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Spaichingen mit Gott und König im Reich

Gewerbemuseums-Grundstein ein Dokument der Stadtentwicklung

Anzeige zur Grundsteinlegung des Gewerbemuseums (Gewerbehalle) im Heuberger Boten 1875.
Urkunde über die Grundsteinlegung der Gewerbe-Halle in der Oberamtsstadt Spaichingen, Königreich Württemberg.
Im Namen Gottes! Im Jahre da man schrieb nach der gnadenvollen Geburt unseres Hern u. Heilandes Eintausend achthundert und fünf und siebzig, am 17. Mai, im zehnten Jahre nach der Thronbesteigung unseres gnädigsten Königs Karls, im fünften Jahre nach der Wiederaufrichtung des deutschen Reichs, haben wir Unterzeichnete gegenwärtige Urkunden in den Grundstein dieses zu einer Gewerbehalle und zu Fortbildungszwecke bestimmten Gebäudes gelegt.
Die hiesige Stadt und der Oberamtsbezirk haben es schon eine Reihe von Jahren zur Aufgabe gemacht, sich für Hebung u. Förderung der Gewerbe und Industrie tätig zu zeigen. Kurze Zeit nachdem das Zunftwesen aufgehoben und die Gewerbefreiheit eingeführt war, am 20.Oktober 1861, wurde da hier ein Gewerbeverein gegründet. Vorstand desselben war der vormalige Oberamtmann Holland, der Verein zählte bei seiner Gründung 53 Mitglieder. Am 19. März 1862 folgte für den freiwillig
zurückgetretenen Vorstand als solcher Kaufmann Albert Schlauder.
Haupt-Aufgabe des Vereins war Hebung des Schulwesens und ins besonders desjenigen für den gewerblichen Beruf speziell vorbildenden. In einer am 30. März 1862 abgehaltenen Vereins-Versammlung wurde die Bitte an die städtischen Behörden beschlossen neben dem seit dem Jahre 1823 bestehenden Präzeptorate (Lateinschule) eine Realschule zu errichten. Dieser Bitte wurde von jener Behörde entsprochen und am 15. September 1862 die Realschule eröffnet. Derzeitige Lehrer sind an der Realschule der Hr. Reallehrer Braun und an der Lateinschule Hr. Präzeptorats-Verweser Fränkel. Unterm 27. Dezember 1863 wurde Fabrikant August Honer Vorstand des Gewerbe-Vereins. Im Jahre 1864, den 25. September, wurde das Ansinnen an die städtischen Collegien um Einführung einer gewerblichen Fortbildungsschule gerichtet und nach einem entgegenkommenden Beschlusse von Seiten jener Behörden dieselbe im Jahre 1865 eröffnet.- Am 26.Dezember 1865 ist Redakteur Anton Kupferschmid als Vorstand erwählt worden.
Im April 1866 wurde vom Gewerbeverein die hiesige Handwerkerbank gegründet, welche meistens von denselben Personen geleitet ist, welche die Verwaltungsorgane des Gewerbevereins sind. Die Handwerkerbank hat sich von kleinen Anfängen zu einem ansehnlichen Bank-Institut entwickelt. Im Jahre 1874 hat sie 1,043,127 fl. und seit ihrem
Bestehen von 1866 bis 1874 die Summe von beinahe 4 Millionen Gulden umgesetzt. (Der Guldengleich 60 Kreuzer oder nachdem am 1.Juli ds.J. die Markwährung des deutschen Reiches in Württemberg eingeführt wird, gleich 1 Mark 71 Pfennige.
100 Pfennige sind 1 Mark, eine Mark ist nach bisherigem Gelde 35 Kreuzer). Die Mitgliederzahl beträgt gegenwärtig 755, diejenige vom Gewerbeverein, welche im Jahre 1865 bloß 54 betragen hat 770.
