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Spaichinger Wutbürger

Fasnet vor 170 Jahren: da war noch was los!

Spaichinger Bürgerwehr, im Eingang des Gewerbemuseums. 

(tutut) - Während heutzutage Narrenschiffe im wohlgeordneten Kreisverkehr vor sich hindümpeln und niemand aus verordneten homöoapathischen Dosen närrischer Zwangsverordnung ausbricht, schon gar nicht wegen oberamtlich verkündeten Schließung eines Krankenhauses, hatten die Spaichinger vor 170 Jahren zur Fasnet allen Grund, aufzubegehren. Das vom Landratsamt Tuttlingen herausgegebene und schwarz-rot-gold eingebundene Bändchen "'Der Sturm, der in die Zeit gefahren...' Die Revolution 148/49 im Gebiet des heutigen Landkreises Tuttlingen!" erinnert an Spachinger, wie man sie heute nicht mehr kennt.

Nach in deutschen Landen fehlgeschlagenen Aufständen, heftig in Baden,  schmuseplüschig in Württemberg, für Freiheit und Gleichheit, erließ die Nationalversammlung in Frankfurt am 27. Dezember 1848 den Katalog der "deutschen Grundrechte" als Gesetz. Die größeren Staaten Deutschlands lehnten Reichsgesetz und Verfassung allerdings ab, und 1851 erklärte der Bundesreaktionsbeschluss die Grundrechte ausdrücklich für rechtswidrig. Kein Grund also zur Ruhe als erste Bürgerpflicht. Überall wurde zunächst gefeiert, verbunden aber auch mit Unruhen.

So schreibt Dirk Bilgen in dem Tuttlinger Bändchen  in seinem Beitrag "Die Revolution von 1848/49 in den württembergischen Oberämtern Tuttlingen und Spaichingen" u.a.: "In Spaichingen lädt Dr. Winker zu einer Feier in das Gasthaus Rößle, 'um sich bei gutem braunen Bierstoff über die Wichtigkeit der Grundrechte zu freuen', und um einen (neuen) Bürgerverein zu gründen'. Dieser wird dann auch gegründet, der provisorische Vorstand lädt zu einer Bürgerversammlung in den Rathaussaal, um dort die Grundreche öffentlich zu verlesen und ihren Inhalt zu erklären. Das Fest wird mit Böllersalven und Reden gefeiert, aus dem Rathaus hängt die 'deutsche Fahne'".

Der Autor erklärt an diesem Beispiel, wie "politische Meinungsbildung" damals funktionierte. Und heute auch... "Einer der politsch aktiven Honoratioren lädt interessierte Bürger zu einem Treffen im eher kleinen Kreis. Aus diesem wird ein Ausschuss gebildet, der die Verlesung der Grundrechte und ihre Erläuterung für das Volk vorbereitet". In Oberndorf und Wehingen waren sie schon vor den Spaichingern aktiv, in Tuttlingen kommt es zum Eklat: "Entgegen dem Wunsch des Schultheißen Schneckenburger gibt es ein Fest im Rathaus, zu dem die Bürgerwehr paradiert und Böllerschüsse abgibt". Danach schläft die Stimmung ("eine ziemlich ruhige") - Rottweiler Anzeiger - allgemein ein.

Anfang Januar 1849, so der Bericht weiter, wird die Einführung der Grundrechte in den Oberamtsstädten Tuttlingen und Spaichingen und auch in den Gemeinden des Amtes Spaichingen mit großen Festen gefeiert. "Die Bevölkerung bereitet sich auf neue 'Märzereignisse" vor. Dann kommt die Fasnet und mit ihr vor allem in Spaichingen "allgemeines Aufbegehren", den Schilderungen zu folgen:

"'Da in neuerer Zeit häufige Nachtruhestörungen durch Lärmen und Schreien vorkommen, auch die Polizeistunde nicht eingehalten wird und die Nachtschwärmerei unter den jüngeren Leuten eingerissen hat, überhaupt aber die Ansicht zu herrschen scheint, daß unter Freiheit auch die Verübungen aller Straßenunfugen verstanden sei, und die Funktionen der Polizei aufgehört haben; so wird auf den Grund Stadträthlichen Beschlusses vom heutigen Nachstehendes zur Kenntnis gebracht: (...) (Die Sperrstunde wird besser überprüft, die Nachtschwärmerei verboten) Bezüglich der vorstehenden Faschingszeit wird 3.) noch besonders bemerkt, daß das Maskenlaufen bis zum Abend gestattet ist, wogegen aber die Masken sich alles unanständigen Benehmens und aller und jeder Beleidigungen gegen Bürger, Beamte und Behörden zu enthalten, im entgegengesetzten Falle aber Arretirung und gehörige Bestrafung zu erwarten haben, indem die sogenannte Maskenfreiheit keineswegs in der Berechtigung zu Verübung von Unfugen und Beleidigungen besteht'.

Zm diesen Unfugen gehört ein Akt von ganz handfestem politischen Aufbegehren, der sich wahrscheinlich gegen einen Gemeinderat oder Gemeindebediensteten richtete: 'An dem Tag an dem die Stützen der Monarchie gefeiert werden, betranken sich zwei ehrenwerte Bürger und setzten einen Vater der Stadt auf einen Dunghaufen'.

Die politische Stimmung schlägt wieder höhere Wellen. Wie schon bei den Feiern zur Verkündung der Grundrechte zu beobachten war, hat der Oberamtmann von Spaichingen, Kinzelbach, mehr Mühe, Ruhe und Ordnung in seinem Bezirk aufrechtzuerhalten Er belässt es aber bei Mahnungen und Verboten, während sein Kollege Hörner wieder Bürgerwachen einsetzt. Hörner kann sich auf einige treue Bürger verlassen, die ihm helfen, die Sicherheit in der Oberamtsstadt Tuttlingen aufrechtzuerhalten. Die Dorfbevölkerung in seinem Bezirk regt sich noch nicht".

Die unterschiedliche Stimmungslage in Tuttlingen und Spaichingen lässt sich zweifellos geschichtlich erklären. Während Spaichingen und Umgebung Jahrhunderte bis 1806 österreichisch waren, im Gegensatz zu Alt-Württemberg liberal gefärbt, ist Württemberg eher als Überwachungsstaat zu betrachten mit zu Untertanen dressierten Bürgern. Im Laufe der Zeit danach passen sich die Spaichinger köngstreu an, nachdem sie beim Übergang an Württemberg noch als Wutbürger Widerstand geleistet hatten.

Eine Anmerkung zur Rolle der  Presse  auch damals drängt sich auf, da heute noch immer Leser glauben, sie hätten ein Anrecht auf sowas wie objektive Informaton. Das gibt es nicht und hat es nie gegeben.  So wird zu den revolutionären Umtrieben  im Sommer  1848 berichtet: "Die gröt der politisch motivierten  Versammlungen findet in unserem Untersuchungsraum am 12. April in Spaichingen statt. Sogar das weit  entfernt herausgegebene Seeblatt in Friedrichshafen veröffentlicht über diese Versammlung einen längren Bericht, (während der Gränzbot die Versammlung verschweigt). Die Einwohner aus der Umgebung  ziehen 'mit Lärmen, Flinten und  Pistolen' zu der Versammlng,  die auf dem Dreifaltigkeitsberg stattfinden  soll, wegen Regens aber in der Stadt  abgehalten wird. Die Versammlung spricht sich für die Beschneidung der Rechte des Königs, aber gegen eine Republik aus; die Freiheit soll nur auf dem Boden von Gesetz und Ordnung erlangt werden.  Zur Erlangung dieser Ziele wird ein Volksverein gegründet. Außerdem unterwirft sich die Versammlung  'freudig den Beschlüssen der Nationalversammlng'".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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