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Sonntag, Leute!

Des Kaisers zehn Gebote

Fange endlich an, Mensch zu sein, solange du noch lebst! Hüte dich aber ebenso sehr davor, den Menschen zu zürnen oder zu schmeicheln. Denn beides ist für ein Gemeinwesen schädlich.

Erstens: Wie ist mein Verhältnis zu den Menschen? Wir sind füreinander da, manche führe ich, wie der Widder die Schafe und der Stier die Rinder.

Zweitens: Wie zeigen sich die Menschen im Alltag zuhause und anderswo? Welchen Einfluss haben ihre Grundsätze über sie, und mit wieviel Eigensinn verrichten sie ihre Handlungen?

Drittens: Ist ihr Handeln vernünftig, ist es unvernünftig?

Viertens: Auch du handelst oft falsch, und wenn du dich auch von gewissen Vergehen fern hältst, so hast du doch die Fähigkeit dazu, obgleich du aus Furcht oder Ehrsucht oder sonst einem Grund darauf verzichtest.

Fünftens: Du weißt es nicht einmal richtig, ob dieser oder jener sich wirklich vergangen hat. Denn vieles geschieht auch unter dem Druck der Umstände, und man muss diese überhaupt erst kennen, um sich über Handlungsweise eines andern ein Urteil bilden zu können.

Sechstens: Wenn du dich auch noch so sehr aufregst oder ärgerst, erzürnst oder grämst, so bedenke, dass das Leben kurz ist und wir bald alle begraben sein werden.

Siebtens: Nicht die Handlungen anderer beunruhigen uns, sondern vielmehr unsere Meinungen darüber. Rege dich nicht über Beleidigungen auf, nur Laster kann dir schaden. Denn du musst ja nicht Sünder oder Räuber werden, nur weil andere dich so nennen.

Achtens: Zorn und Kummer über Handlungen anderer Menschen sind für uns oft härter als die Handlungen, über die wir uns aufregen.

Neuntens: Ist dein Wohlwollen wirklich echt, ohne Heuchelei, dann ist es auch nicht zu erschüttern. Denn was kann dir ein boshafter Mensch anhaben, wenn du ihm stets freundlich begegnest, ihn bei passender Gelegenheit sanftmütig warnst und gerade in dem Augenblick, wo er dir Böses anzutun versucht, ihn in ruhigem, zurechtweisendem Ton anredest. Du musst es aber ohne Spott und Übermut tun und ohne Bitterkeit; auch nicht schulmeisterlich oder in der Absicht, einen Dritten zu beeindrucken, sondern rede unter vier Augen mit ihm.

Zehntens: Erwarte von Bösewichten nicht, dass sie sich ausgerechnet gegen dich nicht vergreifen wie sie es gegenüber anderen zu tun pflegen.
(Aus: Jochen Kastilan, "Am Anfang ist das Ziel - Mit dem Kaiser Marc Aurel auf dem Philosophenweg".

 

 

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