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Sonntag, Leute!

Über das Alter

Wie armselig ist doch ein Greis, wenn er in einem so langen Leben nicht erkannt hat, dass der Tod gering zu achten ist! Er ist entweder gänzlich zu vernachlässigen, wenn er die Seele völlig auslöscht, oder sogar zu wünschen, wenn er sie an einen Ort führt, wo ihr ewiges Leben beschieden ist. Eine dritte Möglichkeit ist doch gewiß nicht ausfindig zu machen. Was soll ich also fürchten, wenn es mir bestimmt ist, nach dem Tod entweder nicht unglücklich oder sogar glückselig zu sein?

Wer ist indessen so töricht, mag er auch noch so jung sein, dass er es für eine ausgemachte Sache hält, er werde bis zum Abend leben? In dieser Altersstufe gibt es ja sogar noch viel mehr Todesfälle als in der unseren. Junge Leute werden leichter krank, ihre Krankheiten sind schwerer, und sie zu pflegen ist trauriger. Deswegen sind es nur wenige, die bis zum Greisenalter gelangen. Träfe das nicht zu, so wäre das Leben besser und vernünftiger. Denn bei den Greisen findet sich Verstand, Vernunft und Klugheit; wären sie nicht gewesen, so hätte es gar keine Staaten gegeben.

Aber ich kehre zum drohenden Bevorstehen des Todes zurück. Was ist das für ein Schuldvorwurf gegen das Alter, den es doch offensichtlich mit der Jugend teilt? Der Tod ist allen Altersstufen gemeinsam. Ein junger Mensch hofft aber, noch lange zu leben, was ein Greis nicht ebenso erhoffen kann. Diese Hoffnung ist töricht. Was könnte denn dümmer sein, als Ungewisses für gewiß und Falsches für wahr zu halten? Ein alter Mensch hat aber nicht einmal etwas, worauf er hoffen kann? Er ist jedoch insofern in einer besseren Lage als ein junger Mensch, als er das schon erreicht hat, was jener nur erhofft.

Jener will lange leben, dieser hat schon lange gelebt. Freilich, ihr guten Götter, was heißt bei der Natur des Menschen schon lange? Es bleibt nur so viel übrig, wie man durch Tüchtigkeit und rechtes Handeln erreicht hat. Die Stunden und Tage, die Monate und Jahre verrinnen, und weder kommt jemals die vergangene Zeit zurück, noch kann man wissen, was folgt. Man muß jeweils mit dem zufrieden sein, was einem an Zeit zum Leben vergönnt ist. Ein Schauspieler muss ja auch nicht bis zum Ende des Stückes spielen, um zu gefallen, wenn er nur in jedem Akt, in dem er auftritt, Beifall findet, und Weise müssen auch nicht bis zum Schlussbeifall gelangen. Denn für ein sittlich gutes Leben ist eine kurze Lebensdauer lang genug. Wenn es aber noch länger dauert, braucht man darüber so wenig Schmerz zu empfinden, wie es Bauern schmerzt, dass, wenn die holde Frühlingszeit vergangen ist, auch noch der Sommer und der Herbst gekommen sind. Der Frühling nämlich bedeutet gleichsam die Jugend und verheißt künftige Früchte, die übrigen Zeiten aber sind dafür geeignet, die Früchte zu ernten und einzubringen.

Die Frucht des Alters aber ist, wie ich oft sagte, der Schatz der Erinnerung an das früher erworbene Gute. Dem Guten aber ist alles zuzurechnen, was der Natur gemäß ist. Was aber ist so naturgemäß wie das Sterben alter Menschen? Bei jungen Menschen geschieht dasselbe im Widerspruch und Gegensatz zu der Natur. Das Sterben junger Menschen wirkt deshalb so auf mich, wie wenn die Kraft der Flamme von der Menge des Wassers überwältigt wird, das der alten aber so, wie wenn das Feuer, das sich verzehrt hat, ohne Gewaltanwendung von selber erlischt.

Und wie das Obst sich, wenn es unreif ist, kaum von den Bäumen reißen lässt, wenn es gereift und ausgetrocknet ist, jedoch abfällt, so nimmt den jungen Menschen die Gewalt das Leben, den alten aber die Reife. Sie ist mir freilich so angenehm, dass ich, je näher ich dem Tode komme, um so mehr den Eindruck habe, dass ich gleichsam Land sehe und im Begriff bin, nach langer Seefahrt endlich in den Hafen zu gelangen. Das Alter aber ist nicht fest begrenzt, und in ihm lebt man richtig, solange man zur pflichtgemäßen Erfüllung und Einhaltung seiner Aufgabe und dabei doch zur Verachtung des Todes imstande ist. So kommt es, dass das Alter sogar noch mutiger und tapferer als die Jugend ist. Ein Leben endet aber dann am besten, wenn, solange man noch bei Verstand ist und seine Sinne beisammen hat, die Natur selbst, die ihr Werk zusammengefügt hat, es auch auflöst.
(Marcus Tullius Cicero)

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