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Teuerste Dauerbaustelle Spaichingens

Wie eine mittelalterliche Kathedrale: Kläranlage ist nie fertig

(tutut). Sie war die modernste ihrer Art im Kreis Tuttlingen. 1986. Damals wurde de Spaichinger Kläranlage nach mehrjähriger Bauzeit eingeweiht. 9,5 Millionen Mark hatte das gekostet, auch Nichtspaichinger hatten mitbezahlt, durch Zuschüsse, welche ja immer vom Steuerzahler kommen und nicht von einem Goldesel von Bund oder Land. Jetzt wurde wie nebenbei gemeldet, dass demnächst zur Sanierung 7 Milionen Euro fällig sind. Das wären 14 Millionen Mark, mehr also, als das 1986 gefeierte Bauwerk.
Es wäre interessant, zu erfahren, wie viele Millionen schon zwischen 1986 und heute in die Kläranlage gesteckt worden sind. Die Anlage erinnert an mittelalterliche athedralen. Die sind Dauerbaustellen. Nichts anderes ist die Spaichinger Kläranlage. Angeblich muss sie ständig auf einen neuen Stand gebracht werden, möglicherweise auch, damit Ingeneirbüros und Bau die Arbeit nicht ausgeht.
Wer legt denn Standards fest? Wer schaut in der EU mal richtig hin? Wer sagt den Spachingern und Balgheimern, die an der Kläranlage angeschlossen sind, wer hauptsächlich für den Schmutz im Abwasser verantwortlich ist? Wo sind die Probleme, werden eventuelle Hauptverursacher zur Verantwortung gezogen? Werden Schmutzquellen beseitigt? Kann der sogenannte Vorfluter Prim nicht verbessert werden durch stärkere Wasserzufuhr?
Überraschend ist, mit welch stoischen Ruhe die Bevölkerung diese Dauerbaustelle, ein teures Fass ohne Boden, zur Kenntnis bzw. Nichtkenntnis nimmt. Sind 7 Millionen Euro nichts?
Eine Musteranlage: 1986...
(Ein damaliger "zeitgenössischer" Bericht)
NEUE KLÄRANLAGE - DIE PRIM WIRD SAUBERER
Auf der Gütekarte der Gewässer war die Prim bisher als "roter Schandfleck" eingetragen, wie sich der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes in Rottweil, Dr. Loy, ausdrückte. Jetzt hat er die Hoffnung, daß sich dies ändert. Denn seit dem 3.  Oktober 1986,dem Einweihungstermin der neuen Kläranlage, hat Spaichingen "nun eine der modernsten Kläranlagen im Landkreis" (Bürgermeister Teufel) , was auch Landratsstellvertreter Volker Kauder attestierte: "Mit dieser Kläranlage haben Sie einen großen Schritt nach vorne getan und sich an die Spitze gesetzt." Nach dem ersten Bauabschnitt zwischen 1979 und 1983 und dem zweiten bis 1986 hat die Stadt 9,5 Millionen Mark ausgegeben, um jetzt die häuslichen und gewerblichen Abwässer von Spaichingen und Balgheim nach dem neuesten Stand der Technik zu reinigen, ehe sie in die Prim geleitet werden.
Jetzt ist eine weitere biologische Reinigungsstufe dazuge­kommen neben Anlagen zur Schlammaufbereitung und -beseitigung. Der gesamte Betrieb konnte erheblich verbessert werden. Für Bürgermeister Teufel bedeuten dieses Investitionen, "daß Um­weltschutz für uns kein leeres Wort ist", Umweltschutz, der nach den Worten Volker Kauders "nicht zum Nulltarif" zu haben ist. Denn für die Zukunft ist absehbar, daß bei der Abwasser­gebühr "das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist" (Bürgermeister Teufel).
Am 5. Oktober hatte die Bevölkerung Gelegenheit, sich bei Führungen auf der Anlage umzusehen, deren Betriebsergebnisse sich noch ständig verbessern sollen, nachdem die Stadt seit über einem Jahr das Institut für Umweltanalytik und Bio­technologie beauftragt hat, die Arbeit zu beobachten. Zum Einzugsbereich der Spaichinger Kläranlage gehören das bebaute Stadtgebiet und Balgheim, wobei die Größe rund 17 000 Einwohnergleichwerten entspricht.
