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Sonntag, Leute!

Das Leben ein Schauspiel

Was ist denn das menschliche Leben schon anderes als ein Schauspiel, in dem die einen vor den anderen in Masken auftreten und ihre Rolle spielen, bis der Regisseur sie von den Brettern abruft? Oft genug lässt er denselben Spieler in verschiedenen Rollen auftreten, so dass er bald als purpurgeschmückter König, bald als dürftig gekleideter Sklave erscheint. Schein ist zwar alles, aber dieses Stück wird nicht anders gegeben.

Vielleicht erhebt sich hier unversehens vom Himmel herab ein Weiser wider mich und klagt, dass dieser da, den alle als Gott und Herrn betrachten, auch kein Mensch sei, weil er sich nach tierischer Art von Trieben leiten lasse; er sei ein Sklave in elender Lage, weil er so vielen und schmutzigen Herren freiwillig diene. Einen ändern, der den Tod des Vaters betrauert, könnte er zur Freude aufmuntern, weil der Vater nun erst zu leben begonnen habe, da doch das Leben hier nichts anderes wäre als eine Art Tod. Einen Adelsstolzen könnte er namenlos und Bankert nennen, weil er kein Verhältnis zur Tugend hätte, die allein die Quelle der Vornehmheit sei. So könnte er über alles sonst seine Sprüche machen.

Bitte, was hätte er aber anderes getan als sich vor allen verrückt und besessen gebärdet? Wie nichts törichter ist als unangebrachte Weisheit, so ist nichts weniger klug als verkehrte Klugheit. Verkehrt handelt nämlich, wer sich der augenblicklichen Lage nicht anpasst und seine Fahne nicht nach dem Wind stellt, sich nicht wenigstens des Trinkspruches „Sauf oder lauf!" erinnert und fordert, dass das Spiel nicht mehr Spiel sei.

Dagegen zeugt es für die rechte Klugheit, wenn du als Mensch nicht über deine Grenzen hinaus weise sein willst und mit dem gemeinen Haufen gern ein Auge zudrückst oder munter irrst. Das aber, sagen sie, sei gerade das Merkmal der Torheit. Ich will es nicht einmal abstreiten, nur sollen jene ihrerseits zugeben, dass man so das Bühnenstück des Lebens spielt. Ihr Götter, soll ich tatsächlich das andere auch noch erwähnen, oder soll ich schweigen? Doch warum sollte ich die lauterste Wahrheit verschweigen? Vielleicht ist es angemessen, bei solchem Vorhaben die Musen vom Helikon herabzubemühen, wie das die Dichter oft genug bei faden Nichtigkeiten tun.

Steht mir also ein wenig zur Seite, ihr Töchter des Zeus, indes ich meinen Beweis führe, dass keiner zu jener trefflichen Weisheit und angepriesenen Burg der Glückseligkeit gelangt ohne das Geleit der Torheit.
(Erasmus von Rotterdam, aus "Das Lob der Torheit")

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