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Von der Magistralen Polen-Sizilien zum Lokalbähnle

Die Gäubahn ist nur noch ein Schatten ihrer selbst

(tutut). Für politische Tigersprünge ist die Gäubahn noch immer gut. In dem Verwirrspiel der Ankündigungen, Dementi, Spekulationen, mit denen regelmäßig die Öffentlichkeit versorgt wird, geht stets unter, dass die Springer als Bettvorleger landen. Niemand blickt mehr so richtig durch, was mit der Gäubahn los ist im Jahre 2012. Aus der einstigen europäischen Magistrale Danzig-Rom ist heute ein Lokalbähnle geworden, das zum Ergötzen kommunaler Riesenstaatsmänner wie eine Spielzeugeisenbahn im Kreis herumfährt und damit den überregionalen Verkehr auf diesen Gleisen behindert oder blockiert. Und dieses Bähnle funkioniert auch nur einigermaßen, weil manche Verbindungen, beispielsweise per Bus, unnötigerweise eingeschränkt werden zugunsten dieses Ringelreigenbähnles.
Viel Wasser ist Neckar und Donau hinuntergeflossen, seit die Gäubahn, gemeint ist ursprünglich die 148,5 Kilometer lange Strecke Stuttgart-Hattingen, die zwischen 1864 und 1879, das Stück Tuttlingen-Hattingen erst 1934, gebaut worden ist. Seit die Franzosen nach dem 2. Weltkrieg ein Gleis zwischen Horb und Hattingen als Kriegsbeute mitgenommen haben, haben es Deutschland und Baden-Württemberg nicht geschafft, für Ersatz zu sorgen. Wahrscheinlich braucht die Politik ein solches Dauerschwätzthema. Es ist nämlich prima geeignet, mit umgekehrter Salamitaktik jedes Jahr über ein neues Scheibchen zu lamentieren, das helfen soll, eine längst gevesperte Wurst wieder zusammenzusetzen.
So werfen sich Politiker in die Brust, von einem Kilometerchen Reparatur hier zu reden, von einem anderen dort, so wie man der Katze einen Leckerbissen hinwirft, und meinen, damit der Bevölkerung die Augen wischen zu können über Versäumnisse. Denn kleine Lückenbüßer führen nicht zur Zweigleisigkeit. Dabei kann nur sie ein erforderliches leistungsfähiges Schienennetz flicken.
Die Geschichte der Gäubahn ist lang, sie war anfangs auch nicht zweigleisig, fast noch länger sind inzwischen Absichtserklärungen, um ihre nicht nur einstige Bedeutung wiederherzustellen, sondern ihrer heutigen Aufgabe in Europa gerecht zu werden. Zu viele Kirchtürme stehen da noch im Weg herum. Während anderswo nicht nur Bürgeraufstände wegen notwendiger und international verpflichteter 3. und 4. Gleise im Gang sind, reicht es auf der Gäubahn noch immer nicht auf einem wichtigen Streckenabschnitt zum verlorenen 2. Gleis. Die letzten Jahrzehnte haben die Gäubahn zur politischen und auch technischen Achterbahn gemacht, was wurde da nicht alles probiert, um den Verkehr zu beschleunigen, ein Flop folgte dem nächsten. Gleichzeitig gab es Bemühungen, die Bahn aufs nutzlose Abstellgleis zu führen. Heute ist sie langsamer denn je, es fehlen die Schnellverbindungen, sie hat noch lokale Bedeutung.
Angesichts aber der Probleme im Rheintal braucht Europa die Nord-Südverbindung, die Magistrale mit dem wichtigen Zwischenstück zwischen Polen und Sizilien, zwischen Ostsee und Mittelmeer, die Gäubahn. Nicht nur für den Personenverkehr, sondern vor allem auch für den immer wichtiger werdenden Güterverkehr. Wenn nicht die grün-rote Regierung, wer sollte denn sonst der Bedeutung einer Verlagerung von Verkehr auf die Schiene zum politischen Hauptziel machen können? Zur Gäubahn ist da auch nicht mehr zu hören wie von der Vorgängerregierung. Oder kommt irgendwas Greifbares aus Berlin?
Es ist müßig, all die Ankündigungen aufzuzählen, mit denen die Gäubahn seit Jahrzehnten scheinbar auf Vordermann gebracht wird. Das Resultat kann jeder sich anschauen. Immer neue Themen werden dabei mit der Gäubahn in Zusammenhang gebracht. Plötzlich soll sie sogar zum Stuttgarter Flugplatz führen. In Wirklichkeit wird herumgekleckert mit Minimalbeträgen. Wenn das Königreich Württemberg so seine Verkehrsinfrastruktur ausgebaut hätte, säßen die Württemberger noch mit der Ziege hinterm Misthaufen als Tourismusfolklore.
Wer die letzten Jahre Diskussion um die Gäubahn verfolgt, muss an der Ernsthaftigkeit aller Verantwortlichen zweifeln. Bis jetzt liegt kein Konzept vor über die Zukunft dieser Bahn, bis jetzt sind keine ernsthaften Bemühungen der Verantwortlichen erkennbar, der Bedeutung dieser Magistrale gerecht zu werden. Wenn die Gäubahn nicht als Sauschwänzlebahn enden soll, muss ihr Ringelschwänzchen an Bahngelaber abgeschnitten werden. Es geht um den Speck, der unter einer dicken Schwarte ruht, an der sich die Politik seit Jahrzehnten nur noch reibt, mit der Vergesslichkeit der Menschen rechnend, die vergebens auf den versprochenen Schinken warten und deshalb der. nächsten Sau sich zuwenden, die gerade durchs Dorf getriebn wird.