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Stralsunder Kaufmann klagt

Zensur: „Facebook“ löscht nun auch schon Heinrich Heine

Von MANFRED W. BLACK

Wenn das ein Schriftsteller in seinem Roman geschrieben hätte, wäre wohl kaum ein Leser geneigt gewesen, es in der Wirklichkeit für möglich zu halten: „Facebook“ besitzt die Chuzpe, ein weltberühmtes Zitat von Heinrich Heine zu löschen.Im „Land der Dichter und Denker“ geraten jetzt auch deutsche Klassiker ins Visier der Zensoren von „Facebook“, der weltweit größten Internetplattform. Es geht um Heinrich Heine („Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“).Heine gilt als einer der bedeutendsten Dichter und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Als kritischer Journalist wurde er ebenso bewundert wie gefürchtet. In der Zeit des Deutschen Bundes belegten Zensurbehörden und Polizei Heine mehrfach mit einem Veröffentlichungsverbot.

„Der Deutsche gleicht dem Sklaven“
Von Heine stammt ein Aphorismus, der international bekannt ist und den jetzt die Zensur-Abteilung von „Facebook“ unter Quarantäne gestellt hat: „Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“ Dirk Schwarzrock (59), Kaufmann und „Facebook“-Nutzer aus Stralsund, hatte dieses Zitat kürzlich in seinem Profil veröffentlicht – und war dann bass erstaunt: Der Social-Media-Konzern löschte flugs die Heine-Worte. Mit dem Hinweis, der Beitrag verstoße gegen die Gemeinschaftsstandards zu „Hassrede und Herabwürdigung“.

Schwarzrock gegenüber der „Bild-Zeitung“: „Ich habe das Zitat daraufhin erneut gepostet, was wiederum zur Löschung führte.“ Zudem sei er als Nutzer zuerst drei und dann nochmals für sieben Tage bei „Facebook“ gesperrt worden.

An finstere DDR-Zeiten erinnert
Schwarzrock erinnern solche Zensur-Maßnahmen an finstere DDR-Zeiten. „Ich bin über das Verbot des Heine-Zitates entsetzt.“ 1986 habe er einst in der von der SED totalitär unterdrückten DDR die Ausreise beantragt. Zuvor hatte er den Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) verweigert und war deswegen inhaftiert worden. Schwarzrock: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die freie Meinungsäußerung einmal wieder so eingeschränkt werden würde.“

Doch der Stralsunder will auch gegenüber „Facebook“ nicht klein beigeben. Er hat den Hamburger Promi-Anwalt Joachim Steinhöfel eingeschaltet, der schon Hamed Abdel-Samad, Jörg Baberowski, Henryk M. Broder, Birgit Kelle, Ahmad Mansour, Matthias Matussek oder Akif Pirinçci vor Gericht vertrat. Der Rechtanwalt hat nun Klage beim Landgericht Stralsund eingereicht. Der Pressesprecher des Gerichts, Kai Klingmüller, erklärte auf Nachfrage: „Ein entsprechendes Verfahren wird bei uns geführt.“ Die Zustellung der Klage an die irische Verteidigung von „Facebook“ sei bereits erfolgt. „Der Streitwert wurde auf 1.000 Euro festgesetzt.“ „Bild“ hat die Klage mit einem einzigen Satz – lakonisch – kommentiert: „Nicht bezifferbar dürfte der ideelle Wert sein …“.
(pi-news.net)

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