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Realität oft völlig verkannt

Schoko-Industrie am Pranger: Boykott hilft den Kindern in Afrika nicht

Von  Volker Seitz

Alljährlich zu Weihnachten wächst die Empörung über Kinderarbeit und die Bedingungen bei der Kakao-Produktion in Afrika. Es macht aber nicht immer Sinn, Vorstellungen aus der Wohlstandszone in Entwicklungsländern durchsetzen zu wollen. Wer Armut bekämpfen will, muss Arbeit schaffen.

Wie jedes Jahr in der Weihnachtszeit werden die Schokoladenabieter an den Pranger gestellt. Am 20. Dezember 2019 schreibt Johannes Ritter in der F.A.Z. in seinem Stück „Bittere Schokolade“ Seite 18, dass viele Kakaobauern in Afrika darben und ihre Kinder schuften lassen.
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Soll dem Genuss ein gutes Quäntchen schlechtes Gewissen beigemischt werden? Unsere Gesellschaft, unsere Medien können es sich leisten, gegen den Schokoladengenuss, gegen die „böse Industrie“ zu wettern. Ein Problem, das vermutlich viele Afrikanerinnen und Afrikaner gerne teilen würden. Ein Vorwurf lautet, der Anbau von Kakao geschehe unter oft menschenunwürdigen Bedingungen und sogar mit Kinderarbeit! Boykottaufrufe gegen Produkte wegen – nach westlichen Vorstellungen – unwürdigen Arbeitsbedingungen sind nicht unproblematisch. Es macht nicht immer Sinn, Vorstellungen, die einer Wohlstandsnation entspringen, in Entwicklungsländern durchsetzen zu wollen. Vielen Kritikern fehlen genaue Kenntnisse der Lebenswirklichkeit vor Ort. Besser – und hilfreicher! – wäre es, den Verhältnissen in den jeweiligen Ländern ohne Sozialromantik zu begegnen.

Nicht nur zur Weihnachtszeit
Spenden für Afrika? Ja, aber nur für sinnvolle Projekte
Kakao für unsere Schokolade kommt vor allem aus der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire) und aus Ghana. 40% des weltweit gehandelten Rohkakaos kommen aus Côte d’Ivoire, das sind mehr als 1,7 Millionen Tonnen jährlich. Nachbar Ghana folgt mit 897.000 Tonnen. Die beiden größten Anbauländer der Welt bilden seit diesem Sommer ein Kartell. Ihre Marktmacht nutzend, schlagen sie je Tonne Kakao 400 Dollar auf den Weltmarktpreis von derzeit mehr als 2000 Dollar auf. Vornehmlich findet der Anbau auf Familien-„Plantagen“ statt. Reißerische Zeitungsartikel, wonach Millionen Kinder auf Kakaoplantagen schuften müssten, sind irreführend. Es sind Kleinbetriebe in Westafrika, die Kakao produzieren. In der Elfenbeinküste gibt es mehr als 20.000 Familienplantagen. Zum einen ist es dort Tradition, dass die Kinder das Handwerk ihrer Eltern lernen, also auf den „Plantagen“ mitarbeiten, zum andern könnten viele Kleinbauern professionelle Arbeitskräfte überhaupt nicht bezahlen. Herkömmlich arbeitende Betriebe erwirtschaften nur bis zu 400 kg Kakaobohnen pro Hektar.

Jeder wünscht sich, dass Kinder in Afrika eine schöne und unbeschwerte Jugend verbringen. Leider verkennt diese Betrachtung völlig die Realitäten. Auch in Europa war lange Zeit zum Beispiel Kinderarbeit in der Landwirtschaft normal. Oftmals ist dies die einzige Chance, Hunger und bedrohlicher Armut zu entkommen. Anders müssen wir das bei ausbeuterischer Kinderarbeit beurteilen, die unter gefährlichen Bedingungen stattfindet, zum Beispiel in Steinbrüchen.

Was bedeutet die Arbeit in der Kakaoproduktion für die betroffenen Kinder?
Eine Studie der Tulane University zeigt, dass in Côte d’Ivoire und Ghana nur ein kleiner Teil der Kinder durch den Kakaoanbau vom Schulbesuch abgehalten wird. (Die Universtät Chicago wird im Frühjahr 2020 eine neue Studie zur Kinderarbeit im Kakaoanbau in diesen beiden Ländern herausbringen.) Missbräuchliche Kinderarbeit oder Sklaverei stehen in beiden Ländern unter Strafe. Die Kinder werden keineswegs für alle Arbeiten auf den Plantagen eingesetzt. Vielmehr helfen sie bei Tätigkeiten, die viele Arbeitskräfte erfordern: die Vorbereitung des Bodens, die Ernte, die sich auf eine Haupt- und eine Nebenernte beläuft, und die Weiterverarbeitung. Nur vergleichsweise wenige Kinder helfen beim Einpflanzen der Setzlinge oder bringen Dünger aus. Nicht jede Form von Arbeit ist für Heranwachsende schädlich, so auch die UNICEF. Viele Kinder wollen auf dem Feld oder im elterlichen Betrieb mithelfen und können dabei einiges lernen. Es ist entscheidend: Wie alt ist ein Kind, was genau muss es machen und wie kann sich die Arbeit auf seine Gesundheit und Entwicklung auswirken? Es muss nicht generell schlecht sein, wenn Mädchen und Jungen mit anpacken und den Zusammenhalt der Familiengemeinschaft stärken, der in Afrika sehr groß ist.