Die Tätigkeit des Gewerbe-Vereins, um das Eingangs erwähnte Ziel zu erreichen, steigerte sich von Jahr zu Jahr und so darf man die im September des Jahres 1869 stattgefundene und ca. 2 Monate dauernde Gewerbe-Ausstellung des Oberamtsbezirks Spaichingen, welche in den Räumen des Rathauses und in einem Anbau arrangiert war, als sichtbare Frucht bezeichnen. Sie ward von 6000 Personen besucht und von staatlicher Seite durch Sendung Seiner Excellenz des Herrn Ministers des Innern, Staatsrat von Geßler, und des hoch geehrten Herrn Dr. v. Steinbeis, Excellenz, Präsident der K. Centralstelle für Gewerbe und Handel schuldet der Gewerbe-Verein und mit ihm der ganze Bezirk und die Stadt Spaichingen den größten Dank für all‘ die bewährte fördernde Unterstützung, welche dem Gewerbe-Verein zu Teil wurde und welche allein es möglich machte, die Gewerbehalle zu erbauen, um noch mehr für Ausbildung der Jugend zu tun und die Heranziehung eines tüchtigeren Gewerbestammes zu ermöglichen, sowie selbst auch die Fortbildung der weiblichen Jugend, zu welcher durch Umgestaltung der Industrie- in weibliche Arbeitsschulen der Grund gelegt wurde, zu bezwecken.
Ferner werden, um unter den Mitgliedern Bildung undBelehrung zu verbreiten, alljährlich wissenschaftliche Vorträge den Winter über von gelehrten Männern aus dem Geistlichen-, Lehr- und Juristenstande gehalten. Im Jahre 1872 wurde der Bauplatz von der Stadtpfarrei um 2500 fl. bares Geld erworben. Die Pläne zum Gebäude fertigte Bau-Inspektor Sauter in Stuttgart, das Gebäude wird die Summe von 30,000 fl.
kosten. Der Bauaufwand soll innerhalb dreißig Jahren durch den Gewerbe-Verein bestritten werden, die Handwerkerbank leiht die Bausumme zu 4 %; die Verzinsung geschieht durch öffentliche Mittel. I. Beiträge von Seiten des Staates
a) die Commission für gewerbliche Fortbildungsschulen 4 % Zinsen aus 10, 00 fl. auf 30 Jahre macht 5,400 fl.
b) aus dem Gewerbeunterstützungsfond pro Jahr 300 fl. für die nächsten drei Jahre 900 fl.;
c) von der Centralleitung des Wohltätigkeitsvereins vorerst 50 fl. II. von Corporationen: a) von der Amtskörperschaft Spaichingen 150 fl. per Jahr; von der Stadtgemeinde Spaichingen ebenfalls jährlich 150 fl.
Am 9. März 1875 wurde mit den ersten Bauarbeiten begonnen. Die Oberleitung über den Bau führt Herr Bau-Inspektor Sauter, Bauführer ist Herr Schmidt von Rottweil. Die Grab-, Maurer-, Steinhauerund Gypser-Arbeiten hat übernommen F.A. Schnitzer von Gosheim, die Zimmerarbeit Ant. Rees, Müller von Hofen, die Schreinerarbeit August Hauser, und Jakob Braun beide von da, die Glaserarbeit Engelbert Hirth, Anstricharbeit Johann
Saile, beide von hier, die Schlosserarbeit Romuald Merkt von Hofen, die Flaschnerarbeit Johann Merkt von hier und die Schmiedarbeit Meinrad Mauch von Hofen. -
Die Stadt Spaichingen mit Hofen zählt zur Zeit 2600 Einwohner; der geistliche Vorstand ist der hochwürdige Herr Stadtpfarrer Decan Dr. Hauschel, Ritter des Friedrichs-Ordens und Ritter des Ordens der württembergischen Krone, seit 13.November 1838 Stadtpfarrer hier; der bürgerliche Vorstand der Stadt ist: Herr Conrad Grimm, Stadtschultheiß seit 12.November 1852. Die Feier der Grundsteinlegung wurde heute von den Unterzeichneten im Beisein einer Abordnung des Amts-Versammlungs-Ausschusses und der städtischen Collegien vorgenommen. Indem wir unsern Nachkommen die vorstehenden Mittheilungen übermachen, werden sie daraus entnehmen, dass wir von dem Bestreben geleitet waren, für das Wohl kommender Geschlechter uns tätig zu erweisen. Sicherlich wird dieser Vorgang wie ein fruchtbares Saatkorn in ihnen wirken und sie werden uns ein ehrendes Andenken nicht versagen.
