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Sonntag, Leute!

Das Leben ist wie eine Gladiatorenschule

Wenn du die Menschenmasse auf dem Forum siehst, den Auflauf der Menge auf dem Komitienplatz und den Zirkus da, in dem sich fast das ganze Volk zeigt, mußt du wissen, dass  es dort ebenso viele Laster gibt wie Menschen. Zwischen den Bürgern, die du siehst, herrscht keinerlei Frieden. Der eine ist, um eines geringen Vorteils willen, auf das Verderben des anderen aus;  jeder sucht durch die Schädigung seines Mitmenschen Gewinn; sie hassen den Glücklichen, verachten den Unglücklichen. Den Höhergestellten empfinden sie als Last, den Geringeren unterdrücken sie; von den unterschiedlichsten Leidenschaften werden sie angestachelt; alles nehmen sie in Kauf für ein bißchen Vergnügen und Beute.

Nicht anders als in einer Gladiatorenschule ist das Leben: Man lebt und kämpft miteinander. Das ist eine Ansammlung wilder Tiere, nur dass diese miteinander friedlich umgehen und ihre Artgenossen nicht beißen, während sich die Menschen gegenseitig zerfleischen und darin Befriedigung finden ... Täglich wächst die Lust am Frevel, täglich nimmt das Schamgefühl ab. Man nimmt keine Rücksicht mehr auf das Gute und Rechte, Willkür macht sich überall breit, und die Verbrechen geschehen nicht mehr im Geheimen, vor aller Augen gehen sie vor sich; die Niederträchtigkeit hat so sehr auf die Öffentlichkeit übergegriffen und in den Herzen aller so tiefe Wurzeln geschlagen, dass die Unschuld nicht eine Seltenheit geworden ist, sondern überhaupt nicht mehr existiert. Denn haben nur einzelne oder wenige die Gesetze gebrochen? Nein, von allen Seiten, wie auf Kommando, ist man losgestürzt, um Recht und Unrecht völlig durcheinanderzuwerfen.
(Seneca)

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