Viele Kinder in den Ländern, in denen ich tätig war, arbeiten als Minenarbeiter, Straßenverkäufer, Dienstboten, Schuhputzer, Zuarbeiter in Hinterhofwerkstätten oder Müllsammler. Das hat bei den dort vorhandenen Schadstoffen, in etwa gesundheitliche Auswirkungen wie Aids, Tuberkulose und Malaria. Vielleicht ist es da besser, im Kakao-Familienbetrieb, der auch ein Großfamilienbetrieb sein kann, mitzuarbeiten.

Unterbildung und Überbevölkerung
Entwicklungshemmnis Bildungsarmut
Wer Armut bekämpfen will, muss Arbeit schaffen. Keine Lösung ist, gar keine Schokolade mehr zu kaufen. Der Kakaobauer hat nichts davon, wenn der Absatzmarkt wegbricht. Darunter leiden auch seine Kinder. Schokoladenprodukte mit Fairtrade-Siegel sind ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings haben sie am deutschen Schokoladenmarkt einen Anteil von nur zwei Prozent. Mein Eindruck ist, dass die deutsche Schokoladenindustrie die sozialethischen Belange in Afrika ernst nimmt. Sie ist um ihre Reputation besorgt und muss zudem die Rohstoffversorgung sichern.

Auf dem afrikanischen Kontinent reifen jährlich rund 3,4 Millionen Tonnen Bohnen. Ghana, ein stabiles und im wirtschaftlichen Wachstum begriffenes Land, strebt selbst eine enorme Steigerung der Produktion an: Die Erträge sollen von heute 450 Kilogramm Kakaobohnen pro Hektar Land auf bis zu 3.500 Kilogramm steigen. Neue, veredelte Bäume sollen höhere Ernten bringen. Von Monokulturen soll auf Plantagenwirtschaft umgestellt werden. Zwischen den Kakaobäumen werden Sternfrucht und Papaya angebaut, weil sie Stickstoff aus dem Boden binden und die ausgelaugten Böden anreichern. Bauern verzichten (auf Druck kritischer europäischer Verbraucher) auf Pestizide, Kunstdünger.

Westliche Blindheit
Die 60 deutschen Schokoladenhersteller wollen in 10 Jahren 70 % ihres Kakaorohstoffs aus nachhaltigem Anbau beziehen. Derzeit ist es ein Drittel. Die Rohstoffsicherung geht nur, auch angesichts des Klimawandels, über einen nachhaltigen Anbau von Kakao, der dauerhaft gute Erträge bringt und dem Erzeuger ein ausreichendes Einkommen bietet. Das ist auch das Ziel internationaler Konzerne, die bereits große Programme in Kooperation mit westafrikanischen Staaten durchführen. Die Bundesregierung hat zusammen mit der deutschen Privatwirtschaft 2012 das „Forum nachhaltiger Kakao“ gegründet, mit dem Ziel, den Anbau auf eine solide Basis zu stellen und Kinderarbeit zu vermindern. Dies soll durch großangelegte Schulungen von Kakaoproduzenten, Zertifizierung des Produktes und Stärkung ihrer Organisationen geschehen. Wichtige Pionierarbeit dazu leistet das Regionalprogramm, das 2009 vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in Absprache mit den Regierungen der Côte d’Ivoire, Ghana, Kamerun und Nigeria ins Leben gerufen wurde. Aus diesen Ländern kommen 90 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Kakaos. Das Vorhaben wird von der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) durchgeführt und arbeitet in den vier Ländern mit 33 staatlichen und zivilrechtlichen Organisationen und privaten Unternehmen zusammen.

Kakao ist ein wichtiges Exportgut in Westafrika – und Tafelschokolade ist dort noch immer ein großer Luxus. Viele der Kakaobauern sind bis heute nicht in den Genuss von Schokolade gekommen. Obwohl die Kakaoproduktion seit Jahrzehnten der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist, wurde Schokolade bislang kaum konsumiert. Sie ist Luxus, weil sie immer importiert werden musste. Erstmals 2015 hat die französische Firma Cémoi mit der Produktion von Schokolade in der Côte d’Ivoire begonnen. Die Jahreskapazität wird mit 5.000 Tonnen angegeben. In der Wirtschaftmetropole Abidjan wird in den Supermärkten immer häufiger Schokolade „Made in Ivory Coast“ angeboten. Nach Angaben der Weltbank sorgt das Kakaogeschäft für zwei Drittel aller Arbeitsplätze und Einkommen.

Der Marktführer Barry Callebaut hat vor drei Jahren das Nachhaltigkeitsprogramm „Forever Chocolate „ins Leben gerufen. Mit dem Programm will der Konzern den Bauern dabei helfen, Produktivität und Ernteerträge zu erhöhen. Chef ist der Brite Nicko Debenham. Er wird in dem eingangs erwähnten F.A.Z. Artikel wie folgt zitiert:“Meine Vorstellung, wie ein weißer Ritter auf einem Pferd in die Dörfer zu reiten und die armen Bauern mit meinen Aufbauplänen glücklich zu machen, hat sich schon vor fünfzehn Jahren als Illusion entpuppt.“ „Höhere Produktivität ? Größere Ernte? Mehr Arbeit ? Nein danke“ habe der Pächter einer Kakaoplantage ihm damals beschieden. Er sei zufrieden mit seinem Dasein und wolle nichts ändern“. Offenbar hat sich an der Einstellung mancher Kakaobauern seither wenig geändert.

(Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Zwei Nachauflagen folgten 2019. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.)

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