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„Schicken wir ein Schiff“?

Statt eine Arche zu bauen, ist die EKD an Bord der "Titanic"

(tutut) - Alles klar auf der "Andrea Doria"? Dort allerdings ist die EKD, die Evangelische Kirche Deutschlands, nicht an Bord gegangen. Sie baut auch nicht an einer Arche, obwohl ihr das Wasser über dem Hals steht,  weil sie sich auf der "Titanic" eingeschifft hat. Und so hat sie sich wie der Esel, dem es zu wohl ist, unter die Eisberge begeben und merkt nicht, dass irgendwann beim Mitschwimmen in linken Diktaturen Schluss mit lustig ist. Den sehr lesenswerten Begleittext liefert Christoph Ernst, Schriftsteller und Künstler, im "Cicero": "Flüchtlingspolitik - Schicken wir ein Schiff?"

Er greift die Reaktion auf von Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, zur Festnahme von Carola Rackete in Italien und dass "die Kirche startete eine Petition für ein neues Rettungsschiff im Mittelmeer". Das hört sich nach dem Gesetzesbruch einer deutschen Schifferin in Italien und deren Festnahme im "Cicerso"-Bericht so an: "Ende Juni startete die evangelische Kirche deswegen die Petition 'Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands und alle Gliedkirchen: Schicken wir ein Schiff!' Ziel ist es, 25.000 Unterschriften zu sammeln. Ein christlicher Bekannter von mir hat diese Petition unterschrieben und mich per Mail gefragt, ob ich es ihm gleichtun wolle.

Auf der Website der Petition las ich mir die Beschreibung durch: 'Weil keine Rettungsschiffe durch die Gewässer fahren, die Rettungen durchführen, steigt die Todesrate weiter, wenn wir nicht jetzt handeln. Wir brauchen wieder Schiffe, die Sorge tragen können, dass der nächste Weltflüchtlingstag gebührend gefeiert werden kann. Wir als Sea-Watch wollen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, den Städten und Kommunen, der Kirche und euch allen ein Zeichen setzen und ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt schicken. Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität und Nächstenliebe. Ein Schiff von uns, von euch, von allen.“

Darauf antwortete der Autor seinem Bekannten: "Ich will das nicht unterstützen". Er erklärt das u.a. so: "Das werde ich nicht unterschreiben. Gerade, weil ich nicht will, dass noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken. Ich halte es für unverantwortlich, Hoffnungen zu wecken und Menschen aufs Meer zu locken. Die Leute, die da ihr letztes Geld an Schlepper geben, sind das Rückgrat der Gesellschaften, aus denen sie stammen. Neulich schrieb ein Freund, die Händler im Senegal verkauften ihre Geschäfte, um sich nach Europa aufzumachen. Hier brauche sie niemand. Im Senegal schaffen sie Jobs und Auskommen. Falsche Anreize sind mörderisch. Fahr in die Hamburger Schanze und guck dir die Dealer an. Geh auf den Straßenstrich in Rom. Der ist voller Frauen aus Nigeria. Willst Du das?"

Der Autor fragt seinen Freund: "Siehst Du nicht die Eigensucht der selbstgerechten 'Helfer', die Nächstenliebe vorschützen, um sich gut zu fühlen. Weil sie es nicht aushalten, in einer Welt zu leben, in der 3,5 Milliarden Menschen von weniger als 2 Dollar am Tag leben müssen? Sie kaufen sich die Illusion 'gerecht' zu sein und spenden ein paar Euro für ein Schiff, um ihre Schuldgefühle zu dämpfen. Sie erheben sich moralisch über all jene, die nach 40 Jahren Arbeit mit knapp 800 Euro in Rente gehen. Diese sind nicht scharf auf noch mehr Armutseinwanderung in die Sozialsysteme, die sie ein Leben lang finanziert haben".

Wo sei die Nächstenliebe der Selbstgerechten, die Schiffe schicken? Er finde sie verdammt erbarmungslos gegenüber denen direkt vor ihrer Haustür, die als Rentner in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen. Klar, die seien alt und weiß und oft männlich, aber es seien immerhin die vor der eigenen Haustür, und sie ertränken auch, anders als die auf dem Mittelmeer. Denn die setzten sich immerhin freiwillig ins marode Schlauchboot. Die vor der eigenen Haustür würden da hineingestoßen werden.

Der Autor gibt sich überzeugt, "dass jedes 'Retter-Schiff' falsche Hoffnungen weckt und dadurch nur neue Tote produziert. Für jeden Aufgefischten durch die 'Helfer' Aufgefischten ertrinkt ein Dutzend. Wem ist damit gedient? Bei der Wahl zwischen zwei Fehlern entscheidet man sich für den, der hoffentlich weniger Schaden anrichtet. Das tut mitunter richtig weh. Man sieht so oder so beschissen aus. Aber es geht nicht ums Gut-Aussehen. Es geht darum, kein unnötiges Leid zu stiften".

Dazu beizutragen, dass Mitmenschen auch anderswo halbwegs erträglich leben können, sei ein löbliches Ziel. Dafür könne und sollte man einiges tun. Anzunehmen, die eigene Daseinsform sei die einzig erstrebenswerte und man wäre moralisch verpflichtet, sie auch allen anderen Menschen zugänglich zu machen, das halte er für verdrehten Kolonialismus: "Und der ist – egal ob nun christlich oder unchristlich – fortgeschritten frevelhaft".

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