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Sonntag, Leute!

Pest

Der Orient und die heiße Zone, so unendlich reich an herrlichen Geschenken der verschwenderisch-gütigen Natur, sind auf der andern Seite die Erzeuger verderblicher Krankheits-Gifte, die durch eine uns unergründliche Zusammenwirkung örtlicher und klimatischer Ursachen eben so zu entstehen scheinen, als die unzählbaren Insektengeschlechter von Wärme, Elektricität, Feuchtigkeit und aufgestiegenen Stoffen thierischer Fäulniß, denen noch ein gewisser Bildungstrieb anhängt. Eine schon bestehende Krankheit wird durch die angeführten Ursachen oder durch Verschmelzung mit dem dadurch erzeugten Gifte zu einer dritten Gattung, die sich Jahrhunderte lang fortpflanzt. Scheint es doch, als wenn noch heute vom Paradiese aus der Zorn des Herrschers der Welten den Fluch über den Urvater der Menschen fortwirken ließe.

Denn so viele Krankheiten, welche, wie ein giftiger Thau Millionen Blüthen, Millionen Menschen vernichteten, entstanden in den Ländern der Urwelt, aber keine wüthete so furchtbar vertilgend, als die Pest, durch die Welttheile entvölkert, und mehr Menschen dem Tode geweiht wurden, als jetzt vielleicht auf der Erde wohnen, und keine ist so fürchterlich durch die fast unbedingte Ansteckung, die sich fast an alle Gegenstande hängt. Die Herrschaft dieses Würgengels erzeugt die schaudervollste Anarchie aller Gefühle, die höchste Empfindung wird hinabgeschleudert in den Schmutz der gemeinsten Selbstsucht, deren Pöbelherrschaft nichts Edles mehr um sich duldet. Der Bruder meidet den Bruder, der Gatte flieht sein Weib, der Vater verläßt sein Kind und die Mutter wirft den Säugling mit dem Erbeben von sich, mit dem man eine Natter abschüttelt. Nur das Laster verbrüdert sich, und das Leiden ist gemeinsam wie der Tod.

Glänzend aber, ein Bürge des göttlichen Antheils an der menschlichen Seele, erscheinen die Züge edler Selbstverläugnung einzelner Menschen aller Stande, und einen unvergänglichen Ruhm erwarb sich der geistliche Stand im Mittelalter, und vor zweihundert Jahren durch die grenzenloseste Aufopferung in der Pflege der von Allen verlassenen Pest-Kranken. Manzoni in seinen Verlobten und Bulwer im Rienzi entwerfen ein gelungenes Bild des Jammers, menschlichen Edelsinnes und des Aberglaubens, der Mordgier und der Verworfenheit der Menschen zur Pestzeit. – Die Pest ist eine Krankheit, die sich durch heftiges Fieber, Irrereden, das zur Wuth sich steigert, fauligen Charakter, Beulen an den Drüsen der Achseln, Schenkel und anderer Theile, Brandgeschwüre, Blattern und  Flecken auszeichnet, oft augenblicklich oder in den ersten Tagen tödtet, manchmal länger dauert und höchst selten in Genesung übergeht. Die P. wüthete schon in alten Zeiten, und Thucydides schildert die Seuche von 430 v. Chr. in Athen meisterhaft, Josephus beschreibt die von Jerusalem im Jahre 72 n. Chr. In Rom wüthete sie im Jahre 77, wo sie ganz Asien und Europa entvölkerte, 189, 262, wo 5000 Menschen täglich starben, brach seit diesen Zeiten in vielen volkreichen Orten aus, in Constantinopel (544), wo tausend Todtengräber zur Beerdigung der Leichen nicht ausreichten. Auch Deutschland, besonders Trier, ward heimgesucht, eben so Sachsen und Meißen in den Jahren 875–77. Im 11. Jahrhunderte erschien sie sechsmal in Deutschland, wo Hungersnoth ihre Gefährtin war; während des 12. Jahrhunderts wüthete sie 25 Jahre daselbst, und suchte im 13. ganz Europa heim. In Lübeck zeigte sie sich 1317, wo gegen 90,000 Menschen starben, in Straßburg 1349, in Kölln 1357, in Leipzig 1358, in Dresden 1363. Im Jahre 1406 war sie wieder in Sachsen, 1420 in Augsburg, 1429 abermals in Leipzig. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts durchzog sie wiederholt Sachsen, Thüringen, Frankreich, Mecklenburg, und die Chronikenschreiber entwerfen ein schaudererregendes Bild der damaligen Noth. In Sachsen, ganz Deutschland, besonders in Leipzig, in Italien u. a. a. O. erschien sie wieder im 16. Jahrhunderte und entvölkerte die meisten großen Städte. Dresden, Meißen, vor allem Leipzig, die Rheingegenden, Italien, sahen sie in den Jahren 1607,1639,4632,1637,1644,1680, und es ist bemerkenswerth, daß Sachsen am meisten durch sie litt.

Nach dieser Zeit hat Deutschland sie nicht wieder erlebt, im Oriente wüthete sie aber fort, ward 1720 nach Marseille und der Provence verschleppt, wird aber jetzt durch die trefflichen Quarantaine-Anstalten aller Länder von Europa abgehalten. Oestreich verdient sich besonders durch die strenge, aber beschwerliche Absperrung der Türkei den Dank des ganzen Europa. Isolirung ist das beste Verwahrungsmittel, Räucherungen und Heiterkeit des Geistes vermindern Ansteckung und Geneigtheit, Einreibungen mit Baumöl aber sollen wirklich schützen, weil, wie der engl. Consul in Alexandrien, G. Baldwin, beobachtet hatte, nie ein Oelträger erkrankte. Spätere Versuche haben nicht nur die Schutzkraft, sondern auch die Heilkraft der Baumöleinreibungen bewiesen. In Constantinopel ist die P. 1836 abermals ausgebrochen und dauerte noch Anfang 1837 fort.
(Damen Conversations Lexikon, Band 8. [o.O.] 1837, S. 169-172.)

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