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Sonntag, Leute!

Philosophieren
heißt sterben lernen

Es ist deshalb kein Wunder, dass das Volk so oft in die eigene Falle tappt. Man ängstigt unsere Leute ja schon, wenn man den Tod nur beim Namen nennt (und die meisten bekreuzigen sich dann wie vor dem des Teufels). Da man aber nicht umhin kann, ihn wenigstens im Testament zu erwähnen, erwarte man bloß nicht, dass es einer in Angriff nimmt, ehe der Arzt ihm das letzte Stünd-lein verkündet hat. Wie groß ihre Urteilskraft dann noch sein wird, wenn sie es, zwischen Schmerz und Entsetzen hin- und hergerissen, euch notdürftig zusammenkritzeln, weiß Gott allein.

Weil den Römern diese kurze Silbe Tod zu hart an die Ohren schlug und ihnen unheilschwanger klang, hatten sie gelernt, das Wort abzuschwächen oder weitläufig zu umschreiben. Statt "Er ist tot" sagten sie "Er hat aufgehört zu leben" oder "Er hat das Leben hinter sich". Solange noch von Leben die Rede war, und sei es als vergangenes, gaben sie sich zufrieden. Mit Ausdrücken wie "Meister Johann selig" machen wir ihnen diese Gepflogenheit nach. Vielleicht glauben jene, die nicht an den Tod denken wollen, aufgeschoben sei aufgehoben.

Ich wurde zwischen elf und zwölf Uhr mittags am letzten Tag des Februars eintausendfünfhundertdreiunddreißig nach unsrer jetzigen Zeitrechnung geboren, in der das Jahr mit dem Januar beginnt. Es sind gerade erst vierzehn Tage her, dass ich mein neununddreißigstes Jahr zurückgelegt habe, und mir stehen also noch mindestens ebenso viele zu; es wäre daher Narretei, mich jetzt schon mit Grübeleien über eine so ferne Sache wie den Tod abzumühn. Doch halt: Junge und Alte müssen ja auf ein und dieselbe Weise das Leben lassen! Keiner geht anders hinaus, als ob er soeben hereingekommen wäre. Außerdem meint selbst der altersschwächste Mensch, solange er den Methusalem nicht eingeholt hat, noch zwanzig Jahre spielend zu schaffen.
(Michel de Montaigne)

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