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Sonntag, Leute!

Im Alter abseits?

Macht es denn so viel Freude, inmitten der Arbeit zu sterben? Den meisten Menschen geht es gleich: Sie wünschen sich sehnlich, länger zu arbeiten, als sie physisch dazu imstande sind. Sie kämpfen gegen die Gebrechlichkeit ihres Körpers und halten das Alter nur deshalb für drückend, weil es sie ins Abseits stellt.

Einen Mann über fünfzig hebt das Gesetz nicht mehr zum Soldaten aus, einen über sechzig beruft es nicht mehr zum Senator. Die Menschen gönnen sich von sich aus weniger leicht den Ruhestand, als das Gesetz es tut.

Während sie in der Zwischenzeit gehetzt werden und selbst hetzen, sich untereinander nicht in Ruhe lassen, sich gegenseitig unglücklich machen, trägt ihr Leben keine Früchte; es bleibt ohne Genuß, ohne jede geistige Weiterentwicklung.

Niemand hat den Tod im Blick, jeder hofft auf Dinge, die in weiter Ferne liegen, manche treffen sogar Verfügungen für die Zeit nach dem Tod: Grabstätten von gigantischen Ausmaßen, Stiftungen öffentlicher Gebäude, Opferfeierlichkeiten an ihrem Scheiterhaufen, pompöse Beisetzungen.

Aber, beim Hercules, eigentlich müßte man sie wie Kinder, die nur ganz kurz gelebt haben, bei Fackelschein und Kerzenlicht zu Grabe tragen.
(Seneca, De brevitate vitae 20,3-5,  Von der Kürze des Lebens)

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