauernswerten Rückschlag in der europäischen Menschenrechtsentwicklung. Im Rahmen selbstgesetzter Prämissen und historiographischer Deutungen wird immer auch ein Karadzic oder Mladic Begründungen für „ethnische Säuberungen“ finden, und weiter das Übel wird weiter proliferieren.

(2) Die Vertreibung der Deutschen erfüllt nach wie vor den Tatbestand eines völkerrechtlichen Delikts. Die Vertreiberstaaten sind, da eine Verwirkung oder Verjährung zwischenzeitlich nicht eingetreten ist, nach wie vor zur Wiedergutmachung verpflichtet.

Der völkerrechtliche Wiedergutmachungsanspruch verlangt mehr als nur Genugtuung im Sinne einer förmlichen Entschuldigung; er richtet sich zunächst auf „Neutralrestitution“ d.h. Rückführung der völkerrechtswidrig vertriebenen oder zwangsweise umgesiedelten Menschen zur alten Heimstätte und zu ihrem Besitz – „return to their homes and property“. Die Rückkehr hat freiwillig zu erfolgen. Der Heimatvertriebene, der seinen neuen Aufenthaltsort der alten Heimat vorzieht, hat Anspruch auf Schadensersatz in Geld.

Siedelt der Vertreiberstaat (wie bei sogenannten ethnischen Säuberungen) im Vertreibungsgebiet eine neue Bevölkerung an und wird diese aufgrund des Faktors „Zeit“ dort heimisch, können in Bezug auf die Örtlichkeit zwei Heimatrechte miteinander kollidieren. Die universale Geltung der Menschenrechte und des Gewaltanwendungsverbotes schützt in diesen Fällen auch das später entstandene Heimatrecht. Es müssen hier auf dem Verständigungswege Lösungen gefunden werden, die die widerstreitenden Interessen so gut wie möglich ausgleichen. Auch wenn die Rücksiedlung faktisch scheitern muss, bleiben alle vermögensrechtlichen Ansprüche auf privaten Besitz und Eigentum, die aus Anlass der Vertreibung von den Vertreiberstaaten eingezogen wurden, erhalten. Der Vertreiberstaat kann sich nicht darauf berufen, dass der Heimatvertriebene vom neuen Aufenthaltsstaat gewisse Ausgleichsleistungen erhalten hat (z.B. Lastenausgleich). Vertriebene haben grundsätzlich nur gegen den Vertreiberstaat Ansprüche wegen völkerrechtswidriger Konfiskationen. Der Aufenthaltsstaat hat bei der Durchsetzung der Ansprüche diplomatischen Schutz zu gewähren; nur wenn er mit dem Vertreiberstaat an der Vernichtung der Rechtstitel mitwirkt (Verzicht, Aufrechnung von Reparations- und sonstigen Forderungen mit dem Vermögen der Vertriebenen), setzt er sich - nach nationalem Verfassungsrecht, nicht nach Völkerrecht - Schadensersatzansprüchen aus.

3. Im Zusammenhang mit dem für die Heimatvertriebenen enttäuschenden Ausklammern der Vertreibungsfrage aus den Nachbarschaftsverträgen ist gelegentlich ausgeführt worden, die Probleme würden sich im Rahmen einer nach Osten erweiterten Europäischen Gemeinschaft gleichsam von alleine regeln. Die Bundesregierung hat dieser Hoffnung im Briefwechsel zum deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag bezüglich der Freizügigkeit Ausdruck verliehen. Zwischen europäischer Einigung (unter Einschluss der ostmitteleuropäischen Staaten) und der Verwirklichung des Rechts auf die Heimat besteht allerdings kein zwingender rechtlicher Bezug:
Mit dem Beitritt Polens und der Tschechischen Republik genießen zwar alle Unionsbürger - also auch die deutschen Heimatvertriebenen - Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit im erweiterten Vertragsgebiet. Das den Vertriebenen zu gewährleistende Recht, zu Heimstätte und Besitz zurückzukehren, geht jedoch weit über die gemeinschaftsrechtlichen Verbürgungen hinaus.

Die Verfestigung der Marktbürgerschaft über die Unionsbürgerschaft zu einer europäischen Staatsbürgerschaft ließe zwar Schritt für Schritt die in der Ausübung der Personalhoheit begründeten Unterschiede zurücktreten; die rechtswidrige Umverteilung des Besitzes wäre damit jedoch nicht aufgehoben.

