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They Shall Not Grow Old

1. Weltkrieg: Wo bleibt die Sachlichkeit?

Von Gastautorin Ines Hiller

Peter Jackson – bekannt z.B. durch die Filmtrilogie „Herr der Ringe“ hat im Auftrag der BBC einen Dokumentarfilm zum 100. Jahrestag des Versailler Vertrags vorgelegt. Einen Antikriegsfilm über eine der schrecklichsten Erfahrungen in der gemeinsamen europäischen Geschichte. Mit den von Lippenleseexperten aufgezeichneten Gesprächen aus dem Stummfilmmaterial des Imperial War Museums, ergänzt durch das Voice-Over anonymer Veteranen, die über ihre Kriegserlebnisse sprechen und mit den digital archivierten Bilden wird die nüchterne bis grauenvolle Realität des Krieges vor mehr als 100 Jahren vorgeführt; ein abstraktes, expressionistisches Bild vom Krieg und seinen unendlich unsinnigen und schrecklichen Leiden an allen Fronten.

Der Film beschreibt die Kriegserlebnisse britischer Soldaten und beginnt mit der Begeisterung der jungen Männer fürs Soldatentum. Sie schummeln ihr Alter herauf, um an der schnellen Vernichtung der Deutschen teilnehmen zu können. Manchmal nur 15 oder 16 Jahre alt ziehen sie in den Krieg und erwarten – von der öffentlichen Propaganda voll manipuliert – einen Abenteuerurlaub mit Camping.

Nach relativ kurzem militärischen Drill der zunächst noch singulären jungen Männer in der Heimat, werden sie im dem Zug nach Dover, von dort mit dem Schiff nach Calais transportiert und sind jetzt bereits eine gut dirigierbare Masse. Der Marsch Richtung Front führt durch Frankreichs unversehrtes Bauernland, bis hinein in die totale Verwüstung und Verödung: Im Labyrinth angeordnete Gräben mit Würmern und Fliegen auf den Leichen im trüben Schimmern des faulenden Schlamms, Läuse, Ratten, Kälte, Schmutz, Müdigkeit, Krankheit und harte Arbeit werden zur Über- und Lebensrealität.

Die Kameradschaft in den Schützengräben, nicht nur unter den Mitsoldaten, sondern zuweilen auch mit den Feinden, die ebenso jung sind, manchmal englisch sprechen und wenn sie aus Bayern oder Sachsen kommen auf den Krieg schimpften, Alkohol und die tröstliche, wenn auch käufliche Liebe in den seltenen Kampfpausen bieten Abwechslung. Dann platzt wieder der Schädel des Freundes nach Beschuss durch den Feind oder das Phosgen hüllte die Landschaft in quälenden, giftigen Nebel.

Im fast quälend endlos langen Abspann werden alle Protagonisten des Films, auch die über 200 interviewten Veteranen (?) aufgeführt, begleitet von “Mademoiselle from Armentières”, einem Lied, das während des Krieges besonders beliebt war.

Im Anschluss an die Aufführung des Films am 11.07.2019 in der Astor Lounge wurde in der öffentlichen Diskussion zwischen dem Initiator – die Zeitschrift Cicero –, vertreten durch Herrn Maguire, einem ZEIT-Historiker, und den Zuschauern über den enormen zeitlichen und materiellen Aufwand des Films gesprochen. Der Wunsch nach einer Auseinandersetzung mit dem 1. Weltkrieg aus deutscher Sicht wurde aus dem Publikum vorgetragen.

Eine sachliche Betrachtung der Entstehung des 1. Weltkrieges und seiner Auswirkungen auf die Entwicklung des Nationalsozialismus in Deutschland wäre sinnvoll. Der zur Zeit ausufernde und der geschichts-ignorierende „Kampf gegen Rechts“ und die von einem Teil der deutschen Bevölkerung befürchtete Gefahr durch im Gleichschritt durch das Brandenburger Tor marschierenden, Fackeln tragenden AfD-Horden ist absurd und irreführend.
(vera-lengsfeld.de)

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