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Sonntag, Leute!

Des Menschen Glück

Es gibt zwei Arten unglücklicher Menschen.
Den einen eignet eine Ohnmacht der Seele, die bewirkt, daß diese durch nichts bewegt wird. Ihre Seele hat nicht die Kraft, etwas zu begehren, und alles, was sie berührt, erzeugt nur dumpfe Gefühle. Wer eine solche Seele besitzt, lebt in beständiger Mattigkeit dahin, das Leben ist ihm eine Bürde, jeder Augenblick lastet auf ihm. Er liebt das Leben nicht, aber er fürchtet den Tod.

Die andere Art Unglücklicher bilden im Gegensatz zu diesen alle, die ungeduldig ersehnen, was sie nicht haben können, und die verdorren in der Hoffnung auf ein Gut, das immer wieder in die Ferne entschwindet.

Ich habe hier nur eine glühende Sucht der Seele, nicht eine einfache Regung im Auge. So ist jemand nicht unglücklich, weil er Ehrgeiz besitzt, wohl aber, wenn er davon verzehrt wird. Fast immer ist ein solcher Mensch so veranlagt, daß er auch unglücklich wäre, wenn der Ehrgeiz, das heißt der Wunsch, Großes zu vollbringen, in ihm nicht Wurzel geschlagen hätte.

Der bloße Wunsch, unser Glück zu machen, ist hingegen, weit entfernt davon, uns unglücklich zu machen, ein Spiel, das uns durch tausend Hoffnungen ergötzt. Tausend Wege scheinen uns zUm Ziel zu führen, und kaum ist der eine versperrt, so scheint ein anderer sich zu eröffnen.

Es gibt auch zwei Arten glücklicher Menschen.
Die einen werden lebhaft durch Dinge erregt, die ihrer Seele zugänglich sind und die sie leicht erreichen können. Ihre Wünsche sind lebhaft, sie hoffen, sie genießen, und bald fangen sie aufs neue an zu wünschen.

Die andern sind so veranlagt, daß sie ständig in einer leisen Schwingung sind, die unterhalten, nicht erregt wird: eine Lektüre, ein Gespräch genügen ihnen.

Mir scheint, daß die Natur für Undankbare gearbeitet hat. Wir sind glücklich, und unsere Reden erwecken den Anschein, als ahnten wir es gar nicht. Dennoch finden wir überall Freuden, sie gehören zu unserem Wesen, und die Leiden sind nur Begleiterscheinungen. Überall scheinen die Dinge uns zur Freude bereitet zu sein; ruft uns der Schlaf, so gefällt uns das Dunkel, und wenn wir erwachen, so entzückt uns das Tageslicht. In tausend Farben schmückt sich die Natur. Unsern Ohren schmeicheln die Töne, die Speisen haben einen angenehmen Geschmack, und als wäre dies noch nicht genug Glück des Daseins: Unser Wesen muß stets von neuem aufnahmefähig gemacht werden für unsere Freuden.

Unsere Seele, die durch die Sinne angenehme oder schmerzliche Empfindungen aufnehmen kann, hat die Gabe, sich die einen zu verschaffen und die andern fernzuhalten. Und hierin vertritt die Kunst stets die Natur. So berichtigen wir unaufhörlich die Eindrücke der Außenwelt: wir lassen fort, was uns schaden könnte, und fügen hinzu, was sie uns angenehm machen könnte.
(Montesquieu)

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