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Sonntag, Leute!5.12.21

Die Pest

Von Nikolaus Lenau

»Nimm du mein Ringlein, gib mir deines!
Komm Täubchen, bau'n wir unser Nest!« –
Das Nest bleibt leer, denn ach! ein Kleines,
So sterbt ihr beide an der Pest!

»Spielt auf! schenkt ein! und dann willkommen!
Hinunter noch den süßen Rest!« –
Ja wohl! du wirst am Wort genommen,
Schon hat ergriffen dich die Pest!

»O Kerkernacht, o bittres Härmen!
Wie quälend mich die Kette preßt!« –
Wirst nimmer lang das Eisen wärmen,
Noch heute stirbst du an der Pest!

»Viel Sünden noch ... doch springt die Heerde
Mir durcheinander; .... haltet fest!« –
Am Beichtstuhl fällt er todt zur Erde;
Und hat ihn absolvirt die Pest?

»Triumph! wie schön das Blutgerinnsel
Dem bleichen Ecce homo läßt!« –
Da reißt ihm aus der Hand den Pinsel
Und malt ihn selber bleich – die Pest.

Von Haus zu Haus, und hüben, drüben,
Des Todes furchtbar Einerlei;
Er geht herum, euch einzuüben
Die Miserere-Litanei.

Verstockte Herzen! o Verbrecher!
Wenn euch Girolamo nicht rührt,
So merket auf den andern Sprecher,
Der eine schärfre Sprache führt!

Es will erschüttern und erweichen
Der Tod die harte Sünderschaar;
Hoch baut die Kanzel sich aus Leichen
Der ernste, strenge Missionar.

Schon hat der Prediger verwendet
Viel Männer, Weiber, welk und grau;
Viel Jugend, Schönheit auch verschwendet
Auf seinen raschen Kanzelbau.

Auch hat er schon aus eurer Mitte
Manch holdes Kindlein weggepflückt,
Die Kanzel sich, nach frommer Sitte,
Mit Engelsbildern ausgeschmückt.

Nun schleicht mit Zittern und mit Beben
Die Freude als ein Jammerbild,
Nun irrt das kecke Lüsteleben
Ein rettungslos umstelltes Wild.

Verödet sind die Tisch' und Bänke,
Der Spielmann fort mit seinem Lied,
Nun steht der Wirth in seiner Schenke
Als in der Klaus' ein Eremit.

In den verlassnen Kirchenhallen
Kniet hier und dort ein Beter kaum,
Blickt scheu, daß im Vorüberwallen
Ihn Niemand streife mit dem Saum.

Dort wieder schreiten Prozessionen
Mit Kreuz und Fahne, flehen, schrein,
Gott wolle doch der Sünder schonen
Und seine Schrecken fangen ein.

Unmuthig schleichen die Gewerbe,
Der Hader vor Gerichte schweigt,
Wo jeder denken muß: ich sterbe
Vielleicht eh sich die Sonne neigt.

Am Spiegel ziert mit eitlem Sinne
Sich dort ein buhlerisches Weib;
Doch traurig hält sie plötzlich inne,
Gedenk, wie sterblich dieser Leib.

Sie will kein falsches Roth mehr nehmen
Auf ihre Wangen welk und fahl;
Sie mag sich vor den Würmern schämen,
Für die sie bald vielleicht das Mahl.

Wer schon den Feind will niederboren,
Ihm nach mit scharfem Dolche zieht,
Er hat die Lust dazu verloren,
Als er die vielen Leichen sieht.

Vor diesem Lauern, dumpfen Drohen,
Vor diesem angstgedrückten Gram
Sind Wunsch und Leidenschaft geflohen,
Des Unglücks Furien wurden zahm.

Die Ross' am Leichenwagen werden
Bei Tag und Nacht nicht ausgeschirrt;
Verzweiflung rufen die Geberden,
Die Sprachen haben sich verwirrt.

Die Liebe hat ihr Wort verloren,
Denn tödtlich ward ihr Hauch, ihr Kuß,
Und mit dem Tod hat sich verschworen
Treulos ihr sanfter Blumengruß.

Wie mit den Gaben und Geschenken
Das Herz die Liebe sonst empfieng,
Und sich ihr süßes Angedenken
An ihre Zeichen zaubernd hieng;

So heftet jetzt sich das Verderben
An Liebeszeichen leisgeheim,
Am Schmucke klebt ein bittres Sterben,
Am schmeichelnden Sonettenreim.

Du arme Mutter! zittre, zittre,
Wenn deine Brust den Säugling stillt;
Weißt du, ob nicht der Tod, der bittre,
Aus deiner Brust dem Kinde quillt?

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