Die hydraulische Belastung beträgt bei trockenem Wetter 105 Liter pro Sekunde, bei Regen maximal 175 Liter. Zweistufige Anlagen wie die Spaichinger können eine Reinigungswirkung des Abwassers von/90 bis 95 Prozent erreichen. Das Spaichinger Klärwerk arbeitet mit einer mechanischen Vorreinigung und einer zweistufigen biologischen Reinigung.  Seit 1956 wird das Abwasser der Haushalte und Betriebe durch mehrere Hauptsammler einer Sammel-kläranlage zugeleitet. Nachdem das Abwasser zunächst nur mechanisch geklärt worden war, kam später eine biologische Reinigungsstufe hinzu.
Um die Einrichtung den neuesten technischen Erkenntnissen und Vorschriften anzupassen, und damit die Verschmutzung der Prim so gering wie möglich zu halten, wurde 1979 mit dem Ausbau begonnen. Bauwerke der mechanischen Reinigung und die Schlammbehandlung wurden überwiegend erneuert, die Erweiterung des biologischen Teils folgte später, wobei zwei Ziele verfolgt wurden: Ver­größerung der Reinigungskapazität und zum Abbau der Kohlen­stoff Verbindungen zusätzlich noch der Abbau der Stickstoff­verbindungen.  In den bereits vorhandenen Belebungsbecken wird weitgehend Kohlenstoff abgebaut, in den neu hinzugekommenen Tropfkörpern der Stickstoff.
Um den Sauerstoffeintrag in die Belebungsbecken möglichst wirtschaftlich zu gestalten, wurden die Belüftungsturbinen durch eine moderne Druckbelüftungsanlage mit automatischer Steuerung ersetzt.Die Schlammentwässerung erhielt noch eine Kalkstabilisierungsanlage, denn die Zugabe von Kalk zum entwässerten Schlamm wird bei Bedarf notwendig, damit dieser auf einer Mülldeponie abgeladen werden kann.
Der Reinigungsprozess im Spaichinger Klärwerk: Das Abwasser wird im Pumpwerk so hoch gefördert, daß es den ersten Teil der Anlage im freien Gefälle durchfließen kann.
Am Rechen werden grobe Teile, im belüfteten Sand- und Fett­fang schwere mineralische Stoffe wie Fette und Öle zurück­gehalten. Sie kommen auf die Mülldeponie und in den Faul­turm. Im Vorklärbecken setzen sich nichtgelöste Schlamm­partikel an der Sohle ab. Das Abwasser gelangt nun in die erste biologische Stufe mit Belebungsbecken und Zwischen­klärbecken. In den Belebungsbecken schwimmen Mikroorganismen als Schlammsubstanz und nehmen gelöste Schmutzstoffe als Nahrung auf. über die Belüftung erhalten sie ständig Sauer­stoff. In den Zwischenklärbecken werden Abwasser und Be­lebtschlamm durch Absetzen des Schlammes wieder getrennt. Der Schlamm wird in die Belebungsbecken zurückgepumpt.
In der zweiten biologischen Stufe, in den Tropfkörpern, sind wieder Mikroorganismen am Werk, angesiedelt auf Lavagestein. Das Abwasser wird auf der Oberfläche gleichmäßig verspritzt und rieselt durch die Steinfüllung. Dabei werden auch verbrauc Mikroorganismen als Schlammfladen abgespült und im Nachklär­becken durch Absetzung wieder im Wasser getrennt, das nun in die Prim geleitet wird.
Der Schlamm wird in den beheizten Faulturm gepumpt, wo sich bei rund 33 Grad weitere SchmutzStoffe zersetzen. Das entstehende Klärgas ist brennbar und wird im Gasmotor zur Erzeugung von Wärmeenergie und von Elektrizität oder im Heizkessel verwendet. Im sogenannten Nacheindicker folgt die Zwischenlagerung des Schlamms. Mit hohem technischen Aufwand muftler in der Siebbandpresse verdichtet werden, bevor er zur Deponie gebracht werden kann.
Alle zur Abwasserreinigung verwendeten Maschinen werden automatisch gesteuert, wobei Korrekturen wegen des unter­schiedlichen Mengen- und Verschmutzungsgrades unumgänglich sind. Viele Maschinen laufen rund um die Uhr. Regelmäßige Laboruntersuchungen überprüfen die Reinigungsleistung des Klärwerks. (Aus dem "Spaichinger Heimatbrief" von 1987).