Dieser Urkunde wurden folgende Münzen beigelegt: in neuem Geld: 1Pfennig, 2 Pfennig, 5 Pfennig,10 Pfennig, 20 Pfennig; in altem Geld: 1 Stück 1 kr., 1 St. 3 kr., 1 St. 6 kr., 1 Stück 30 kr..
Was war sonst noch los im Jahr 1875 auf der Welt?

Deutsches Reich
6. Februar: Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstands und die Eheschließung als obligatorische Zivilehe, Erlaubnis der Ehescheidung.
22. April: "Brotkorbgesetz" verschärft den Kulturkampf mit der römisch-katholischen Kirche
27. Mai: Im deutschen Reich schließen sich in Gotha der von Ferdinand Lassalle 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und die von Wilhelm Liebknecht und August Bebel 1869 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAD) zusammen, die 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannt wurde.
31. Mai: In Preußen hebt das Klostergesetz alle geistlichen Orden und Kongregationen auf, ausgenommen sind die, die sich der Krankenpflege widmen.
Bremen, Hannover und Stuttgart werden Großstadt.
Afrika
Gabun wird französische Kolonie.
Lateinamerika
6. August: Vier Verschwörer töten in Quito den ecuadorianischen Präsidenten Gabriel García Moreno auf dem Weg von der Kathedrale zum Präsidentenpalast, als dieser seine dritte Amtszeit antreten will.
Wirtschaft
2. Februar: Die Sprossenradmaschine des US-Amerikaners Frank Stephen Baldwin wird in den USA patentiert.
14. März: Im Deutschen Reich wird das Bankgesetz verabschiedet, das unter anderem die Schaffung der Reichsbank ab 1. Januar 1876 vorsieht.
1. Juli: Der im Jahr zuvor in Bern unterzeichnete Allgemeine Postvereinsvertrag erleichtert den internationalen Postverkehr.
3. August: Der bayerische König Ludwig II. genehmigt das Errichten der Bayerischen Notenbank.
6. Oktober: Das Osmanische Reich kürzt die Zinszahlungen für seine Auslandsschulden um 50 Prozent. Die Gläubiger erhalten dafür mit 5 Prozent verzinste Obligationen mit dem Versprechen späterer Einlösung. Die zerrütteten Staatsfinanzen führen am 13. April 1876 zur Erklärung des Staatsbankrotts.
11. Dezember: In Bremerhaven ereignet sich mit dem Anschlag auf die "Mosel" der bisher schwerste Mordanschlag in Deutschland. Eine vorzeitige Bombenexplosion beim Verladevorgang reißt 83 Menschen in den Tod und fordert etwa 200 Verletzte. Der Sprengkörper sollte auf hoher See das Schiff zum Sinken bringen und Mittel für einen Versicherungsbetrug sein.
Dezember: Übernahme der Mehrheit der Suezkanal-Aktien durch die Briten.
Wissenschaft und Technik
15. April: Bei einer Ballonfahrt spektroskopische Untersuchungen sterben die Franzosen Joseph Croce-Spinelli und Théodore Sivel in einer Höhe von etwa 8.000 Metern an Sauerstoffmangel. Der dritte Teilnehmer, Gaston Tissandier, überlebt und kann landen, ist aber fortan gehörlos.
