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Was stört, wird zerstört

Abstimmungen sind nur Anschauungen einer kleinen Minderheit

Die parlamentarische Regierung faßt übrigens das Ideal aller modernen Kulturvölker in sich zusammen. Es bringt den psychologisch falschen, aber allgemein anerkannten Gedanken zum Ausdruck, daß eine Vereinigung von vie- len Menschen im gegebenen Falle fähiger ist, eine kluge und unabhängige Entscheidung zu treffen, als eine kleine Anzahl. In den Parlamentsversammlungen finden sich die Grund merkmale der Massen wieder: Einseitigkeit der Ideen, Erregbarkeit, Beeinflußbarkeit, Überschwenglichkeit der Gefühle, überwiegender Einfluß der Führer. Aber infolge ihrer besonderen Zusammensetzung weisen die parlamentarischen Massen einige Unterschiede auf. Wir werden sie sogleich feststellen.

Die Einseitigkeit der Anschauungen gehört zu den aus- geprägtesten Merkmalen dieser Versammlungen. Man trifft bei allen Parteien, namentlich der lateinischen Völker, die unveränderliche Neigung, die verwickeltsten sozialen Fragen durch die einfachsten begrifflichen Grundsätze und durch allgemeine Gesetze zu lösen, die in jedem Falle angewandt werden können. Natürlich sind die Grundsätze bei jeder Partei verschieden; aber allein durch die Tatsache ihrer Vereinigung zu Massen haben die einzelnen stets die Neigung, den Wert dieser Grundsätze zu überschätzen und sie zu den äußersten Folgerungen zu treiben. Übrigens vertreten die Parlamente hauptsächlich die äußersten Ansichten.

Der vollkommenste Typus der Einseitigkeit der Versammlungen wurde durch die Jakobiner der großen Französischen Revolution verwirklicht. Da sie alle Dogmatiker und Logiker waren, die den Kopf voll verschwommener Gemeinplätze hatten, bemühten sie sich, unbekümmert um die Tatsachen, feste Grundsätze anzuwenden; und man hat mit Recht behauptet, sie hätten die Revolution erlebt, ohne sie zu sehen. Sie bildeten sich ein, mit einigen Glau- benssätzen eine Gesellschaft von Grund auf umgestalten und eine verfeinerte Kultur auf eine längst überschrittene Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung zurückbringen zu können. Die gleiche völlige Einseitigkeit prägt sich auch in den Mitteln aus, die sie zur Verwirklichung ihres Traumes anwandten. In Wirklichkeit beschränkten sie sich auf die gewaltsame Zerstörung dessen, was sie störte. Übrigens beseelte alle, Girondisten, Bergpartei, Thermidorianer usw. derselbe Geist. Die parlamentarischen Massen sind Einflüssen sehr zugäng- lich, und die Suggestion geht hier wie bei den übrigen Massen von Führern aus, die ein Nimbus umgibt.

Doch hat in den Parlamentsversammlungen die Beeinflussung sehr klare Grenzen, die wir abstecken müssen. Über alle Fragen lokalen Interesses hat jedes Mitglied einer Versammlung feste, unverrückbare Ansichten, die durch kein Beweismittel zu erschüttern sind. Nicht einmal das Talent eines Demosthenes könnte die Abstimmung eines Abgeordneten über Fragen des Schutzzollsystems oder das Branntweinprivileg ändern – worin sich die Forderungen einflußreicher Wähler äußern. Die vorangegangene Beeinflussung durch die Wähler hat solches Übergewicht, daß alle andern Einflüsse aufgehoben sind und eine unbedingte Festigkeit der Meinung aufrechterhalten wird. In allgemeinen Fragen aber, dem Sturz eines Ministeriums, der Auflage einer neuen Steuer usw., bestehen keine fest gelegten Meinungen, und die Suggestionen können sich auswirken, wenn auch nicht ganz so stark wie in einer gewöhnlichen Masse.

Jede Partei hat ihre Führer, die bisweilen gleichstarken Einfluß ausüben. Der Abgeordnete befindet sich also zwischen entgegengesetzten Einflüssen, und es kann nicht ausbleiben, daß er unsicher wird. Daher sieht man ihn zuweilen schon nach einer Viertelstunde in entgegengesetztem Sinne abstimmen und einem Gesetz einen Zusatz beifügen, der es aufhebt: etwa den Industriellen das Recht der Auswahl und der Entlassung ihrer Arbeiter nehmen, und dann diese Maßnahmen durch einen Zusatz so ziemlich wieder für ungültig erklären. Daher zeigt eine Kammer in jeder Legislaturperiode neben sehr festen Anschauungen andere, ganz unbestimmte. Da aber im Grunde die allgemeinen Fragen die meisten sind, so herrscht Unentschiedenheit vor, die durch die ständige Furcht vor dem Wähler genährt wird, dessen verborgener Einfluß dem der Führer stets das Gegengewicht zu halten weiß.

Und doch sind in den Auseinandersetzungen, wenn die Teilnehmer nicht von vornherein festgelegte Meinungen haben, die Führer die eigentlichen Herren. Führer sind offenbar notwendig, denn man findet sie als Parteihäupter in allen Ländern. Sie sind die wahren Herren der Versammlungen. Die Menschen, die in den Massen vereinigt sind, würden ohne Führer nicht fertig werden, und so zeigen die Abstimmungen im allgemeinen nur die Anschauungen einer kleinen Minderheit.Ich wiederhole: die Führer wirken nur sehr wenig durch. Auf diese schon im voraus durch die Bedürfnisse der Wähler festgelegten Ansichten bezieht sich offenbar folgende Bemerkung eines alten englischen Parlamentariers: „In den fünfzig Jahren meiner Anwesenheit in Westminster habe ich Tausende von Reden gehört und nur wenige haben meine Ansichten verändert; aber nicht eine einzige hat auf meine Abstimmung Einfluß gehabt.“
(Aus Gustave Le Bon "Die Psychologie der Massen", 1895)

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