Die Europäische Gemeinschaft ist eine Menschenrechtsgemeinschaft, in der sich alle beitrittswilligen Staaten zunächst würdig erweisen müssen. Zu glauben, dass dadurch die aus dem Recht auf die Heimat fließenden Ansprüche leichter durchgesetzt werden können, wäre allerdings ein durch nichts gerechtfertigter Optimismus: Das Europa der Menschenrechte, die EMRK, gilt nur pro futuro. Auch wenn gegenwärtig das Schicksal der Vertreibung noch fühlbar ist und ihre Folgen geregelt werden müssen, bleibt doch der Unrechtstatbestand aus dem Jahre 1945 ratione temporis ausgeblendet.
Eine „Lösung“ der zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn offenen Vermögensfragen durch schlichte „Europäisierung“ käme einer Vertagung sine die gleich. Noch vor dem Aufnahmeverfahren der ostmitteleuropäischen Staaten in die EU müssen deshalb konkrete, auf Ausgleich bedachte Modelle entwickelt werden.

Rücksiedlung kann nach Flucht und Vertreibung ein taugliches Instrument der Schadensregulierung sein. Rücksiedlungsprogramme werden zugunsten der im Nahost-Konflikt vertriebenen Palästinenser und der griechischen Zyprioten diskutiert. Sie erscheinen als einzig probates Mittel gegen gezielte ethnische Säuberung. Deshalb sieht auch der Vance-Friedensplan für Ex-Jugoslawien die Rückführung der Vertriebenen vor. Die Bundesrepublik Deutschland trug im Rahmen des Lastenausgleichs Sorge für die Rückführungen der de facto zwangsweise umgesiedelten deutschsprachigen Südtiroler. In neuerer Zeit gewinnt die Rückkehrförderung politischer Flüchtlinge nach Beendigung der Verfolgungslage im Heimatland an Bedeutung. All diese Projekte können nur bei vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen den betroffenen Staaten und den Rückkehrern durchgeführt werden. Das gilt insbesondere auch hinsichtlich der staatsangehörigkeitsrechtlichen Fragen, die aber nicht ein vordringliches Problem darstellen.

Zunächst wird darauf zu achten sein, dass mit einem Siedlungsangebot in der alten Heimat nicht per se alle Vertreibungsschäden als abgegolten gelten. Nicht die Siedlungsmöglichkeit im Vertreibungsgebiet, sondern die Rückkehr zum Heim, die Einweisung in den alten Besitz sind die entscheidenden Faktoren der Naturalrestitution bei völkerrechtswidriger Vertreibung. Zudem darf die grundsätzlich freie Wahl zwischen Rücksiedlung und Schadensersatz nicht eingeschränkt werden. Auch im Falle der Begründung einer „neuen Heimat“ im Aufenthaltsstaat bleiben alle in der alten Heimat konfiszierten Vermögenswerte ausgleichspflichtig.

Seit der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa ist ein halbes Jahrhundert vergangen; nach dem Ende des Kalten Krieges ist im zusammenwachsenden Europa Versöhnung angesagt. Trotzdem darf bei der Problembewältigung das Faktum der Vertreibung nicht einfach ausgeklammert und der Eindruck vermittelt werden, als ob sich ethnische Säuberung lohne, wenn man nur hartnäckig und mit langem Atem vorgeht.

Ohne Gerechtigkeit kann es keinen dauerhaften Frieden geben. Das Werk der Gerechtigkeit muss aber auch dem Frieden und der Versöhnung dienen: opus justitiae pax! Für das zusammenwachsende Europa gilt an der Wende zu einem neuen Jahrtausend die alte Thomasische Erkenntnis, dass zur Gerechtigkeit das Bedenken der Folgen für alle Betroffenen gehört - nicht das fiat justitia, pereat mundus. Von Thomas von Aquin lernen wir, dass der Friede unter Menschen unzulänglich bleibt, … „wenn nicht die Liebe unter ihnen Wurzeln schlägt“ (Contra gentiles 3, 130). Das setzt Verstehen und Verständnis voraus, die Annahme der eigenen ungeschönten Geschichte. „Jede Gegenwart ist eine Not-Erbin der Vergangenheit ...“ schrieb Ludwig Böhme, ein kluger politischer Denker zu Beginn des 19. Jahrhunderts, geboren in Frankfurt. „Sie kann die Erbschaft weder ausschlagen, noch sub beneficio inventarii antreten; sie muss sie, und zwar ganz, übernehmen, mit ihren Schulden und mit ihrer Schuld.“

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