20. Mai: Unterzeichnung der Meterkonvention durch 17 Staaten
John Kerr entdeckt den nach ihm benannten elektrooptischen Effekt.
Alexander Graham Bell führt Versuche zur Verbesserung des Telefons durch.
Richard Caton registriert elektrische Aktivität an der Hirnrinde von Tieren.
Das Element Gallium wird in Frankreich entdeckt.
Der deutsche Zoologe Oscar Hertwig beobachtet erstmals beim Seeigel die Befruchtung einer weiblichen Eizelle durch eine männliche Samenzelle.
Kultur
Architektur
Die Pariser Oper (Opéra Garnier):    5. Januar: Die von Charles Garnier erbaute neobarocke Opéra Garnier wird eröffnet. Die Pariser Oper, die von Gaston Leroux als Schauplatz für seinen Roman Le fantôme de l'opéra gewählt wird, ist zu diesem Zeitpunkt der größte Theaterbau der Welt.
11. November: In Buenos Aires wird der öffentliche Parque Tres de Febrero eingeweiht. Das Gelände gehörte dem früheren Diktator Juan Manuel de Rosas und wurde ihm enteignet.
Musikjahr 1875
27. Februar: Am Theater an der Wien in Wien wird die Operette "Cagliostro" in Wien von Johann Strauss (Sohn) uraufgeführt. Das Stück ist anfangs ein Riesenerfolg, verliert aber mit der Zeit die Gunst des Publikums.
Célestine Galli-Marié als Carmen, 1875: 3. März: Die Uraufführung der Opéra comique "Carmen" von Georges Bizet mit dem Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée an der Opéra-Comique in Paris wird vom Publikum kühl aufgenommen. Der Welterfolg des Werkes beginnt erst Monate später.
10. März: Die Oper "Die Königin von Saba" von Karl Goldmark feiert bei ihrer Uraufführung an der Hofoper in Wien einen großen Erfolg und wird zu einer der erfolgreichsten Opern des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
19. Juli: Die Uraufführung der Oper "La falce" (Die Sichel) von Alfredo Catalani findet in Mailand statt.
3. November: Die Uraufführung der Operette "Die Kreolin" von Jacques Offenbach erfolgt am Théâtre des Bouffes-Parisiens in Paris.
Sonstiges
Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald wird nach 37-jähriger Bauzeit eingeweiht.
Katastrophen
24. Februar: An der Küste von Queensland wird der Passagierdampfer "Gothenburg" von einem Zyklon überrascht und prallt auf Felsen des Great Barrier Reef. Das Schiff sitzt auf den Felsen fest und wird langsam geflutet. 113 Menschen sterben.
1. Juni: Der Passagierdampfer "Vicksburg" der Dominion Line sinkt nach der Kollision mit einem Eisberg. 47 der 91 an Bord befindlichen Menschen kommen dabei ums Leben.
4. November: Der Raddampfer "Pacific" kollidiert südwestlich von Cape Flattery an der Küste des US-Bundesstaats Washington mit dem Segelschiff "Orpheus" und sinkt. 273 Passagiere und Besatzungsmitglieder sterben, darunter alle Frauen und Kinder.
6. Dezember Der Dampfsegler "Deutschland" läuft in der Höhe des Themse-Deltas auf eine Sandbank. 57 Menschen verlieren ihr Leben.
Sport
17. Mai: In Louisville wird das erste Pferderennen des Kentucky Derbys ausgetragen.
25. August: Matthew Webb durchschwimmt in 21 Stunden 45 Minuten als erster Mensch ohne technische Hilfen den Ärmelkanal und erreicht Calais.
Konrad Koch veröffentlicht den ersten deutschen Fußball-Regelsatz.
Die Blackburn Rovers werden gegründet.
In England werden die ersten Tischtennis-Regeln veröffentlicht.
(Quelle: Wikipedia, unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“)