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Undank ist der Welt Lohn

Streit um Bewirtung Einblick in Spaichinger Esskultur von 1849 zu verdanken

Abbildung nach Wilhelm Busch.
(tutut). Da hatte sich der Weinhändler M. Ketterer 1849 in Spaichingen so um seinen Mieter, den Obermann Siegel vom königlich württembergischen Oberamt, gesorgt, und dann verlor er nicht nur seinen Hausgast, sondern mußte auch hören, wie in der Stadt allerlei Gerüchte über seinen Geiz verbreitet wurden. Vor allem am Essen habe es gemangelt, weshalb der Siegel sich nach einer anderen Bleibe umsah. Es waren keine rosigen Zeiten, die Jahre im 19. Jahrhundert, viele Spaichinger und Heuberger kehrten ihrer Heimat den Rücken, um in Übersee und anderswo Arbeit und
Brot zu finden. Deshalb wäre es durchaus verständlich gewesen, wenn selbst ein Weinhändler seinen Mieter auf schmale Kost hätte setzen müssen.
Dem war aber nicht so. Wie aber sollte Ketterer gegen die Gerüchte angehen, wie jedermann beweisen, daß er den Obermann keineswegs habe hungern lassen? Der Weinhändler muß ein moderner Mensch gewesen sein, welcher die Stunde des neuen Mediums, des "Heuberger Boten", den es gerade ein Jahr gab, zu nutzen wußte! Unter der Rubrik "Privat-Bekanntmachungen" rückte er ins heimische "Amts-, Intelligenz- und politische Volksblatt für das Oberamt Spaichingen" mit dem Datum vom 18. August 1849 einen Artikel, in dem er zum Gegenbeweis antrat: "Da über die Ursache der Umquartierung des Obermann Siegel das Gerücht circuliert, er hätte bei mir nicht genügende Kost bekommen, so will ich offenen Tisch mit ihm halten und die Speisen, die er theilweise mit mir, theilweise abgesondert genossen hat, herzählen, nicht in der Meinung, dadurch irgend einen Gaumen kitzeln zu wollen, sondern um nachzuweisen, daß ich in Reichung der Kost unter dem vorgeschriebenen Maaße in Beziehung auf Quantität und Qualität nicht zurückgeblieben bin."
Was der Weinhändler danach aufzählt, läßt die Herzen von Heimatforschern höherschlagen, denn wer weiß heute noch, was seinerzeit bei den Spaichingern auf den Tisch kam. Bei den "besseren" Spaichingern, muß man wohl hinzufügen, denn der Speisezettel eines Weinhändlers  dürfte den meisten Einwohnern wohl Wunschtraum bedeutet haben.
Ketterer muß genau Buch geführt haben. Unter dem 12. August listet er auf, was dem Obermann bei seiner Ankunft gereicht worden war: "Ein Schoppen Wein mit Brod, mittags Fleisch, Späzle und Gemüß mit einem Schoppen Wein, abends Suppe, Braten und Salat". Am 13. August gab es "morgens Kaffee mit Brod, mittags Fleisch, Späzle, gelbe Rüben und Rettich; abends Suppe, geröstete Leber, geröstete Kartoffeln und einen Schoppen Wein." Am 14. August wurden dem Mieter "morgens Kaffee mit Brod und ein Glas Kirschenwasser, mittags Fleisch mit Kohl, Kohlrüben und Späzle und ein Schoppen Wein, abends dem von Siegel übergebenen Küchenzettel zufolge eine Rahmsuppe mit Erdäpfeln in Montur und Milch" serviert, außerdem wurde ihm "ein Glas Kirschenwasser gereicht". (Ein Schoppen Wein war in  Württemberg 0,459 Liter).
Am 15. August gab es morgens wieder "Kaffee mit Brod, mittags Fleisch mit Rettich und einen Schoppen Wein, abends Suppe, geröstete Kartoffeln, eingemachtes Kalbfleisch und einen Schoppen Wein." Als Siegel am 16. August den Weinhändler verließ, hatte er morgens wiederum "Kaffee mit Brod" und beim Verlassen einen Schoppen Wein "mit Brod" erhalten. Der Weinhändler weist noch darauf hin, daß zum Kaffee jeweils Brot fur je zwei Kronen hingestellt wurde, wieviel Brot Siegel dann zu anderen Speisen und Getränken essen wollte, sei ihm überlassen worden. Mit dieser eigentlich recht üppigen Speisefolge seien alle vor Siegel einquartierten Leute der Verwaltung, "worunter mehrere ven gleichem und höherem Range" waren, zufrieden gewesen.
So muß der Weinhändler den Abgang seines Mieters mit einiger Verärgerung zur Kenntnis genommen haben, nach dem Motto  "Undank ist der Welt  Lohn". Deshalb gibt er ihm noch einen guten Rat mit auf den Weg: "Wenn ich das Benehmen des Herrn Siegel mit der neuesten Ministerial-Verfügung zusammenhalte, so muß ich ihm rathen, seine Ansprüche mit seiner gegenwärtigen Stellung anzupassen, wenn er nicht mindestens im Stillen als ein hochtrabender Mensch von seinen Quartierträgern charakterisiert werden will".
Ob der Weinhändler mit dieser Bekanntmachung seinen Zweck erreichte oder nicht eher erst recht die Spötter geweckt hat, wissen wir nicht. Warum der Obermann wirklich schon nach wenigen Tagen das Quartier gewechselt hat, ist uns leider auch nicht bekannt, mag ja sein, daß andere Gründe als das Essen ihn vertrieben. Auf jeden Fall hat er diesen öffentlichen Angriff, der eine Verteidigung war, nicht pariert. Dies lag vermutlich weniger daran, daß er aus Höflichkeit und Überlegenheit schwieg, viel eher werden ihn die Vorgesetzten dazu "überredet" haben, auf öffentliche Händel dieser Art zu verzichten.
Zur Ernährung der Menschen in jener Zeit liefert der "Heuberger Bote" zufällig noch einen weiteren Hinweis, entnehmbar einer Bekanntmachung vom 30. Juli l849, in der die Bevölkerung informiert wird, was einquartierten Soldaten vom Bataillonsadjutant und Oberfeldwebel abwärts an Verpflegung zu reichen ist. Gleichzeitig wird damit der Begriff "Hausmannskost" definiert: "Die volle Tagesverköstigung besteht aus dem Mittag- und Abendessen des einen und dem Morgenessen des darauffolgenden Tages ohne Wein, Bier oder Branntwein, welche nicht gefordert werden
können. Es soll bestehen: Das Mittagessen in Suppe, in einem halben Pfund Fleisch, in Gemüse und einem halben Pfund Brod; das Abendessen in Gemüse und einem halben Pfund Brod; das Morgenessen in Suppe und einem Pfund Brod".