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Sonntag, Leute!

Jeder Schnabel findet das ihm zusagende Grünzeug
Und macht es Sinn, hier noch eigens Worte über die Künstler zuverlieren? Sie zeichnen sich ausnahmslos dadurch aus, daß sie in sich selbst verliebt sind, und zwar so sehr, daß man eher einen findet, der auf sein vom Vater ererbtes Landgütchen verzichten will als auf den Anspruch, ein Genie zu sein, und zwar trifft dies besonders auf Schauspieler, Sänger, Redner und Dichter zu: Je untauglicher einer ist, um so dreister weidet er sich an seinerSelbstzufriedenheit, um so mehr plustert er sich auf und macht sich breit.

Aber man weiß ja: Jeder Schnabel findet das ihm zusagende Grünzeug, oder besser gesagt: Je hirnverbrannter etwas ist, desto mehr Bewunderer findet es, wie ja der ärgste Mist immer auf den Beifall fast aller zählen kann, ist doch die große Mehrzahl der Menschen, wie ich schon sagte, der Torheit verfallen. Wenn also das seelische Wohlbefinden und die Bewunderung der Masse mit zunehmender Stümperhaftigkeit steigen, wozu sollte da einer echte Bildung vorziehen, die erstens viel kostet,zweitens recht überspannt und menschenscheu macht und schließlich nicht halb so gut ankommt? Nun sehe ich aber, daß die Natur wie den einzelnen Menschen so auch den einzelnen Nationen, ja fast jeder einzelnen Stadt einen gewissen allen gemeinsamen Eigendünkel eingeimpft hat.

Daher kommt es, daß die Engländer ausdrücklich den Anspruch erheben, auf dem Gebiet der Körperschönheit, der Musik und der Feinschmeckerei – um nur diese zu nennen – führend zu sein, daß die Schotten sich nicht wenig auf ihren Adel, ihre ruhmreiche Verwandtschaft mit dem Königshaus und besonders auf ihre dialektischen Spitzfindigkeiten einbilden, daß die Franzosen punkto Höflichkeit und feiner Lebensart die Ersten sein wollen,daß die Pariser im besonderen recht anmaßend dafür gelobt werden möchten, in der Theologie die Allergrößten zu sein, nachdem sie fast alle Konkurrenten ausgeschaltet haben, und daß schließlich die Italiener die schönen Künste und die Beredsamkeit für sich gepachtet haben und demzufolge sich alle ganz entzückt einreden, sie seien als einzige auf der Welt keine Barbaren. In diesem Glücksgefühl sind die Römer allen andern voraus, und sie träumen heute noch wonneselig von ihrem alten Rom. Die Venezianer beglückt die hohe Meinung von ihrer vornehmen Abkunft.Die Griechen spielen sich als die Erfinder der Wissenschaften auf und wollen groß dastehen mit den Leistungen ihrer berühmten Geistesheroen. Die Türken samt dem ganzen übrigen Barbarenpack beanspruchen sogar die Ehre, im Besitz der wahren Religion zu sein, und verlachen den Christenglauben als Aberglauben.Die Juden aber – noch drolliger – warten noch immer unbeirrt auf ihren Messias und halten an ihrem Moses bis heute verbissen fest, die Spanier lassen keinem den Vortritt, wenn es um den Kriegsruhm geht, die Deutschen halten sich etwas zugute auf ihre Riesengestalt und die Kenntnis der Magie.

Aber ich will nicht weiter diesen Einzelheiten nachgehen: Ihr seht ja, denke ich, welch großes Vergnügen dem einzelnen wie der gesamten Menschheit die Eigenliebe bereitet der ihre Schwester, die Schmeichelei, ganz ähnlich ist. Eigenliebe bedeutet nämlich nichts anderes, als sich selbst zu streicheln; streichelt man aber einen andern, ist es Schmeichelei. Heutzutage hat die Schmeichelei allerdings etwas Anrüchiges an sich, doch nur bei solchen, die sich mehr von den Bezeichnungen als von den Verhältnissen an sich beeindrucken lassen. Sie meinen, daß Redlichkeit und Schmeichelei kaum unter einen Hut zubringen seien; daß dies hinten und vorne nicht stimmt, könnten sie sich schon an den Beispielen der stumpfsinnigen Kreatur in Erinnerung rufen. Welches Wesen schmeichelt mehr als ein Hund? Und anderseits: Welches ist treuer? Welches umschmust den Menschen mehr als das Eichhörnchen? Aber zugleich: Welches ist ihm inniger zugetan? Sonst müßte man glauben, daß grimmige Löwen, grausame Tiger und reizbare Panther dem Leben der Menschen besser täten. Zwar gibt es auch eine durch und durch heimtückische Schmeichelei, mit der hin und wieder Verräter und Zyniker arme Kerle ins Verderben treiben.

Meine Schmeichelei aber entspringt der Herzensgüte und einer gewissen Lauterkeit der Gesinnung und steht der Tugend bedeutend näher als ihr Gegenpol, die Hartherzigkeit, und die, wie Horaz sagt, unangebrachte und plumpe Übellaunigkeit. Sie richtet die Verzagten auf, liebkost die Trauernden, spornt die Schlaffen an, erweckt die Stumpfsinnigen zum Leben, lindert das Leid der Kranken, besänftigt die Hitzköpfe, stiftet Bande der Liebe und verleiht ihnen Dauer. Sie verlockt die Jugend, das Studium der Wissenschaften anzupacken, und ermahnt und belehrt die Fürsten unter dem Deckmantel des Lobes, ohne sie zu kränken. Kurzum, sie bringt zustande, daß jeder sich selbst toller findet und höherschätzt, was unstreitig einen wesentlichen Teil des Glücks ausmacht.

Was gibt es aber Gefälligeres, als daß zwei Esel sich gegenseitig kratzen? Nicht unerwähnt lassen möchte ich, daß die Schmeichelei eine große Rolle in der so hochgepriesenen Redekunst spielt, eine noch größere in der Medizin und die allergrößte in der Dichtkunst, und daß sie überhaupt Honig und Würze jeden Umgangs unter Menschen ist. Aber sich täuschen zu lassen, sagt man, ist arg. Nein, sich nicht täuschen zu lassen, das ist das Allerärgste. Denn hochgradig närrisch sind die, die glauben, das Glück des Menschen beruhe auf dem Wesen der Dinge selbst. Nein, von den Meinungen über die Dinge hängt es ab.
(Aus "Das Lob der Torheit" von Erasmus von Rotterdam, 1511)

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